Amokfahrer von Volkmarsen wirkte apathisch, blickte starr vor hin

Dramatische Szenen bei der Festnahme des Amokfahrers

Ein überfahrener Bollerwagen und mehrere Dutzend Verletzte: Das war die Situation nach der Amokfahrt am Rosenmontag 2020 in Volkmarsen.
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Ein überfahrener Bollerwagen und mehrere Dutzend Verletzte: Das war die Situation nach der Amokfahrt am Rosenmontag 2020 in Volkmarsen.

Ein 25-jähriger Polizeikommissar in Zivil befand sich unmittelbar auf dem Steinweg vor der ehemaligen Gaststätte „Jägerhof“, als am 14. Februar 2020 um 14.42 Uhr der silberfarbene Mercedes Kombi nur gut 50 Zentimeter an ihm vorbeiraste und gezielt in die Karnevalisten der Gruppe „Wilde 13“ steuerte.

Volkmarsen - Es hätte nicht viel gefehlt, und der junge Beamte wäre selber mitgerissen und ebenso schwer verletzt worden wie die 91 Verletzten, die in der Anklageschrift der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt aufgeführt sind.

So aber hatte er kurz Zeit, sich zu sammeln, seine Polizei-Armbinde anzulegen und an die Giebelwand des Rewe-Marktes zu spurten, wo der Amokfahrer zum Stehen gekommen war. Vor der Sechsten Strafkammer des Landgerichts Kassel schilderte der Polizist gestern, wie er zunächst versucht habe, an der Fahrerseite an den vielen aufgebrachten Karnevalisten vorbeizukommen, die den Fahrer fixierten.

Dann sei er über die Motorhaube zur Beifahrerseite gesprungen, um dort bei der Festnahme zu helfen. Auf dem Beifahrersitz habe bereits ein Passant gesessen und den rechten Arm des Fahrers festgehalten, deshalb habe er sich auf das Armaturenbrett gequetscht, um den Fahrer an der Weiterfahrt zu hindern.

Situation war brenzlig: Gab es einen zweiten Täter?

Gleichzeitig hatte sich noch ein weiterer Zivilbeamter auf die Rückbank vorgekämpft, während der Fahrer von mehreren aufgebrachten Männern nach hinten in die Kopfstütze seines Sitzes gedrückt wurde. Gemeinsam habe man den Fahrer dann nach vorne gedrückt, um ihm am Rücken die Handschellen anlegen zu können.

Zu dem Zeitpunkt wusste niemand, ob es noch einen zweiten Attentäter gebe. Die Situation war aus Sicht der Beamten äußerst brenzlig. Der Zivilfahnder, der von der Rückbank her die Handfesseln angelegt hatte, schilderte dem Gericht, dass er von aufgewühlten Passanten aufgefordert worden sei: „Gib mir deine Dienstwaffe, ich erledige das hier.“

Schnell weg vom Tatort und auf die Polizeidienststelle

Die Stimmung der Umstehenden sei derweil so aufgeheizt gewesen, dass sich die Polizisten beeilten, den Tatverdächtigen möglichst schnell aus der Gefahrenzone zu bewegen. Der Streifenwagen des Notfalleinsatzteams wurde von der Arolser Straße zum Rewe-Markt geholt und ganz dicht an den Mercedes heran rangiert.

Einer der eingesetzten Beamten bekräftigte auf Nachfrage, dass man den zurückzulegenden Fußweg so kurz wie möglich habe halten wollen, damit die aufgebrachte Menge keine Möglichkeit zur Einwirkung mehr hatte.

Helfer fragten nicht lange, sondern packten zu

Den Tatort selbst beschriebenen die Beamten als großes Chaos. Routinemäßig hatte der Einsatzleiter versucht, die Verletzten zu zählten: 10, 15, 20 und dann habe er aufgehört und eine Lagemeldung per Funk abgegeben und mehr Kräfte angefordert.

Beeindruckt äußerten sich mehrere Beamte, wie schnell die Zuschauer begonnen hatten, den Verletzten Hilfe zu leisten. Kinder wurden getröstet, Frierende mit Mänteln bedeckt. Sehr schnell seien auch die ersten Sanitäter vor Ort gewesen. Vor der Apotheke wurde eine Verletztensammelstelle eingerichtet.

Keine Hinweise auf Alkohol, Drogen oder Medikamente

Unterdessen waren die Kripobeamten in Zivil zusammen mit den Kollegen vom Notfalleinsatzteam schon auf dem Weg nach Korbach. Mit Blaulicht und Martinshorn wurde der Festgenommene mit blutüberströmten Gesicht zur Polizeidirektion gefahren.

Ein Alkohol- und ein Drogenschnelltest verliefen negativ, ebenso ein Schnelltest auf Medikamentenmissbrauch. Ein Arzt, der die Haftfähigkeit des Tatverdächtigen bescheinigen sollte, verlangte wegen der offensichtlichen Gesichtsverletzungen eine Untersuchung im Korbacher Stadtkrankenhaus.

Nur teilnahmslos geguckt, kein Wort gesagt

Hier wusch ihm eine Krankenschwester das Blut vom Gesicht. Polizeibeamte halfen beim Entkleiden des Amokfahrers.

All das ließ der damals 29-jährige Maurice P. klaglos und widerstandslos über sich ergehen. Apathisch habe er gewirkt, sagten übereinstimmend alle Beamte, die mit dem Mann Kontakt hatten.

Er sei wach und ansprechbar gewesen, habe aber nur teilnahmslos vor sich geschaut und kein Wort gesagt. Nur im Streifenwagen habe er einmal gefragt: „Was macht ihr mit mir? Was?“ - Mehr nicht.

Kein Schweißausbruch, kein Zittern

Das war auch Grund für die Nachfrage des Strafverteidigers Bernd Pflägling: „Sind Sie denn sicher, dass er die Belehrung nach der Festnahme verstanden hat?“

Antwort eines der vier Beamten, die bis nach Mitternacht immer in Zweiergruppen auf den Tatverdächtigen aufpassen mussten: „Auf die Belehrung und auf unser gesamtes Handeln gab es nie irgendwelche Reaktionen.“

In die gleiche Richtung zielten auch die Nachfragen der psychiatrischen Gutachterin: „Haben Sie vegetative Reaktionen wie Schweißausbruch oder Zittern am Angeklagten festgestellt?“ - „Nein. Nichts dergleichen.“

So bleiben der Amokfahrer von Volkmarsen und seine Motivlage den Ermittlern und dem Gericht auch weiterhin ein großes Rätsel. Fortgesetzt wird die Verhandlung am 20. Mai um 9 Uhr in Halle 5 der Kasseler Messehallen. (Elmar Schulten)

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