Förderkreis der Synagoge Vöhl möchte Betroffenen eine Stimme geben

Waldeck-Frankenberg: „Lebensborn“-Kinder gesucht

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Wenige Dokumente rund um den Verein Lebensborn sind noch vorhanden, viele wurden zerstört oder sind verschwunden. Der Suchdienst in Arolsen besitzt einige Originaldokumente, unter anderem die von Himmler signierte Vereinssatzung.  

Waldeck-Frankenberg – Es ist ein Thema, über das heutzutage noch immer selten gesprochen ist, das gerade für Betroffene mit großer Scham besetzt ist: Der Verein Lebensborn, den Heinrich Himmler im Dritten Reich gründete.

Doch noch gibt es Kinder, die in einem der Heime geboren und dann weggegeben wurden und Kinder, die aus ihren ursprünglichen Familien gestohlen wurden. Nach ihnen sucht der Förderkreis der Synagoge in Vöhl jetzt.

Die Männer der SS sollten sexuell möglichst aktiv sein, sagt Karl-Heinz Stadtler, Vorsitzender des Förderkreises. Mindestens vier Kinder gab Heinrich Himmler vor. Ob die mit der eigenen Ehefrau oder einer Geliebten gezeugt wurden, war dem SS-Chef gleichgültig. 

Dafür gab es die sogenannten „Lebensborn“-Heime. Dort konnten schwangere Frauen anonym gebären. „So sollte die Zahl der Abtreibungen verringert werden“, sagt Stadtler. Ledige Frauen, die schwanger wurden, seien damals oft von Zuhause rausgeworfen worden, sie hätten ihre Arbeit verloren, seien diskriminiert worden. In den Heimen konnten sie die unehelichen Babys zur Welt bringen.

Aus dem Nachwuchs wurden "stramme Nazis"

Die Amerikaner hätten nach dem Krieg die Heime zunächst auch als karitative Einrichtungen verstanden, so Stadtler. Allerdings: Der Nachwuchs wurde nach der Geburt in Pflegefamilien gegeben oder an Adoptiveltern, „in der Regel an stramme Nazis“. Auch geraubte Kinder aus eroberten Ländern, die möglicherweise „arische“ Vorfahren gehabt haben könnten, steckten die Nazis in die „Lebensborn“-Heime, bevor sie in linientreue Familien gegeben wurden.

„Die Heime waren aber keine Zuchtanstalten“, sagt Historiker Dr. Georg Lilienthal, der mitwirkt an der Reihe „Facetten des Rassismus“, in der es sich auch um „Lebensborn“-Kinder drehen soll. Lilienthal und Stadtler gehen davon aus, dass viele Menschen gar nicht wissen, dass sie „Lebensborn“-Kinder sind.

Bis heute sind viele ehemalige Lebensborn-Kinder traumatisiert

Doch bei vielen, die es längst wüssten, hätte es mit einem Gefühl angefangen. Dem Gefühl, „dass etwas nicht simmte“, sagt Lilienthal. Hatten die Kinder Zweifel und fragten nach, seien sie von den neuen Familien meist belogen worden, wenn sie denn überhaupt eine Antwort bekommen hätten. „Das war ein elementarer Vertrauensbruch. Bis heute sind viele deswegen traumatisiert“, sagt Georg Lilienthal.

Allein in den deutschen Heimen, so schätzt er, seien 8000 bis 9000 Mädchen und Jungen geboren worden. Einige wenige dieser Kinder leben in Waldeck-Frankenberg, Lilienthal und Stadtler haben bereits Kontakte geknüpft. Doch für die Ausstellung im Rahmen der Reihe „Facetten des Rassismus“ suchen sie weitere „Lebensborn“-Kinder, die ihre Geschichte erzählen wollen – auch anonym, wenn gewünscht. Beide wissen: Viele scheuen die Öffentlichkeit. Dabei ist Lilienthal sicher: „Für die Betroffenen kann das auch eine Art Therapie sein.“

Und die beiden Geschichtsexperten bieten auch ihre Hilfe an: Wer Zweifel an der eigenen Identität habe und im Zeitraum bis zur Vereinsauflösung am Ende des Krieges geboren wurde, dem wolle man gern auch bei der Erforschung der Familiengeschichte helfen.

Georg Lilienthal hat vor einigen Jahren bereits einer Österreicherin dabei geholfen, ihre wahre Herkunft zu klären. Ursprünglich stammte die Österreicherin aus Jugoslawien, berichtet er. Und dort fand Lilienthal sogar noch einige Verwandte der Frau – und sorgte so für eine besondere Familienzusammenführung.

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