Prozess in Kassel fortgesetzt

Amokfahrt in Volkmarsen: Zeugen schildern dramatische Szenen

Ein überfahrener Bollerwagen und mehrere Dutzend Verletzte: Das war die Situation nach der Amokfahrt am Rosenmontag 2020 in Volkmarsen.
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Ein überfahrener Bollerwagen und mehrere Dutzend Verletzte: Das war die Situation nach der Amokfahrt am Rosenmontag 2020 in Volkmarsen.

Mit zwei aufwühlenden Details in den Aussagen der Zeugen ist der Prozess gegen den Amokfahrer von Volkmarsen am Donnerstag, 1. Juli 2021, von der sechsten Großen Strafkammer des Landgerichts Kassel fortgesetzt worden.

Volkmarsen/Kassel - Zuerst berichtete eine Mutter aus Warburg, die mit ihren beiden kleinen Mädchen zum Rosenmontagszug nach Volkmarsen gekommen war, wie ihre fast vierjährige Tochter beim Aufsammeln von Bonbons vom silberfarbenen Mercedes des Amokfahrers erfasst wurde und unter das Fahrzeug geriet.

Dann sagten zwei der Männer aus, die dem Wagen hinterhergelaufen sind, um den Fahrer vom Lenkrad wegzuziehen. Sie schilderten das Gerangel um den Fahrzeugschlüssel und mussten dann einräumen, dass sie „wie im Tunnel“ gehandelt hätten und sich an viele Details gar nicht mehr richtig erinnern können.

In Albträumen immer das Bild vom toten Kind

Besonders emotional war die Schilderung der Mutter, die seit der Tat arbeitsunfähig ist: Plötzlich sei ihre kleine Tochter verschwunden gewesen. Mit tränenerstickter Stimme fährt die 35-Jährige, die auch als Nebenklägerin auftritt, fort: Der Motor habe mehrfach aufgeheult, etwa so wie bei der Abgasuntersuchung beim TÜV.

Dann hätten Männer das Auto angehoben und einer habe ihre Tochter unter dem Wagen hervorgezogen. Eine Frau habe sie dann genommen und gerufen: „Ich habe hier ein Kind.“ Es sei ihre Tochter gewesen und sie habe regungslos auf dem Arm gelegen mit Kopf nach hinten gebeugt. Dieses Bild sehe sie heute noch bei Albträumen und dann sei ihre Angst wieder da, das Kind sei tot.

Immer engere Bindung an die Kinder

Doch das Kind wurde mit dem Rettungshubschrauber nach Göttingen geflogen und war noch am gleichen Abend wieder ansprechbar. Vater und Mutter eilten mit dem Auto ins Göttinger Klinikum.

Nach der Verlegung von der Intensivstation auf eine normale Station habe sie bei dem Kind im Bett geschlafen und schließlich selber entschieden, dass sie sich zuhause besser um ihre Tochter habe kümmern können.

In der Folge sei die Bindung zu ihren Kindern immer enger geworden, während sie sich von anderen abkapselte. Ihre Tochter und sie hätten sich gegenseitig getriggert: Wenn der Vater den Rasen gemäht habe, sei das Kind aufgeschreckt. Dadurch sei sie in Panik geraten und habe es noch mehr aufgewühlt. Ihr Mann habe diese Empfindlichkeiten auf die Dauer nicht nachvollziehen können. So habe man sich auseinandergelebt.

Kind arbeitet Erlebnisse mit Psychologin auf

Inzwischen habe sie auch im Gespräch mit Psychologen erkannt, dass sie ihrer Tochter, die nächstes Jahr eingeschult werden soll, mehr Freiraum geben müsse. Doch Anfang der Woche hätten sie in Warburg einen Rettungshubschrauber auf dem Gelände des Krankenhauses gesehen.

Die Tochter, die den Unfall schon mehrfach mit Spielzeugautos und ihrer Psychologin durchgespielt habe, hätte unbedingt den Hubschrauber aus der Nähe sehen wollen und habe dem Piloten zugewunken. Der sei auch sehr nett gewesen, habe mit dem Kind gesprochen. Aber als der Hubschrauber wieder abgehoben sei, hätte sie ganz verstört gewirkt. Jetzt mache sie sich Sorgen, sie habe ihrem Kind zu viel zugemutet, erzählte die Mutter dem Richter.

Gerangel um den Fahrzeugschlüssel

Er könne sich zwar nicht mehr an jedes Detail erinnern, berichtete einer der beiden Männer, die die Fahrertür des Mercedes aufgerissen und den Fahrer mit einem Würgegriff im Sitz fixiert haben, sodass dieser nicht wieder losfahren konnte. Sein Nachbar war unabhängig von ihm an die Beifahrertür gestürzt und hatte sich mit seinem ganzen Gewicht auf den Oberkörper des Fahrers geworfen. Gleichzeitig habe er versucht, an den Fahrzeugschlüssel zu gelangen und diesen schließlich zur Türe hinausgeworfen.

Er sei überzeugt gewesen, dass er den Schlüssel ergriffen habe, bis eine junge Frau im Fernsehen berichtet habe, sie habe den Schlüssel ergriffen. Nun wisse er selber nicht mehr, wie es gewesen sei.

Nothilfe war mutig und notwendig um Täter zu stoppen

Strafverteidiger Bernd Pfläging, der den Amokfahrer vor Gericht vertritt, wüsste gerne, wer seinen Mandanten so mit Fäusten im Gesicht traktiert hat, dass er bei seiner Vorführung beim Haftrichter so ausgesehen habe, als sei er „über zehn Runden Sparringspartner eines Profi-Boxers gewesen“. Er habe nach seiner Erinnerung nicht zugeschlagen, sagte der Mann, der sich im Karneval als Nonne verkleidet hatte. Er habe den Amokfahrer so sehr gewürgt, dass dieser anschließend erst einmal nach Luft habe ringen müssen.

Oberstaatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger stellte dazu fest, er habe kurzfristig von Amts wegen gegen den Mann im Nonnenkostüm ermittelt, das Ermittlungsverfahren dann aber eingestellt. Dr. Wipplinger: „Aus meiner Sicht war das, was Sie getan haben, Nothilfe. Es war sehr mutig, was Sie getan haben.“ Offen blieb, ob auch noch gegen andere ermittelt wird. (Elmar Schulten)

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