350 Jahre alter Altar erstrahlt bald wieder in ursprünglicher Farbigkeit

Das decken Restauratorinnen in Herbser Kirche auf

Hell und dunkel dichteinander: Auf dem Gemälde von der Gefangennahme Christi weist die linke Hälfte noch den alten Schleier des Firnisses auf, rechts ist die alte Farbigkeit bereits von Restauratorin Silvia Behle wiederhergestellt worden. Auf dem Brett rechts wird bereits der ursprüngliche goldfarbene Anstrich sichtbar. Foto: Armin Haß

Volkmarsen-Herbsen. So hell und farbig wie  im 17. Jahrhundert hat sich der  Altar in Herbsen Generationen von Kirchenbesuchern nicht mehr präsentiert. Die Restauratorinnen Silvia Behle (Willingen) und Beate Demolt (Kassel) decken die volle Schönheit des alten Kunstwerks wieder auf.

„Das ist so, wie wenn man einen Schleier abnimmt“, berichtete Silvia Behle. Auf den kleinen Gemälden wird das Leiden Jesu Christi gezeigt. Bei den im Juni begonnenen und schon weit vorangeschrittenen Arbeiten lässt sich schon recht gut der Vorher-Nachher-Effekt erkennen.

Entdeckungen am Altar

Die von der Restauratorin angestoßenen Untersuchungen haben ergeben, dass irgendwann zum Schutz und zur Verstärkung des farblichen Effektes der verschiedenen Gemälde und des Holzrahmens ein Firnis über gestrichen wurde. Doch genau das Gegenteil des gewünschten Effektes ist eingetreten: Die Malereien sind stark verbräunt, der Überzug hat sich inselartig zusammengezogen.

Restauratorin Behle zeigt ein gestochen scharfes Foto von 1938, das bereits einen dunklen Altar zeigt. Die Wirkung des Aufsatzes (Retabel) auf dem Sandsteinsockel wird reduziert, die Aussage des Malers im wahrsten Sinne verdeckt. Der Altar in der Herbser Kirche weist trotz des Überzugs und einiger Fehlstellen eine hohe Qualität auf. 

Darum zahlt die Landeskirche

Das war nach Auskunft von Silvia Behle der Grund, warum die Landeskirche Kurhessen-Waldeck die Restaurierung finanziert. Begleitet werden die Arbeiten von dem Kunstreferenten Dr. Götz Pfeiffer. Bei den Untersuchungen sind auch übermalte Blumen zu Tage getreten. Die Proben geben Aufschluss über den Aufbau in verschiedenen Schichten.

Restauratorin und Master of Arts Behle sowie der Diplom-Restauratorin Beate Demolt haben bei der Restaurierung Hand in Hand. Die freiberuflich tätigen selbstständigen Fachkräfte haben an der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim studiert.

Das ergibt die Analyse

Nach der Analyse in einem Fachlabor wissen die Restauratorinnen, was sich unter der dunklen Schicht verbirgt - und wie sie am besten vorgehen, um den Altar wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Mit einem Lösungsmittel wird der Überzug von Gemälden und Rahmen entfernt wird. Ziel ist eine ästhetische Aufwertung des Altaraufbaus. 

Das heiße nicht, das Kunstwerk auf neu zu trimmen, sondern behutsam die ursprüngliche Farbigkeit der Ölgemälde, den Anstrich an den Rahmenbrettern und die Marmorierung wiederherzustellen und doch den Alterungsprozess erkennen zu lassen. 

Das bietet die Kirche

Die 1655 errichtete, barocke Kirche bietet innen wie außen ein harmonisches Bild, auch wenn seither einige Änderungen an der Decke und im 1707 eingebauten Gestühl vorgenommen wurden. 2011 hat Slvia Behle schon das Gemälde „Das Jüngste Gericht“ restauriert, das der Kaufmann Johann Friedrich Stoecker 1704 stiftete. Ferner befindet sich ein Gemälde mit der Heiligen Familie als Motiv  in der Kirche. 

Über das Retabel gibt es kaum Unterlagen, die vorhandenen Kirchenbücher beginnen erst 1692. Der Altaraufsatz trägt im oberen Teil auf einem Gemälde die Signatur „A. Schröder fecit anno 1670“ (A. Schöder malte dies im Jahre 1670). 

Wer hat den Altar gebaut?

Wo das überwiegend aus Eichenholz und in Teilen aus Fichtenholz gefertigte Gestell und die Malereien angefertigt wurden, und wer daran gearbeitet hat, ist nicht belegt. Behle: „Wahrscheinlich waren die Malereien die Arbeit zweier Hände in einer Werkstatt. Der obere Teil weise qualitätsvollere Malereien als in der unteren Hälfte auf. Dies lässt auf das Werk von mindestens zwei Malern schließen. 

Im unteren Abschnitt sind bei der Rekonstruktion Blumenornamente aufgetaucht. Hier und da finden sich am Retabel Fehlstellen, die durch eine Mischung aus Leim und Kreide ausgebessert werden. Neu bemalt werden diese wenigen Abschnitte jedoch nicht. 

Zu Erntedank fertig

Der Aufsatz wird zum Abschluss der Restaurierung mit einem Mittel überzogen, das zum einen das Kunstwerk vor starker UV-Strahlung schützt und zum anderen den Gemälden und Ornamenten an dem Retabel mehr Tiefe verleiht. Zum Erntedankfest soll die Restaurierung abgeschlossen werden.

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