29-jähriger Angeklagter vor Gericht

Amokfahrt von Volkmarsen: Keine Hinweise auf Psychose

Ansammlung von Rettungswagen im Volkmarser Steinweg nach dem Amokfahrt.
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Ansammlung von Rettungswagen im Volkmarser Steinweg nach dem Amokfahrt beim Rosenmontagszug am 24. Februar 2020

Der Mammutprozess um die Amokfahrt beim Rosenmontag im Februar 2020 in Volkmarsen wird in dieser Woche mit gleich drei Prozesstagen vor der sechsten großen Strafkammer des Landgerichts Kassel fortgesetzt.

Volkmarsen/Kassel - Wie in den Wochen zuvor wird das Gericht unter Vorsitz von Richter Volker Mütze wieder viele Zeugen hören, die eigentlich nur das fröhliche Festzuggeschehen mitverfolgen wollten und dann unvermittelt Opfer eines Amokfahrers wurden, der wegen Mordversuchs in 91 Fällen angeklagt ist.

Daneben kommen aber auch Zeugen zu Worte, die dem Gericht helfen sollen, Einblick in die verschlossene Persönlichkeit des 29-jährigen Angeklagten zu bekommen. Der junge Mann hatte scheinbar keinerlei Freunde und nur wenige persönliche Kontakte zu anderen Menschen. Diese Kontakte beschränkten sich auf kurze Begegnungen mit Verkäufern im Rewe-Markt und im angrenzenden Getränkemarkt. Dort war er bekannt als regelmäßiger Käufer von Wodka-Flaschen, einem Cola-Mixgetränk und einer ausgefallenen Zigarettenmarke.

Sozial isolierter Mensch

Die Supermarkt-Mitarbeiter hörten von ihm nur die beiden Sätze „Und eine Packung Zigaretten.“ Und: „Ich zahle mit Karte.“ Darüber hinaus habe es nie auch nur ein Wort des Grußes oder der Verabschiedung gegeben.

Am Tag nach der Tat hatte der Angeklagte kurz Kontakt mit einem Psychologen aus Haina, der als Konsiliararzt im Krankenhaus Korbach beschäftigt war. Seine Aufgabe war es, die Haftfähigkeit des Angeklagten festzustellen.

Diesem Facharzt sind keinerlei Hinweise auf eine Psychose bei dem Angeklagten aufgefallen. Der Angeklagte sei orientiert gewesen, habe sich aber nicht zur Tat äußern wollen, so der Psychologe. Ganz ähnlich die Einschätzung eines weiteren Psychologen, der in der JVA Frankfurt zweimal mit dem Angeklagten zu reden versucht hat: „Ich habe keinen Zugang zu ihm gefunden. ... Ich halte ihn für einen sozial isolierten Menschen.“

Mutter und Geschwister wollen nicht aussagen

Mit Spannung wird daher am Donnerstag das psychiatrische Gutachten der vom Gericht bestellten Psychiaterin Birgit von Hecker von der Vitos-Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Emstal erwartet.

Sie hat den Prozess vom ersten Tag an mit verfolgt und jede der wenigen Regungen des Angeklagten notiert. Vor allem aber hat sie sich viel Zeit genommen für eine eingehende Befragung des Angeklagten. In den vergangenen drei Wochen hat das Gericht daher auch viele Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten geladen, etwa seinen Lehrherrn, Supermarkt-Mitarbeiter, die ihn an der Kasse des Getränkemarktes erlebt haben und Nachbarn. Doch sie alle konnten bisher nicht viel dazu beitragen, die verschlossene Persönlichkeit des Angeklagten zu ergründen, geschweige denn ein Tatmotiv aufzuzeigen.

Mutter für das Gericht nicht zu erreichen

Umso wichtiger wäre es für das Gericht und auch für den Angeklagten selber, wenn seine nächsten Verwandten, die Stiefschwester, der Stiefbruder oder gar die Mutter etwas über den jetzt 30-jährigen Mann berichten würden, was seinen plötzlichen Angriff auf rund 100 Festzugteilnehmer erklären könnte.

Bei einer ersten Vorladung vor Gericht machten Großmutter und Halbschwester von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht als nahe Angehörige Gebrauch. Nun hat das Gericht die Verteidigung aufgerufen, nochmals mit der Mutter des Angeklagten Kontakt aufzunehmen, um diese zu einer Aussage über die Persönlichkeit ihres Sohnes zu bewegen. Nur bis Donnerstagvormittag könnte die Aussage noch in das psychiatrische Gutachten einfließen. Doch die Mutter ist unbekannt verzogen und auch telefonisch nicht zu erreichen. (Elmar Schulten)

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