Siebenbürgen: „Saugen das Fachwissen auf“

Vöhler Hartmut Bugdoll bildet ehrenamtlich in Rumänien aus

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Der Vöhler Malermeister Hartmut Bugdoll (2. von links) unterstützt das Kirchen- und Handwerksprojekt „Jugendbauhütte Pretai“ in Siebenbürgen. Dort wird die Kirchenburg saniert und zugleich werden junge Menschen in Handwerksberufen ausgebildet.

Hartmut Bugdoll aus Vöhl hat immer schon gern ausgebildet - seit zehn Jahren unterstützt er sogar Jugendliche in Rumänien.  

Vöhl/Pretai – Mit jungen Menschen verbindet Hartmut Bugdoll aus Vöhl eine gerade Linie. Die führt sogar bis nach Siebenbürgen in Rumänien: Dort unterstützt der 67-jährige Malermeister, der unter anderem 20 Jahre lang bei der Kreishandwerkerschaft in Korbach Lehrlinge ausgebildet hat, das Handwerks-Hilfsprojekt „Jugendbauhütte Pretai“.

Dort bringt er jungen Frauen und Männern in Theorie und Praxis sein Handwerk bei – und nicht nur das: Nach und nach sanieren sie in der Ausbildung zusammen mit anderen Handwerksmeistern und Gruppen die historische Kirchenburg von Pretai. So ist die Kirchenburg zugleich ein Ausbildungszentrum. Finanziert wird die Ausbildungsburg von der Evangelischen Kirche Kurhessen-Waldeck aus Spenden und Kirchenkollekten (siehe weiteren Text).

Eigentlich wäre der Fachmann im Mai wieder für einige Wochen nach Pretai gefahren, um den nächsten Sommerkurs zu geben. Doch ob die Corona-Pandemie das zulässt, steht in den Sternen. Wahrscheinlich verschiebt er die Arbeitsreise in den September. Doch weitermachen wird er auf jeden Fall.

Zwei bis sechs Wochen in Siebenbürgen

Dabei wurde er durch Zufall auf das Projekt aufmerksam: Er wurde angefragt, ob er in Rumänien einen kranken Kollegen vertreten könne, und Bugdoll sagte einfach „Ja“. Aus der Aushilfe wurde ein bislang zehnjähriges Engagement, in dem viel Herzblut steckt. Hartmut Bugdoll erhält Fahrtkosten, Unterkunft und Verpflegung. Seine Zeit – inzwischen auch Möbel und Lampen – investiert er ehrenamtlich.

Jedes Jahr ist er für zwei bis sechs Wochen vor Ort, um die Kursteilnehmer anzuleiten. Ursprünglich war vor allem daran gedacht, rund um das ländlich gelegene Pretai junge Siebenbürger Sachsen im Handwerk auszubilden. Nach deren Abwanderung seien inzwischen 60 bis 70 Prozent Roma dort ansässig geworden und nutzen die Chance auf ein Weiterkommen, betont Bugdoll: „Viele von ihnen leben in Baracken, in Armut. Mit dem Projekt können wir ihnen eine gute Berufsperspektive im eigenen Land eröffnen, außerdem leisten wir einen Beitrag zum Erhalt des kulturellen Erbes.“ Inzwischen werden die Räume auch an Reisende vermietet, das biete den Kommunen eine neue Einnahmequelle.

Wertbeständig renovieren

Die Gebäude des Ensembles stehen unter Denkmalschutz, 15 Jahre standen sie leer. Zimmer für Zimmer wird saniert, nachdem Zimmerleute und Dachdecker die Dächer instand gesetzt haben.

Praktiziert wird nachhaltiges Sanieren: „Was da ist, wird wertbeständig renoviert“ erklärt Bugdoll. So werden etwa alte Holzfenster nicht einfach durch neue ersetzt, sondern Schritt für Schritt wieder aufgearbeitet, und Wandbeläge von Grund auf erneuert: „Ich habe das Glück, mein Handwerk von alten Meistern gelernt zu haben. Wir mussten die Farben selbst herstellen, viel improvisieren – und das müssen sie in Rumänien auch. Das kann ich ihnen beibringen. Alle Techniken werden vermittelt“, sagt Hartmut Bugdoll, der in der DDR aufgewachsen ist.

„Die Teilnehmer saugen das Fachwissen geradezu auf. Sie erhalten nur ein kleines Taschengeld, eine Anerkennung, sind aber sehr wissbegierig,“ freut sich der Malermeister über ihr Engagement – und ihre Begabung: „Ich zeige es, und sie machen es nach. Das ist ein Phänomen.“

Jedes Jahr eine Ehrenamts-Spende

Inzwischen habe er sich bei den Roma so viel Vertrauen erarbeitet, dass sie ihn auch in ihr privates Umfeld einladen und ihm zeigen, was sie dort gebaut oder handwerklich verbessert haben. „Es ist schön zu sehen, dass sie von meinem fachlichen Wissen profitieren. Dass sie in die Lage versetzt werden, mit ihrem Können Geld zu verdienen und ein eigenes Heim aufzubauen – und dabei auch noch solche wichtigen Dinge lernen wie Pünktlichkeit. Das ist jedes Jahr meine Spende an sie.“ Die Teilnehmer werden nach einer Prüfung zertifiziert, finden anschließend viel leichter eine Arbeit.

Abgesehen davon, dass es Hartmut Bugdoll große Freude bereitet, sein Handwerk zu bewerben und sein Wissen weiterzugeben, sind die Aufenthalte Rumänien für ihn „wie eine Reise in die Vergangenheit, ich fühle mich da wohl“. Zwar wünsche er sich, dass Kommune und Kirche auf rumänischer Seite mehr Engagement zeigen und sie die Zusammenarbeit von sich aus verstärken würden, doch die Menschen vor Ort seien gastfreundlich, nett, wissbegierig. „Wir vergessen oft, wie sehr sie uns in Deutschland bei der Ernte helfen, das ist eine harte Arbeit“.

Schon die nächste Generation im Blick

seiner ehrenamtlichen Arbeit in Rumänien denkt Hartmut Bugdoll auch schon an die nächsten Generationen. So führt er mit Kindern in den Schulen bereits kleine Handwerksprojekte im Unterricht durch. „Schon die ganz Jungen sollen mit Handwerk in Verbindung kommen, und sie haben richtig Spaß an den Aktionen. Dann haben sie später im Hinterkopf: Handwerk ist etwas Gutes, damit kann ich etwas anfangen.“ 

Kirchenburgen in Siebenbürgen

Die Kirchenburgen in Siebenbürgen in Rumänien sind bedeutsame Zeugen der christlichen Kulturgeschichte in Europa und Ausdruck der protestantischen Identität der Siebenbürger Sachsen über 800 Jahre hinweg. Ihre Kirchen waren nicht nur Sakralgebäude, sondern auch Schutz vor feindlichen Angriffen. Nach der Grenzöffnung kam es zum Exodus, die Jungen verließen das Land, die Älteren konnten die Kirchengebäude nicht erhalten. Sie sind vom Verfall bedroht. 

Um den zu stoppen und den Menschen in den Dörfern neue Perspektiven durch Handwerk und eine neue Nutzung der Gebäude zu eröffnen, unterstützt die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck die Evangelische Kirche Siebenbürgens seit 2009 mit dem Projekt „Jugendbauhütte Pretai“: Da neben finanziellen Mitteln vor allem handwerkliche Fachkenntnisse fehlen, bieten Handwerker aus Deutschland Sommerkurse in verschiedenen Bauberufen in Pretai/Brateiu in Rumänien an. Unter ihnen ist seit zehn Jahren der Vöhler Hartmut Bugdoll. Kursteilnehmer sind Siebenbürger Sachsen, Rumänen und viele Roma.

 „Gemäß den Anforderungen unseres dualen Ausbildungssystems vermitteln wir den Teilnehmern theoretische Grundlagen und das praktische Handwerk gleichermaßen“, erklärt Bugdoll. Außerdem bietet der Verein Gelegenheit zur internationalen Jugendbegegnung: Auch Jugendliche aus der Korbacher Berufsschule unterstützen das Projekt, absolvieren etwa zehntägige Praktika vor Ort. Zudem werden die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Evangelischen Kirche in Rumänien und Kurhessen-Waldeck vertieft. 

Förderverein "Ausbildungszentrum Kirchenburgen"

Träger des Projekts ist der Kirchenbezirk Mediasch der „Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses“ in Rumänien. Maßgeblich zum Erfolg bei trägt der Förderverein „Ausbildungszentrum Kirchenburgen“ mit Sitz in Kassel. Er entstand 2008 durch eine Initiative der Fachgruppe Handwerk der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. (md)

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