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Külter Konrad Schacht: Ideengeber fürs Rauch-Museum und einer der ersten Armutsforscher

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Von: Julia Janzen

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Ein großes Gebäude, genutzt als Museum, im Vordergrund ein Schild
Im alten Marstall gegenüber des Arolser Schlosses ist das Christian Daniel Rauch-Museum untergebracht. Dass das Museum existiert, hat auch Konrad Schacht in die Wege geleitet. © Armin Hass

Er hat das Arolser Christian Daniel Rauch-Museum auf den Weg gebracht und war später Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung: Konrad Schacht, aufgewachsen in Külte. Im Interview blickt der fast 80-Jährige zurück, auch auf ein besonderes Treffen von Jüdinnen und Juden, das er in den 90er-Jahren in seinem Heimatort organisierte.

Herr Dr. Schacht, Kultur ist eines der großen Themen in Ihrem Leben. Welche Bezüge haben Sie zum Arolser Künstler Christian Daniel Rauch?

Die Bezüge sind ziemlich persönlich: Meine Großeltern wohnten in Arolsen in der Rauchstraße. Wenn ich mittags von der Christian-Rauch-Schule zu ihnen essen ging, bin ich immer am Geburtshaus von Christian Daniel Rauch vorbeigegangen. Von Kindheitstagen an bin ich ihm also verbunden. Als ich später mal in Berlin war, habe ich dort seine Skulpturen gesehen. Das führte zur Idee, in Arolsen ein Rauch-Museum zu eröffnen.

Die Idee stammte also von Ihnen?

Ja. Ich war als Kulturabteilungsleiter des Hessischen Ministeriums für Kunst und Kultur qua Amt auch Mitglied im Stiftungsrat Preußischer Kulturbesitz. Dort sind nicht nur der Bund, sondern auch die Länder vertreten. Im Rahmen dieser Tätigkeit habe ich mir die alte Nationalgalerie Berlin angeschaut. In etwas vernachlässigten Räumen – damals war die Nationalgalerie noch nicht saniert worden – standen überall Skulpturen von Christian Daniel Rauch. Da war ich ganz begeistert. Ich habe mich kundig gemacht, auch den Generaldirektor der staatlichen Museen gefragt. Er sagte, dass es in Berlin ein Rauch-Museum gegeben hatte. Dieses sei im Zweiten Weltkrieg zerbombt und nicht wieder aufgebaut worden. Deshalb waren die Skulpturen in der alten Nationalgalerie. Ich sagte dem Direktor, dass ich aus Arolsen komme und man doch dort ein Rauch-Museum bauen könnte.

Ein Mann in einem gestreiften Hemd
Konrad Schacht: Der gebürtige Külter war unter anderem Abteilungsleiter Kultur im Hessischen Ministerium für Kunst und Kultur und Direktor der Landeszentrale für politische Bildung © Privat

Wie ging es weiter mit dem Museum?

Ich lud den Generaldirektor nach Arolsen ein, zeigte ihm das Rauch-Geburtshaus und die Stadt. Mit dem Kreisdenkmalpfleger Neumann hatte ich schon gesprochen, er schlug den Marstall vor, den man für ein Museum nutzen könnte. Auch Fürst Wittekind war damit einverstanden. In Wiesbaden habe ich das mit Ministerin Ruth Wagner, die natürlich politisch verantwortlich war, und den Gremien abgestimmt, außerdem für die Mittel gesorgt. Schließlich kam die Zusage aus Berlin, dass Skulpturen als Leihgabe nach Arolsen gebracht werden.

In den 90er-Jahren waren Sie Direktor der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und haben ein spannendes Treffen in Ihrem Heimatort Külte umgesetzt. Worum ging es dabei?

In der politischen Bildung war ich damit konfrontiert, dass der Rechtsextremismus und die Republikaner stark wurden. Damit musste ich mich auseinandersetzen, das war eine meiner Hauptaufgaben. In dem Zusammenhang hat die HLZ ein Buch gemacht, „Verfolgung und Widerstand in Hessen“, und da stieß ich auf einen Artikel von Lehrer Michael Winkelmann. Darin ging es um die Hachschara in Külte, eine Art Kibbuz. (Anm. der Red.: In einer Hachschara wurden auswanderungswillige Juden ausgebildet, in Külte vor allem landwirtschaftlich. Mit Zertifikat durften sie nach Palästina ausreisen.) Damals, also Anfang der 90er-Jahre, hörte ich zum ersten Mal überhaupt von diesem jüdischen Ausbildungszentrum in Külte. Im Ort, in dem ich aufgewachsen bin, war nie die Rede davon. Die Nazizeit wurde zu meiner Jugendzeit tabuisiert. Wir lebten in einem historischen Nebelland. Da habe ich mir gesagt, dass ich die Leute, die damals in der Ausbildung hier waren, mal einlade.

Wie lief das Treffen dann ab?

Nachdem wir die Adressen ausfindig gemacht hatten, schrieben wir alle an, in den USA, in Australien und Israel, und ein Teil sagte auch zu. Wir hatten 1993 oder 1994 für gut zwei Wochen ein Hotel gemietet in der Nähe von Volkmarsen, besuchten gemeinsam Städte wie Kassel und natürlich den Ort, wo früher die Hachschara war. Das war eine außerordentlich emotionale Geschichte. Sie waren begeistert, mal wieder in Külte zu sein, und berichteten viel aus dieser Zeit – unter anderem auch, wie sie immer wieder von Schülern der Arolser Führerschule überfallen wurden.

Das Thema Rechtsextremismus begleitet sie schon lange.

Ja, es hat mich mein ganzes Leben begleitet. Ich wurde mit der NS-Vergangenheit dauernd konfrontiert: Von mehreren Freunden waren die Väter wegen NS-Verbrechen hingerichtet worden, in Arolsen gab es die HIAG-Treffen, also von früheren Mitgliedern der Waffen-SS - in Arolsen kann man das gar nicht anders machen, als sich mit Rechtsextremismus zu beschäftigen. Mitte der 60er-Jahre kam die NPD auf, das habe ich als Student beobachtet. Als ich zum Institut für Sozialwissenschaft in Bonn kam, habe ich mich damit viel beschäftigt. Immer wieder habe ich Erlebnisse gehabt: Als ich im Kanzleramt war, haben die Leute gesagt: „Jetzt ist eine pogressive Reformstimmung, jetzt kommen andere Probleme, z.B. auch eine gewaltbereite linke Bewegung am extremen Rande der Demokratie.“ Ich habe damals gesagt, dass es nach wie vor ein starkes rechtes Potenzial gibt. Wir haben das dann mal untersucht. Dabei kam heraus, dass noch 13 Prozent der deutschen ein rechtsextremes Weltbild hatten.

Mitgearbeitet haben Sie auch an einem Aktionsprogramm zur Bekämpfung von Armut beim EU-Vorläufer, der Europäischen Gemeinschaft.

Da bin ich hingekommen, nachdem ich viele große Projekte bei infas (Institut für Sozialwissenschaft, Bonn) im Auftrag der Bundesregierung gemacht hatte. Ein englischer Soziologe hatte uns kontaktiert, ob wir ein vergleichendes Projekt „Armut in Deutschland und England“ machen wollen. Das war zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Es gab damals keine Armutsforschung, ich war einer der ersten, der das in Deutschland gemacht hat. Wir stellten fest, dass wir auch ein beachtliches Armutspotenzial haben. Das wurde in den Medien damals viel diskutiert. Heiner Geißler, damals CDU-Sozialminister in Rheinland-Pfalz, griff das auf und schmiedete daraus eine „Waffe“ gegen Helmut Schmidts Modell Deutschland. Als die Europäische Gemeinschaft ein Armutsprogramm auflegte, wurde ich von Deutschland aus hingeschickt. Ich habe dafür in England Modellprojekte begutachtet, in London und Liverpool. Die nebenberuflichen Aktivitäten waren immer ganz nett, da kam man auch mal aus dem Büro (lacht).

Eine Familie im Vordergrund, im Hintergrund ein großes Gebäude
Erinnerung: Konrad Schacht (mittleres Kind) 1949 mit Schwester Ulla und Bruder Jürgen sowie mit den Eltern. Im Hintergrund die Külter Schule, an der sein Vater unterrichtete. © privat

Nächstes Jahr werden Sie 80 Jahre alt. Wenn Sie zurückblicken: Sie hatten ein spannendes, erfülltes und abwechslungsreiches Arbeitsleben, oder?

Das würde ich auch so sehen. Aber ich hatte auch unheimliches Glück. Wenn es Krisen und Schwierigkeiten gab, kam ich unbeschadet wieder raus. Ich bin immer eher nach oben gefallen als nach unten, obwohl das auch hätte passieren können (lacht).

Wie oft sind Sie noch in der alten Heimat? Und wie sieht Ihr Leben jetzt aus?

Selten bin ich noch in Külte oder Arolsen. Als meine Eltern noch lebten, war ich oft da. Und zum Viehmarkt, das war für mich immer sehr wichtig. Zwischen Mai und Oktober sind meine Frau und ich in Italien, wir haben da ein altes Haus renoviert, zehn Minuten vom Meer entfernt. Im Winter sind wir hier in Frankfurt. Früher habe ich Frankfurter Gespräche in der Kulturfabrik gemacht (Anm. d. Red.: eine Diskussions- und Gesprächsreihe), ich lese viel, bin natürlich politisch interessiert – oder mache gar nichts (lacht). jj

Zur Person: Konrad Schacht

Dr. Konrad Schacht wurde in Gotha geboren und wuchs in Külte auf. Sein Vater kam aus Fritzlar. Er machte Abi an der Arolser Christian-Rauch-Schule, studierte dann Germanistik und Politikwissenschaft in Marburg sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaft in Frankfurt. Er forschte am Bonner Institut für angewandte Sozialwissenschaft, arbeitete in der Planungsabteilung des Bundeskanzleramts in Bonn unter Helmut Schmidt und leitete in den 90er-Jahren als Direktor die Hessische Landeszentrale für politische Bildung. Zudem war er häufiger als Berater tätig, unter anderem in den 70er-Jahren bei der Europäischen Gemeinschaft beim „Aktionsprogramm gegen die Armut“. Er arbeitete Jahre lang in der Hessischen Staatskanzlei, nebenbei lehrte er in dieser Zeit auch an der Uni Mainz. Zuletzt war Schacht Abteilungsleiter für Kultur im Hessischen Ministerium für Kunst und Kultur. Im kommenden Jahr wird er 80 Jahre alt. Er lebt seit Jahrzehnten mit seiner Frau Rose in Frankfurt.

 

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