Gericht beleuchtet das persönliche Umfeld des Amokfahrers

Amokfahrt von Volkmarsen: Angeklagter bleibt ein großes Rätsel

angeklagter versteckt  sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Neben ihm Anwälte und Justizwachtmeister mit Corona-Schutzmaske.
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Verschlossen wie am ersten Prozesstag: Der 30-jährige Angeklagte Maurice P. verbarg beim Prozessauftakt sein Gesicht hinter einem Aktendeckel. Aber auch, wenn die Kameras aus dem Gerichtssaal verbannt sind, zeigt sein Gesicht keine Regung. Genauso verhielt er sich im Gespräch mit Kollegen und der Gefängnis-Psychologin.

Das persönliche Umfeld des Angeklagten soll im Prozess um die Amokfahrt von Volkmarsen dabei helfen, den Täter und seine möglichen Motive auch nur ansatzweise zu verstehen.

Volkmarsen / Kassel - Doch auch nach der Anhörung eines früheren Arbeitgebers und Ausbilders, mehreren Supermarkt-Kassierern, zwei Arbeitsvermittlerinnen und einer Gefängnis-Psychologin bleibt der nach wie vor schweigende Angeklagte ein Rätsel.

Regungslos wie eine Sphinx verfolgt er ebenso aufmerksam wie teilnahmslos den Prozessverlauf. Ebenso emotionslos haben ihn die Menschen erlebt, die dem heute 30-jährigen Angeklagten in den vergangenen Jahren in Volkmarsen erlebt haben.

Kreativ bei elektrischen Schaltungen

So schildert ein Handwerksmeister aus Volkmarsen, bei dem der Angeklagte im September 2010 eine Ausbildung als Elektroinstallateur begonnen hat, warum er diese schon im Februar 2011 vorzeitig abbrechen musste: „Der war anders als andere Lehrlinge. Altgesellen haben ihn als aufmüpfig empfunden und wollten ihn nicht mehr mit auf die Baustellen nehmen.“

Zu Anfang habe er den jungen Mann noch als kreativ empfunden, weil er schon elektrotechnische Vorkenntnisse mitgebracht und eigene Lösungen für Schaltungen entwickelt habe. Dann aber sei er immer häufiger unpünktlich zur Arbeit erschienen, sodass Termine bei Kunden nicht wahrgenommen werden konnten.“

Kein Kontakt zu Gleichaltrigen

Außerdem sei er sehr ruhig gewesen, habe keinerlei Kontakt zu anderen Kollegen gehabt. Auch bei Feiern oder in Volkmarser Vereinen habe seinen Auszubildenden nie gesehen, berichtete der Handwerksmeister.

Dessen Frau schilderte, wie sie mehrfach versucht habe, mit dem jungen Mann zu reden, ihm eine Brücke zu bauen. Er sei aber sehr verschlossen und immer alleine gewesen. Einmal habe er gesagt, dass er keinen guten Kontakt zu seiner Mutter habe, ohne dies näher zu erläutern.

Wodka, Zigaretten, Kassenbon

Bei Fahrten durch die Volkmarser Innenstadt sei ihr der junge Mann nach seiner Kündigung mehrfach aufgefallen. Er habe immer an der gleichen Stelle im Steinweg gestanden, schräg gegenüber vom Friseurladen seiner Schwester, mit einem Kaffeebecher in der Hand und habe mit emotionslosem Blick das Leben in der Stadt verfolgt.

Der Sohn des Handwerker-Ehepaares arbeitet als Schüler schon seit Jahren stundenweise an der Kasse im Rewe-Getränkemarkt. Hier hat er regelmäßig den späteren Amokfahrer bedient. Er habe stets eine Flasche Wodka und eine Schachtel Zigaretten gekauft. Bezahlt habe er immer mit EC-Karte. Und dann habe er großen Wert darauf gelegt, seinen Kassenbon zu erhalten.

Cappuccino aus der Kühltheke

Die Spurensicherung hat unmittelbar nach der Amokfahrt eines Mercedes-Fahrers beim Rosenmontagszug 2020 in Volkmarsen begonnen. Während der Tathergang inzwischen weitgehend aufgeklärt zu sein scheint, geht vor Gericht die Suche nach den Motiven des Täters weiter.

Auf Kassenbons hat er auch beim Einkauf im Rewe-Lebensmittelmarkt gesammelt. Dort hat er häufig Cappuccino aus der Kühltheke gekauft. Einen Gruß erwidert hat er nie, wie der Marktleiter nach der Tat bei der Polizei zu Protokoll gab: „Das ist der unfreundlichste Kunde, den ich je hatte.“ Nur einmal habe er auf einen freundlichen Gruß geantwortet: „Wenn es Ihnen gut geht, dann geht es mir auch gut“, habe der Angeklagte damals geantwortet. Ansonsten habe er sich meist nur mit Kopfnicken verständigt, Ohrstöpsel getragen und wahrscheinlich Musik gehört.

Das letzte Mal war der Angeklagte übrigens am Morgen des Rosenmontagszuges 2020 im Rewe-Markt und hat dort Pfand eingelöst. Wenige Stunden später raste er mit seinem Auto in die Menschenmenge und verletzte Dutzende Unschuldige.

Alle empfanden ihn als sehr verschlossen

Bei der Agentur für Arbeit war der Angeklagte 2013, 2014, 2015 und 2019 Kunde. Zwei Arbeitsvermittlerinnen, die den Angeklagten damals betreuten, haben ihn als höflich und freundlich, aber auch zurückhaltend und sehr in sich gekehrt in Erinnerung.

Er habe nur berichtet, dass er bei seiner Großmutter wohne, den Führerschein wegen einer Alkoholfahrt verloren habe und eine Kündigungsschutzklage angestrengt habe. Beim Entzug des Führerscheins habe er sich ebenso ungerecht behandelt gefühlt wie bei der Kündigung seines Arbeitsplatzes als Industriemechaniker bei einer Kasseler Firma.

In der Haft keine Gefahr für sich oder andere

Bei einem Beratungsgespräch im Juli 2019 sei ihr zum ersten Mal aufgefallen, dass ihr Kunde am früheren Morgen alkoholisiert gewesen sei, berichtete die Arbeitsvermittlerin. Damals habe er gesagt, er habe sich „etwas gegönnt“.

Interessant auch die Beobachtung der Gefängnis-Psychologin, die den mutmaßlichen Amokfahrer mehrfach in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt I gesprochen hat, um herauszufinden, ob er als selbstmordgefährdet einzustufen war oder ob von ihm eine Gefahr für andere anging. Sie habe eine „schizoide Akzentuierung“ wahrgenommen und eine Persönlichkeitsstörung angenommen.

Sehr zurückhaltend, wenig emotional

Auf Nachfrage des Gerichts erläuterte die Psychologin: „Er war sehr zurückhaltend, wenig emotional. Er machte keine Angaben zum Tatgeschehen.“

Nur einmal habe er gesagt, dass es ihm leid tue für die Opfer. Über die Opfer habe er dann aber nicht sprechen wollen. Tiefer gehende Gespräche habe er stets abgelehnt.

Die Gespräche mit dem Angeklagten seien ihr vorgekommen, wie Steine klopfen in einem Steinbruch: „Man muss lange klopfen, bis etwas herauskommt.“

Kein Blick ins Innere möglich

Zur schizoide Störung passe, dass er sich in der Gefühlsäußerung eher zurückhalte, anderen gegenüber eher misstrauisch sei, sich als Einzelgänger wohlfühle. Psychotische Schübe, Verfolgungswahn oder Halluzinationen habe sie nicht wahrgenommen.

Hinweise auf seine Gedankenwelt oder Motivation lasse der Angeklagte nicht zu. Das sei typisch für Menschen mit einer schizoiden Störung. Sie hätten keinen Zugang zu ihrem inneren Erleben und könnten auch nicht verbalisieren wie sie sich fühlten.

Mutter macht von Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch

Bereits in der vergangenen Woche sind die Mutter, der Halbbruder und die Halbschwester des Angeklagten der Ladung des Gerichts gefolgt, haben im Zeugenstand Platz genommen, um dann von ihrem gesetzlich verbrieften Aussageverweigerungsrechts für nahe Angehörige Gebrauch zu machen.

Der Prozess um den Amokfahrer von Volkmarsen wird am 29. Juli um 9 Uhr im Kulturbahnhof Kassel mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt.

Am 5. August wird das umfassende psychiatrische Gutachten erwartet. (Elmar Schulten)

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