Unterbringung in psychiatrischem Krankenhaus

Nach Brandstiftung in Dorfitter zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt

Die Feuerwehr verhinderte beim Brand im Januar schlimmeres.
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Der Einsatz von 75 Feuerwehrleuten verhinderte beim Brand im Januar schlimmeres.

Der junge Mann, der in einem Mietshaus in Dorfitter Feuer gelegt hat, wurde am Amtsgericht Korbach zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt – zunächst wird er jedoch in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.

Dorfitter/Korbach – Dort bleibt er, bis die Ärzte ihn entlassen. Der gebürtige Eritreer leidet mindestens seit Anfang des Jahres an einer paranoiden Schizophrenie, die sich seit Jahren anbahnte und in zahlreiche Delikte hineinspielte.

Heraus ragt die schwere Brandstiftung am 16. Januar: In der Nacht zuvor hatte er sich von Klopfgeräuschen gestört gefühlt – Akoasmen, also akustischen Halluzinationen, erläuterte ein Facharzt als Gutachter. Der junge Mann schrieb sie Nachbarn zu, es kam zum Streit. Abends wurden dann Feuer in der Waschküche und dem Zimmer des Angeklagten entdeckt, für das sonst nur der Vermieter einen Schlüssel hat. Die Feuerwehr löschte beide Brände. Verletzt wurde niemand, es entstand ein Schaden in Höhe zehntausender Euro.

Der junge Mann war derweil nirgends zu finden und schaltete nach ersten Kontaktversuchen des Vermieters sein Handy aus. Das Jugendschöffengericht sah wie die Staatsanwaltschaft in ihm den Schuldigen: „Die Indizienkette ist so stark, dass keine vernünftigen Zweifel bestehen“, erklärte Richterin Dr. Peter. Andere Erklärungen, die der in diesem Punkt Freispruch fordernde Verteidiger zumindest für vorstellbar hielt, seien fernliegend.

Über Wochen und Monate unbewohnbar waren weite Teile des Hauses in Dorfitter nach dem Brand.

Die anderen Anklagepunkte der umfangreichen Anklage räumte der Angeklagte größtenteils ein: Nach seiner Verhaftung beleidigte er Mitarbeiter der JVA Wiesbaden, zuvor wurde er beim Ladendiebstahl und 16 Schwarzfahrten in der Bahn erwischt, fügte einem Korbacher Kneipenbesucher mit einer geworfenen Bierflasche eine Platzwunde am Hinterkopf zu und schlug bei einem Fahrradgeschäft in der Hansestadt ein Fenster ein – rein aus psychischem Druck, sagte er, das Gericht ging von versuchtem Diebstahl aus.

Brandstiftung in Dorfitter: Schuldfähigkeit erheblich vermindert

Von erheblich verminderter Schuldfähigkeit sprach der Gutachter – schuldunfähig habe ihn die Krankheit aber nicht gemacht. Stark prägte sie die Brandstiftung: zum einen durch die Akoasmen als Anstoß, zum anderen, weil er schnell in starke Erregungszustände gerät und gefährlich handelt. Auch die Vorfälle in der JVA zeigten die Psychose. Dem Kneipenbesucher habe er attackiert, weil er ohne feststellbaren Grund einen Angriff befürchtete: „Er erwartete vom Menschen nur das Schlechteste“, so der Gutachter. Bei den anderen Fällen habe er sich willensschwach treiben lassen. Zur besseren Begutachtung wurde der Mann bereits in einer Psychiatrie untergebracht, wofür der Prozess ausgesetzt und neu gestartet werden musste.

Viele belastende Symptome der paranoiden Form der Schizophrenie treten bei dem jungen Mann auf: Er hörte Stimmen, die sich über ihn unterhalten und sein Handeln kommentieren. Er leidet an zerfahrenem Denken und Ich-Störungen, meint also beispielsweise, dass andere seine Gedanken lesen können. Für den weiteren Verlauf entscheidend seien die Negativsymptome wie Apathie, Sprachverarmung und Rückzug in Isolation. Seit er Medikamente nimmt, wird vieles besser, im Laufe des Prozesses wurde er offener. Eine Behandlung brauche aber Jahre, so der Gutachter.

Ohne bestehe ein sehr hohes Risiko, dass der nun zweimal verurteilte Brandstifter wieder straffällig wird und Menschen in Gefahr bringt. Also beschloss das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus: „Wir glauben, dass das auch das beste für Sie ist“, gab die Richterin ihm mit.

Urteil in Korbach nicht die erste Strafe

Vermutlich verließ der junge Eritreer Äthiopien mit seinem Bruder – ohne recht zu wissen, was er in Deutschland eigentlich wollte. Teile seiner Biografie wie Familienverhältnisse, Alter oder Erlebnisse auf der Flucht wurden mehrmals unterschiedlich geschildert. „Wir haben hier einen jungen Menschen, von dem wir eigentlich gar nichts wissen“, befand der Vertreter der Jugendgerichtshilfe, der vermutlich 21-Jährigen ihn schon seit einem Prozess im Jahr 2017 kennt. Bei den Ungereimtheiten spielte die Krankheit eine Rolle – aber vielleicht auch, dass Schleuser Flüchtlinge Falschangaben verinnerlichen lassen. Wann, wo und von wem er geboren wurde: „Ich weiß nicht, ob er es selber noch weiß.“ Nicht nur den Bruder hat er aus den Augen verloren, er sei völlig entwurzelt.

Auch Erlebnisse und Aussichten in Deutschland sah die Jugendgerichtshilfe nicht positiv: Der junge Mann scheiterte am Hauptschulabschluss – damit war eine zuvor vorhandene Ausbildungs-Option passe. Versuche, auf eigenen Füßen zu stehen, scheiterten. Er zeigte trotziges Verhalten, gab immer anderen die Schuld – teils seien das kindliche Züge. Er verstehe die Institutionen wie das Arbeitsamt nicht, sei unreflektiert und planlos.

Die Arbeit an seinen psychischen Problemen vermied er, das kenne er aus der Heimat nicht: „Er weiß nicht, dass es neben Zahnschmerzen auch Seelenschmerzen gibt – und auch Ärzte, bei denen man sich Heilung verschaffen kann.“ Der Vertreter der Jugendgerichtshilfe ordnete den Fall des schwer belasteten jungen Mannes, der ohne Hilfe scheiterte, in die deutsche Flüchtlingspolitik ein: „Man muss viel intensiver arbeiten, nicht nur willkommen heißen.“ Da seien die Institutionen an Grenzen gestoßen und tun dies weiterhin, befand er.

Grund für erste Haftstrafe: Eine Sparkasse in Bad Wildungen verwüstete der Angeklagte 2017.

2017 demolierte der junge Mann eine Sparkassen-Filiale in Bad Wildungen, in der Jugendhaftanstalt legte er Feuer im Schrank seiner Zelle. Nach anderthalb Jahren kam er im April 2019 auf freien Fuß – bald begann die Reihe an Straftaten, die ihn vor sieben Monaten erneut die Freiheit kosteten.

Mehrmals wollte er seine Abschiebung provozieren, zuletzt wollte er lieber in Deutschland bleiben: Mit einer Freundin in Südhessen hat er eine zweijährige Tochter, für die er sorgen will. Als das Urteil zur Unterbringung fiel, bat er stattdessen um Abschiebung – die kann das Gericht nicht verhängen, aber das Ausländeramt frage schon nach, erklärte die Richterin. Der junge Mann berät mit seinem Anwalt das weitere Vorgehen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (Wilhelm Figge)

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