Bern Brent mit Familie aus Canberra 

Aus Australien mit 96 zu Besuch in Volkmarsen auf Spuren der jüdischen Vorfahren  

Mit 96 Jahren ist Bern Brent von Australien nach Volkmarsen gereist, wo jüdische Verwandte lebten. Unser Bild zeigt ihn mit Tochter Joanna Brent und Enkel Jimmy Bonnan sowie Gastgeber und Freund Ernst Klein am Gustav-Hüneberg-Haus. Foto: Armin Haß

 Volkmarsen – Es war ein Besuch bei Freunden: Mit 96 Jahren nahm Bern Brent die strapaziöse Reise von Canberra in Australien nach Deutschland auf sich, um unter anderem in Volkmarsen das Ehepaar Ernst und Brigitte Klein vom Verein „Rückblende - Gegen das Vergessen“ zu besuchen.

Dort konnte er zusammen mit Tochter Joanna Brent und Enkel Jimmy Bonnan das in diesem Jahr eröffnete Gustav-Hüneberg-Haus über deutsch-jüdisches Leben in der Region besichtigen. Zwar war der Abstieg zu der 500 Jahre alten Mikwe für den sonst erstaunlich rüstig wirkenden Brent zu beschwerlich, doch Bilder von dem Smartphone seiner Tochter vermittelten ihm einen Eindruck von ihrem Besuch des 2014 wieder entdeckten jüdischen Ritualbads.

Erinnerung an "Kinderparadies"

Brent ist seit 1994 mehrfach in Volkmarsen gewesen. Sein Vater mit dem Namen Otto Bernstein hat einen Teil von Kindheit und Jugend in Volkmarsen verbracht, bevor er in Berlin und als Kaufmann bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs in Moskau war. An Volkmarsen erinnerte er sich als „Kinderparadies“.

Aus Erinnerungen des Vaters und einem Gedicht des Großvaters Hermann Bernstein, der mütterlicherseits mit der angesehenen jüdischen Familie Hüneberg verwandt war, erfuhr Brent später von dem Städtchen Volkmarsen. Die Schriftstücke hatte er in den 90-er Jahren an den damaligen Bürgermeister Manfred Flore geschickt, und der leitete sie an Ernst Klein weiter, der mit der Aufarbeitung von Lebensgeschichten jüdischer Familien und deren Schicksalen in der NS-Zeit begonnen hatte.

Von Anfeindungen verschont

Bern Brent berichtete im Gespräch mit der WLZ von einer weitgehend unbeschwerten Jugendzeit in Berlin, wo er keinen antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt war. Seine Familie und die Großeltern waren protestantischen Glaubens, nach den NS-Gesetzen aber „Halb-Arier“. Zwar blieb die Familie auch von den Pogromen im November 1938 verschont, doch dämmerte der Mutter bald: „Der Junge muss raus, es kommt ein Krieg“, erinnert sich Brent. Über die Quäkerjugend in Berlin, bei der er aktiv war, gelangte Bernstein junior als 16-Jähriger 1938 per Schiff nach England, die Mutter folgte 1939. Es war der letzte Zug, bevor die Grenze zu den Niederlanden geschlossen wurde.

Der von ihr zu der Zeit getrennt lebende Vater blieb in Berlin und wurde 1942 in das KZ Theresienstadt gebracht, das er überlebte. Brents Großmutter Sophie Maas überlebte nicht, eine Tante nahm sich das Leben.

Ins Lager nach Australien

Bern Brent wurde 1940 nach dem Überfall der Deutschen auf Frankreich mit anderen Deutschen als gefährlicher Ausländer interniert und wurde mit dem Schiff, der HMT Dunera, nach Australien verfrachtet. In Tatura und Hay waren die Lager der später als „Dunera Boys“ in Australien bekannt gewordenen Deutschen. Brent galt bald als Hitler-Gegner und wurde nach einem Job als Obstpflücker gebeten, als Ausländer ohne Waffen, das australische Militär in einer Spezialeinheit, der 8th Employment Company, zu unterstützen.

Als Otto Bernstein in Deutschland aufgewachsen, nennt er sich nun Bern Brent. Nach der Pensionierung begann der frühere Englischlehrer über die Geschichte der Familie auch öffentlich zu sprechen. Die Eltern waren ihm nach Australien gefolgt. Brent und seine vor acht Jahren verstorbene australische Ehefrau reisten nach Berlin, um Kontakte aus den Jugendzeiten aufleben zu lassen. Zu Ehren seiner im KZ umgekommenen Großmutter war dort sogar einer der „Stolpersteine“ für ermordete jüdische Bürger verlegt worden.

"Meine Heimat ist Berlin"

„My home is Canberra“, sagt Brent und dann auf Deutsch: „Aber meine Heimat ist Berlin.“ In einem 2000 veröffentlichten Buch „My Berlin suitcase“ schrieb Brent über diese prägende Zeit.

Neue Freunde hat er in Volkmarsen gefunden, die sich mit der Geschichte seiner Familie beschäftigten und durch die Einladung von ehemaligen jüdischen Bürgern Volkmarsens in die Kugelsburgstadt einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung geleistet haben. 

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