Der Soziologe Prof. Klaus Dörre

Külter aktiv gegen Vorurteile: Als Wessi unter Ossis

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Im Herzen noch ein Külter : Der Soziologe Prof. Klaus Dörre lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität Universität Jena.   

Volkmarsen / Jena. In seiner Waldecker Heimat ist er seltener zu sehen als im Fernsehen. Der aus Külte stammende Soziologe Klaus Dörre hat einen Lehrstuhl in Jena und gilt als Fachmann für die Veränderungen in der modernen Arbeitswelt.

Die Folgen der Digitalisierung, die Auswirkungen unsicherer Arbeitsverhältnisse und das Erstarken rechter Listen bei den Betriebsratswahlen, das sind seine Themen, die sich auch in vielen Magazinsendungen in Rundfunk und Fernsehen widerspiegeln.

Als Wissenschaftler für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie untersucht er die gesellschaftspolitischen Veränderungen weltanschaulich neutral.

In seinem privaten Empfinden und Handeln aber ordnet er sich dem linken Spektrum zu. Dörre: „Das sage ich auf den Trümmern einer untergegangenen Gesellschaft, die sich selbst als sozialistisch bezeichnet hat.“

Bundespräsidenten mitgewählt

Nicht ohne Grund hat ihn die Thüringer Linke zweimal für die Bundesversammlung nominiert. Als er dann aber im dritten Wahlgang für Joachim Gauck stimmte, kam es hinter den Kulissen zu Diskussionen. Ein drittes Mal wurde Dörre dann nicht für die Bundesversammlung nominiert.

Doch das macht dem selbstbewussten Waldecker nichts aus. Der Sohn eines Eisenbahners hat schon so manches Mal für seine Überzeugungen gekämpft.

Als kritischer Soziologe, der die negativen Auswirkungen der Globalisierung erforscht, ist er sehr früh dem wissenschaftlichen Beirat der Globalisierungsgegner von Attac beigetreten. Dörre: „Ich habe diese Bewegung für sehr wichtig gehalten, bin aber schon lange nicht mehr aktiv gewesen.“

Mit klaren Worten lehnt jede Form von Gewalt ab: „Gewalt darf kein Mittel der politischen Auseinandersetzung sein.“

Engagiert gegen Rechts

Dörre war in Jena mit anderen Hochschullehrern in vorderster Front dabei, als es galt, Neonazi-Demonstrationen zu verhindern oder zumindest zu erschweren. Dabei stand er auch in einem Kessel schwarz gekleideter Polizisten, die jeden aufrechten Demokraten erkennungsdienstlich behandelten.

Die Bürger von Jena seien sehr stolz auf ihre Stadt. Das Bildungsniveau sei hier höher als in den meisten deutschen Städten. Umso mehr werde die immer noch anhaltende Ungleichbehandlung bei Tariflöhnen und Arbeitszeiten als Unrecht empfunden.

Das müssten auch die Wessis einsehen, die sich 30 Jahre nach der Wiedervereinigung oft abfällig über angeblich undankbare Ossis äußerten.

Dörre: „Der Vereinigungsprozess ist für viele nicht so gelaufen, wie sie sich das vorgestellt hatten. Die Arbeitslosigkeit in Jena lag zeitweise bei 60 Prozent. In der Wendezeit wurde hier vieles kaputtgemacht. Vielleicht wurde auch einfach nur die unbequeme Ost-Konkurrenz plattgemacht.“

Wie wird man als Wessi in Jena heimisch?

Führungspositionen in Justiz, Medien und Universitäten seien noch immer meist von Wessis besetzt. Die verhielten sich oft arrogant. Das komme nicht gut an.

Es gebe immer noch zu viele Vorurteile auf beiden Seiten. Dagegen helfe nur, sich vor Ort zu informieren. Während inzwischen die meisten Ossis schon einmal im Westen gewesen seien, hätten ein Drittel aller Wessis noch nie einen Fuß auf Ostdeutschen Boden gesetzt. Er selber habe sich mit seiner Familie von Anfang an bemüht, in Jena heimisch zu werden.

Dörre: „Ich war mit meinem Sohn auf jedem Fußballacker in Thüringen. Man muss die Menschen ernst nehmen, dann wird man auch akzeptiert und angenommen.“

Immerhin hat es Dörres Sohn geschafft, in die Fußballmannschaft von Carl Zeiss Jena aufgenommen zu werden. „Ich wollte, dass er Fußballprofi wird“, verrät der Professor.Dann sei eine Sportverletzung dazwischen gekommen. Jetzt studiere der 21-Jährige Soziologie wie sein Vater: „Das war nie mein Ziel, gefällt mir aber doch ganz gut.“

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