Schuldfähig laut Gutachten

Amokfahrt: Gutachterin rät zu Sicherungsverwahrung für Maurice P.

Ein Gerichtssaal mit Wartesaalatmosphäre. Gusseiserne Säulen tragen und prägen das alte Kasseler Bahngebäude.
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Verhandlung im Kulturbahnhof: Die sechste Große Strafkammer des Landgerichts Kassel hat gestern in den Räumen des Kulturbahnhofs eine weitere Sitzungswoche im Prozess gegen den Amokfahrer von Volkmarsen beendet. Die nächsten 16 Sitzungstermine sind bis Mitte Dezember festgesetzt.

Wichtige Erkenntnisse im Prozess um die Amokfahrt von Volkmarsen im Februar 2020: Die psychiatrische Gutachterin bescheinigt Maurice P. eine kombinierte Persönlichkeitsstörung.

Volkmarsen/Kassel - An seiner Schuld- und Einsichtsfähigkeit in seine Tat hat sie keine Zweifel. Weil eine Wiederholungsgefahr nicht auszuschließen sei, hält sie eine Sicherungsverwahrung nach verbüßter Strafe für angeraten. Maurice P. ist wegen Mordversuchs in 91 Fällen angeklagt.

So lautet – in Kurzfassung – die Quintessenz des Gutachtens, das die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie, Birgit von Hecker, von der Vitos-Klink für Forensische Psychiatrie in Bad Emstal am Donnerstag im Auftrag der sechsten Großen Strafkammer des Landgerichts Kassel erstellt hat.

Von Prozessbeginn an beobachtet

Anders als sonst üblich sei eine persönliche Exploration des Angeklagten nicht möglich gewesen, weil dieser sich einem tiefer gehenden Gespräch verweigert habe. So musste sich die Gutachterin auf die ärztlichen Berichte aus dem Krankenhaus Korbach, auf Feststellungen von Mitarbeitern der Agentur für Arbeit in den vergangenen zehn Jahren sowie auf die Beobachtung des Angeklagten während der bisherigen Verhandlung stützen.

Birgit von Hecker ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Vitos-Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Emstal.

Dabei wurden auch Nachbarn und andere Menschen gehört, die mit dem Angeklagten in Volkmarsen Kontakt hatten. Die Großmutter und eine Halbschwester verweigerten vor Gericht die Aussage. Weitere Geschwister und die Mutter des Angeklagten waren für das Gericht und auch für die Verteidigung nicht erreichbar.

Über Motive kann man nur spekulieren

Offenbar hat der heute 30-Jährige nur mit einem jungen Mann per Videochat eine freundschaftliche Verbindung aufgebaut. Dieser Freund hatte vor Gericht ausgesagt, dass der Angeklagte beim letzten Telefonat vor der Tat verändert gewirkt und paranoide Gedanken geäußert habe, etwa mit dem Inhalt, er fühle sich „abgezockt“ von anderen.

Auch mit Blick auf die vielen privaten und beruflichen Misserfolge des Angeklagten könne man ein Gefühl der Benachteiligung als Tatmotiv vermuten, so die Gutachterin. Denkbar sei, dass sich so Rachegefühle entwickelten. Aber das seien alles nur Vermutungen, weil der Angeklagte sich nicht öffnen wolle.

Nüchtern bei der Tat, planvoll in der Vorbereitung

Eine große Rolle spielte über einen langen Zeitraum sein Wodka-Konsum, wie seine Sammlung von Einkaufsquittungen beweist. Den letzten Wodka kaufte er aber zehn Tage vor der Tat.

Offenbar habe sich der Angeklagte selber auf Entzug gesetzt, schloss die psychiatrische Gutachterin. Wer das durchhalte, gehe planvoll vor, besitze einen starken Willen. Aus ihrer Sicht war dies wahrscheinlich der erste Schritt zur Vorbereitung der Amokfahrt.

Gezieltes und planvolles Lenken

Weil keiner der Ärzte, die den Angeklagten nach der Tat im Korbacher Krankenhaus oder in den Krankenstationen der Justizvollzugsanstalten sahen und sprachen, irgendwelche Hinweise auf Entzugserscheinungen an dem Angeklagten wahrgenommen hätten, sei auch keine schuldeinschränkende Psychose anzunehmen.

Auch für einen epileptischen Anfall oder einen Krampf anderer Art gebe es keinerlei Hinweise. Vielmehr deute das von vielen Zeugen beschriebene Fahrverhalten, die Lenkbewegungen um die zur Absperrung geparkten Transporter und die um einen Festzug-Trecker herum auf ein gezieltes und gesteuertes Fahrverhalten hin. Es gebe weder Hinweise auf eine Psychose, auf eine Intelligenzstörung noch auf eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung.

Wiederholung der Tat möglich

Unzweifelhaft sei aber von einer Persönlichkeitsstörung bei dem Angeklagten auszugehen und zu zwar in einer kombinierten Ausprägung mit narzistischen, paranoiden und schizoiden Zügen. Hinweise für die narzistischen Züge sei die Selbstüberschätzung (etwa beim Beginn des Meisterkurses).

Bei der Frage, ob nach Verbüßung einer Haftstrafe die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung erwogen werden müsse, gehe es um eine Risikoabschätzung: Der in Paragraf 66 des Strafgesetzbuches beschriebene „Hang zur Begehung von erheblichen Straftaten“ sei kein psychiatrischer Begriff, sondern ein juristischer.

Die Beweiswürdigung sei nicht Aufgabe der psychiatrischen Gutachterin, so Birgit von Hecker. Aus ihrer Sicht sei die Wiederholung einer solchen Tat unter ähnlichen Umständen aber möglich. Es sei aber auch denkbar, dass sich der Proband dazu entschließt, sich psychologisch behandeln zu lassen.     (Elmar Schulten)

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