Zweimal am Tag zum Melken auf die Weide

Das Ende einer Ära: Der letzte Milchbauer in Ehringen fühlt sich wie der letzte Mohikaner

Elke und Wilhelm Kuhaupt aus Ehringen (mit Enkel Felix) bewirtschaften einen kleinen Hof mit 19 Hektar Land, elf Milchkühen, einigen Schweinen und drei Pferden. Das Melken auf dem Felde wollen sie im Oktober für immer beenden, denn im März wird die Landwirtschaft aufgegeben. Fotos: Elmar Schulten

Volkmarsen-Ehringen. Ein Besuch auf dem Hof von Elke und Wilhelm Kuhaupt ist wie eine Reise in eine fast vergessene Zeit: Landwirtschaft wie sie früher einmal war. Zweimal am Tag fahren die Kuhaupts mit ihrem roten Trecker über den Berg in Richtung Lütersheim. Hier liegt die Weide, auf der ihre elf Milchkühe grasen, wenn es bei dieser Trockenheit überhaupt etwas zu fressen gibt.

Zweimal am Tag müssen die Kühe gemolken werden. Dazu haben die Kuhaupts keinen modernen Fischgräten-Melkstand, keinen Boxenlaufstall mit automatischer Fütterungs- und Melkanlage. Sie haben nur ihren mobilen Melkstand, der bei Wind und Wetter draußen auf dem Feld steht.

Mit ihrem Trecker bringen sie eine Vakuumpumpe, die über die Zapfwelle des alten Dieselmotors angetrieben wird. Das System ist einfach, aber funktioniert bestens.

Futter ist knapp - Wohl dem, der noch Vorräte hat

Der Vakuumschlauch wird an den Melkstand mit Futterlage angeschlossen, dann kommt der Melkeimer mit den vier Saugern für die Zitzen und los geht’s. Euter für Euter, maximal zwei Kühe gleichzeitig. Mehr Melkeimer mit Sauger gibt’s nicht.

Die Kühe der Kuhaupts geben zehn bis 20 Liter am Tag. Kein Vergleich zu den Hochleistungskühen, die auf den Tierschauen in Landau oder Rhoden prämiert und mit Kränzen geschmückt werden, wenn sie 100 000 Liter Milchleistung erreicht haben.

Wo soll die Milch in diesem Sommer auch herkommen? Es gibt kaum Futter. Die Weide ist braun, vertrocknet, erinnert an Texas.

„Seit sechs Wochen müssen beifüttern“, berichtet Bauer Kuhaupt und ist froh, dass er noch eine Silomiete mit Grassilage vom vergangenen Jahr in Reserve hat. Während des Melkvorgangs bekommen seine Kühe außerdem Getreideschrot aus eigenem Anbau und etwas Kraftfutter. Außerdem haben die Kühe hier eine mobile Tränke. Und die Bar hat immer geöffnet.

Betrieb soll langsam auslaufen

So ungefähr muss das Kuhparadies aussehen: Unendlich viel Platz zum Gehen, Grasen und Wiederkäuen. Hier stehen sie bei Wind und Wetter und sehen ihren Bauern schon von Weitem anrollen. Das Tuckern verrät ihn. Wenn sie Hunger verspüren und das Euter drückt, dann trotten sie gemütlich zum Melkplatz, futtern genüsslich und warten brav, bis sie mit dem Melken an der Reihe sind.

So war es immer. Aber so wird es nicht mehr lange sein. In Ehringen deutet sich einen Zeitenwende an. Das Ende einer Ära. Die Kuhaupts gehen im März in Rente. „Wir sind die letzten Mohikaner hier in Ehringen.“

Das Melken auf der Weide hat daher schon im Oktober ein Ende. Die Kühe kommen dann zurück in den Stall, werden im Winter auf dem Hof gemolken. Die älteren Tiere sind dann reifen für den Schlachter. 

Die anderen werden so lange gefüttert wie das Futter reicht. und müssen dann auch zum Schlachter. Ebenso sind Kuhaupts Pläne für die 30 Mastschweine. Wenn das Futter und das Stroh aufgebraucht sind, ist Ende mit der Landwirtschaft. 

Alles wird immer komplizierter

Wilhelm Kuhaupt erzählt seine Geschichte äußerlich cool, im Innern aber schmerzt es ihn aber doch, dass der Bauernhof, den er von Vater und Großvater übernommen hat, künftig nicht mehr bewirtschaftet werden soll. 

Aber die Einsicht in die wirtschaftlichen Zwänge ist da: „Es ist alles immer komplizierter geworden, immer mehr Vorschriften. Vieles geht nur mit dem Computer. Damit wollte ich nicht mehr anfangen.“ Stolz blickt Kuhaupt auf seinen Enkel Felix. Seine Eltern bewirtschaften in Volkmarsen einen großen Hof ohne Tiere. 

Felix' Vater hat einen großen Maschinenpark, den er als Lohnunternehmer bei anderen Landwirten einsetzt. Das ist eine andere Art von Landwirtschaft. Die Kuhaupts waren all die Jahre auch Selbstversorger. 

Lebensmittel aus eigener Produktion

Bei der Hausschlachtung gab es genügend Fleisch für alle Sorten Wurst: Blutwurst, Leberwurst, Sülze, Bratwurst und Schnitzel, alles von eigenen Schweinen. Als fleißige Bauersfrau bewirtschaftet Elke Kuhaupt ihren großen Gemüsegarten mit Wirsing, Weißkohl, Erdbeeren und Tomaten. Kernobst wird eingemacht, zuletzt Kartoffelkörbe voll mit Mirabellen. „Und am besten schmeckt die Milch der eigenen Kühe“, weiß Elke Kuhaupt. 

„Eine Schande, dass es dafür ganze 31 Cent pro Liter gibt“, schimpft der Bauer. Vor 30, 35 Jahren, habe der Auszahlungspreis der Molkereien noch bei 80 Pfennig gelegen. Doch 40 Cent scheinen aktuell utopisch. Dabei sind doch alle anderen Kosten gestiegen. Das Futter ist teurer, die Kontrollen und vieles mehr.

Kuhaupt: „Wahrscheinlich ist es jetzt Zeit, dass wir aufhören.“ (es)

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