Matthias Stappert im Abschiedsinterview

Vöhls Bürgermeister zieht Bilanz: „Schwierige, erfolgreiche Amtszeit“

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Der Arbeitsplatz im Rathaus: Noch bis Ende November wird Matthias Stappert Chef im Vöhler Rathaus sein. 

Vöhl – Nach sechs Jahren übergibt Vöhls Bürgermeister Matthias Stappert Ende November das Amt an Nachfolger Karsten Kalhöfer.

Im Interview blickt er zurück auf erfolgreiche Projekte und auf Entscheidungen, die er rückblickend anders fällen würde.

Herr Stappert, wenn Sie heute zurückblicken auf Ihren ersten Tag im Amt: Hatten Sie sich etwas anders vorgestellt, als es letztlich gelaufen ist?

Das ist eine interessante Frage. Eigentlich ist man am ersten Tag im Amt sehr optimistisch. Nach sechs Jahren bin ich etwas gesetzter. Ich hatte natürlich nicht geplant, nach einer Wahlperiode zu gehen, das ist nie meine Absicht gewesen. Ich hatte immer mindestens zwei Wahlperioden im Auge. Meine Frau und ich haben uns hier ja auch niedergelassen, hatten ein Haus gekauft und Freunde gefunden.

Sie haben im Dezember 2018 sehr deutlich gesagt, warum Sie nicht mehr antreten werden. Würden Sie es wieder so machen?

Auf jeden Fall. Die Menschen, die mich kennen, kennen mich als direkten und gradlinigen Menschen. Das Schönreden von Sachverhalten ist nicht meine Art. Auch viele persönliche Gespräche nach meiner Ankündigung haben mir gezeigt, dass meine Gründe auch der Wahrheit entsprechen und nicht allein mein subjektives Empfinden waren.

Ist es vielleicht auch schwierig gewesen das Amt auszuüben, weil Sie Außenstehender waren?

Ja. Wenn Sie von außen kommen, haben Sie keinen Einblick in Netzwerke, Strukturen und Verbindungen. Das macht es schwer. Zudem wird man einzig und allein als Bürgermeister wahrgenommen, nicht als Mensch, der auch ein Privatleben hat. Als Außenstehender sieht man die Dinge, die im Argen liegen. Diese Dinge, die vielleicht geändert werden müssen, sind für manche aber selbstverständlich.

Gibt es Projekte aus den vergangenen Jahren, auf die Sie stolz sind?

Zusammen mit den Gremien habe ich es geschafft, rund 3,2 Millionen Euro Investitionskredite abzubauen, wir haben Schuldenabbau betrieben, Kassenkredite sind seit zwei Jahren nicht mehr vorhanden. Aktuell haben wir einen Kassenbestand mit einem Plus von zwei Millionen Euro. Wirtschaftlich sind wir deutlich besser aufgestellt als 2013. Das gibt Handlungsspielräume für die Zukunft.

Welche weiteren Projekte sind gelungen?

Wir haben es geschafft, alle Einrichtungen zu erhalten, haben keine Dorfgemeinschaftshäuser oder Kindergärten geschlossen. Auch, wenn die Postagentur und der Jugendzeltplatz jetzt in anderen Händen liegen: Sie sind weiterhin da. Natürlich bin ich stolz darauf, dass neue Unternehmen in unsere Gemeinde gekommen sind, die Steuern zahlen und Arbeitsplätze bringen. Ich habe mich auch immer dafür eingesetzt, dass ortsansässige Betriebe Entwicklungsmöglichkeiten haben, zum Teil gegen erhebliche Widerstände.

Und noch zwei Dinge: Zum einen die Zusatzbezeichnung Nationalparkgemeinde, die wir Anfang des Jahres auf meine Initiative hin verliehen bekamen. Das dokumentiert die Verbundenheit zum Nationalpark mit seinen Potenzialen für die Region. Gleichzeitig hat es positive Aufmerksamkeit in Wiesbaden auf Vöhl gelenkt.

Und der zweite Punkt?

Ich bin stolz darauf, dass ich mit dabei sein durfte, als der Landschaftspflegeverband Waldeck-Frankenberg gegründet wurde, dessen Vorsitzender ich etwas mehr als zwei Jahre war. Das ist eine gute Sache für unsere Gemeinde, aber auch für den gesamten Landkreis. Noch eines fällt mir ein: der Vöhler Gutschein. Das ist Geld, das in der Gemeinde bleibt, und es ist ein schönes Präsent.

Das waren gelungene Vorhaben. Wo hätten Sie rückblickend gesehen anders agieren müssen?

Da gibt es sicher einiges. Im Zwischenmenschlichen zum Beispiel. Ich bin sehr gradlinig, vielleicht wäre etwas mehr Diplomatie an der ein oder anderen Stelle sinnvoll gewesen. Zudem hätte ich deutlich eher in den Gremien versuchen müssen, mehr Einnahmekraft zu erreichen, wir hätten eher Steuern erhöhen müssen, spätestens 2017.

Dann hätte man früher mehr Gestaltungsspielraum gehabt?

Ja. Auch wenn es die zweite Steuererhöhung in meiner Amtszeit gewesen wäre, wäre es aus heutiger Sicht der richtige Weg gewesen.

Wenn Sie mal in die Glaskugel schauen: Wie wird sich die finanzielle Situation entwickeln?

Das Thema Finanzen wird ein Dauerthema bleiben. Auch wenn wir derzeit gut dastehen: Die eigene Wirtschaftskraft der Gemeinde ist überschaubar. 65 Prozent unserer Erträge sind von Dritten abhängig, beispielsweise der Umsatzsteuer. Wenn das Wirtschaftswachstum abflaut, schlägt das direkt in unseren Haushalt durch. Wir brauchen eine Stärkung der eigenen Steuerkraft.

Welche weiteren Themen müssen dringend angegangen werden?

Demografie wird ein Thema bleiben. Da wird es zum Beispiel spannend sein, wie sich unsere Feuerwehren aufstellen. Wir haben 14 Ortsteilfeuerwehren, 14 Feuerwehrhäuser, die unterhalten werden müssen, und wir merken, dass der Nachwuchs zunehmend fehlt. Die Frage, wie der gemeindeweite Brandschutz sichergestellt werden kann, ist wichtig.

Läuft es auf die Zusammenlegung von Feuerwehren hinaus?

Da gibt es sicher Optimierungsmöglichkeiten. Das geht aber nur freiwillig. Ein weiteres Zukunftsthema der Gemeinde wird die Digitalisierung sein. Das wird für kleine Kommunen schwierig und da sehe ich die Notwendigkeit, verstärkt in die interkommunale Zusammenarbeit einzusteigen.

In einem Satz: Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Unter den gegebenen Rahmenbedingungen habe ich das Beste für die Gemeinde erreicht. Ich habe wichtige Grundlagenarbeit betrieben, aber auch Zukunftsprojekte anstoßen und begleiten dürfen. Es war eine schwierige, aber auch erfolgreiche Amtszeit.

Ein wichtiger Aspekt für die Gemeinde Vöhl ist der Tourismus. Abgesehen von der Zusatzbezeichnung Nationalparkgemeinde: Was haben Sie gemacht, um den Tourismus voranzubringen?

Ich habe die Einbindung der Gemeinde in Gemeinschaftsprojekte betrieben. Etwa das Fahrziel Natur. Nur durch die Bahnreaktivierung und den Nationalpark war es überhaupt möglich, dieses Etikett zu bekommen. Auch die Ederradweg-Kooperation ist zu nennen. Auf Dauer ist eine deutliche Qualitätsverbesserung des Radwegs zu erreichen und ihn damit besser am Markt zu positionieren. Die Gemeinde Vöhl ist auch beim Grenztrail Waldeck-Frankenberg dabei, einem der wichtigsten Zukunftsprojekte im Landkreis. Wir sind gut beraten, dort auf Dauer mitzuarbeiten.

Die Schaffung einer größeren Marketingorganisation wie durch die Edersee Touristic und die Staatsbad Bad Wildungen GmbH ist für unsere Region ein folgerichtiger und wichtiger Schritt.

Wie geht es für Sie persönlich weiter?

Ich werde in den Ruhestand gehen und erst mal viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Darauf freue ich mich sehr. Ich werde mir aber auch neue Ziele setzen. Wie diese aussehen werden, werde ich dann mit meiner Familie besprechen.

"Verleumdungen, Anfeindungen, Beschimpfungen": Im Dezember hatte Stappert angekündigt, nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen.

 

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