Der Geburtshilfe fehlt seit Jahrzehnten die gesellschaftliche Anerkennung 

Letztes Baby in Volkmarsen:  Schließung der Geburtsthilfe macht traurig

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Letztes Baby in Volkmarsen geboren: Das Bild zeigt sitzend die stolzen Eltern, Pia Becker und Stefan Köchling aus Diemelstadt-Gashol mit ihrem kleinen Sohn Lio. Dahinter stehend: Hebamme Petra Hecht und Gynäkologe Leonhard Kalhoff.  

Volkmarsen. Der kleine Lio, der am vergangenen Freitag geboren wurde, ist das letzte Baby, das in der geburtshilflichen Abteilung des St.-Elisabeth-Krankenhauses das Licht der Welt erblickt hat.

Die Geburtshilfe wurde dort zum 30. Juni eingestellt, ähnlich wie zuvor an den Nachbarkrankenhäusern in Wolfhagen, Bad Arolsen, Marsberg und Warburg. Werdende Mütter aus Nordwaldeck und den angrenzenden westfälischen Städten müssen sich nun komplett anders orientieren.

Die politischen Zeichen stehen auf Konzentration, auf größere Kliniken. Nächstes Krankenhaus mit Geburtshilfe in Waldeck-Frankenberg ist Korbach. Westfälische Mütter blicken nach Paderborn und Höxter. Im Landkreis Kassel gibt es noch Hofgeismar und dann natürlich Kassel.

„Unsere Patientinnen sind mit der Situation gar nicht zufrieden“, fasst Dr. Ralf Kubenke zusammen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Leonhard Kalhoff betreibt er am Volkmarser Krankenhaus eine gynäkologische Belegarztpraxis. Beide hatten damit gerechnet, dass sich die Mütter schon Wochen vor dem Umstellungstermin für andere Praxen in entscheiden würden.

Doch es kam anders: Viele haben darauf spekuliert, so gerade noch vor dem 30. Juni in Volkmarsen entbunden werden zu können. Einzelne baten sogar darum, die Geburt vorzeitig einzuleiten. „Das machen wir aber nur, wenn dies medizinisch geboten ist“, so Dr. Kubenke.

Lächeln, auch wenn es schwerfällt: Das Geburtshilfeteam der gynäkologischen Belegarztpraxis von Dr. Ralf Kubenke und Leonhard Kalhoff mit zehn freiberuflichen Hebammen am St. Elisabeth-Krankenhaus in Volkmarsen.

Dennoch wurden in der vergangenen Woche noch acht Kinder in Volkmarsen geboren. Der Letzte war der kleine Lio, dessen Eltern aus Rhoden kommend, sich vertrauensvoll an Leonhard Kalhoff wandten.

Nun also kann die gynäkologische Praxis in Volkmarsen keine Geburten mehr anbieten. „Als Geburtsort werden wir dann wohl künftig lesen „am Straßenrand bei Rhöda“, oder so“, kommentiert Dr. Kubenke sarkastisch.

Die politische Entscheidung, sich nicht genug für die Stärkung der Geburtshilfe auf dem flaschen Lande einzusetzen, sei falsch. Sie werde von den jungen Familien wie ein Verlust an Lebensqualität empfunden.

Vordergründig sei es vielleicht um steigende Versicherungsprämien oder Vergütungsbeträge gegangen, so Kubenke und Kalhoff übereinstimmend. Aus ihrer Sicht aber habe seit Jahren die Wertschätzung für die geburtshilfliche Leistung gefehlt. Als Erstes hätten dies die freiberuflichen Hebammen mit Einkommensverlusten bis zu 20 Prozent zu spüren bekommen, nun also alles werdenden Mütter der Region.

Das St. Elisabeth-Krankenhaus und ihre Belegearztpraxis hätten jedenfalls alle Anforderungen und Leitlinien erfüllt. So sei ständig eine Kinderkrankenschwester vor Ort gewesen, ebenso Bereitschaftsärzte für die Anästhesie und ein OP-Team. Und auch die Kinderarzt-Praxis in bad Arolsen sei in Bereitschaft gewesen. Die Fehler seien nicht in Volkmarsen, sondern in Berlin gemacht worden.

Die zehn freiberuflichen Hebammen wollen übrigens in ihren Berufen weiterarbeiten, und zwar in der Vor- und Nachsorge der werdenden Mütter.

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