Verhandungstage bis kurz vor Weihnachten terminiert

Mammutprozess nach Amokfahrt von Volkmarsen: Zeugin: „Herannahendes Auto verursachte Druckwelle wie ein ICE“

Die Richter und Schöffen der sechsten Großen Strafkammer des Landgerichts Kassel ziehen in den Gerichtssaal am Kasseler Kulturbahnhof ein.
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Prozess um die Amokfahrt von Volkmarsen: Die sechste Große Strafkammer des Landgerichts Kassel tagt unter dem Vorsitz von Richter Volker Mütze als Schwurgericht in einer modernisierten Bahnhofshalle am alten Kasseler Hauptbahnhof.

In dem Prozess um die Amokfahrt von Volkmarsen hat die sechste Große Strafkammer des Landgerichts Kassel als Schwurgericht am Donnerstag erneut acht Geschädigte als Zeugen gehört.

Volkmarsen/Kassel - Insgesamt wird das Gericht voraussichtlich bis kurz vor Weihnachten alle 91 unmittelbar durch den Amokfahrer verletzten Teilnehmer des Rosenmontagsfestzugs 2020 und viele Dutzend weitere Zeugen der Gewalttat vernommen haben.

An den Verhandlungstagen bis zum 5. August waren auch Zeugen aus dem persönlichen Umfeld des 31-jährigen Angeklagten sowie Polizeibeamte zu Wort gekommen, die nach der Tat die näheren Umstände der Amokfahrt akribisch untersucht hatten.

Angeklagter äußert sich nicht

Auch Gefängnisärzte und Psychologen, die mit dem mutmaßlichen Täter nach dessen Festnahme am 24. Februar 2020 dienstlich zu tun hatten, wurden in der Anfangsphase des Mammutverfahrens befragt, um der vom Gericht beauftragten psychiatrischen Gutachterin die Möglichkeit zu geben, sich ein umfassendes Bild vom Angeklagten zu machen.

Ein persönliches Gespräch mit der Gutachterin Birgit von Hecker hatte der zur Tatzeit 29-jährige Mann, der offenbar keine Freunde hatte, beharrlich abgelehnt.

Prinzip der Mündlichkeit im Strafprozess

Das psychiatrische Gutachten, das dem Angeklagten zwar eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen, paranoiden und schizoiden Zügen, aber keine Schuldunfähigkeit attestiert, war am 5. August dem Gericht vorgetragen worden, sodass von nun an bei jedem Verhandlungstag ausschließlich körperlich und seelisch Verletzte bei Gericht zu Wort kommen.

Dadurch kommt es naturgemäß zu vielen Wiederholungen in der Beschreibung des immer gleichen Tathergangs und der häufig sehr ähnlichen Folgen für die Betroffenen. Diese Wiederholungen sind jedoch unvermeidbar, weil die Strafprozessordnung das Prinzip der Mündlichkeit vorsieht: Verurteilt werden kann nur das, was auch vor Gericht vorgetragen und erörtert wurde.

Zügig und gründlich zugleich

Deshalb müssen nun sämtliche 91 Verletzte ihre persönliche Leidensgeschichte im Detail schildern. An jedem Prozesstag kommen im Schnitt etwa acht Zeugen zu Wort, sodass wahrscheinlich schon bald die Hälfte der Geschädigten gehört wurden. Angeklagt sind 91 tateinheitliche Fälle wegen des Verdachts des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung und des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Unter Tränen berichtete am Donnerstag auch eine 58-jährige Verwaltungsangestellte von ihren Erlebnissen beim Rosenmontagszug 2020 in Volkmarsen: Wie die Druckwelle eines einfahrenden ICE habe sich der ganz dicht vorbeirasende Mercedes angefühlt. „Dann war erst mal nichts. Ich lag am Boden und mein linkes Bein war so komisch verdreht.“ Mit aller Kraft habe sie sich am Treppengeländer hochgezogen und dann wie versteinert dagestanden.

Sie habe die große blaue Papiertonne gesehen, die durch die Wucht des Aufpralls durch die Luft geflogen ist und sich Sorgen um den jungen Mann gemacht, der da drin gesessen habe. Zum Glück sei er nicht ums Leben gekommen, stellt sie mitfühlend fest. Aber all die schlimmen Bilder seien noch drin in ihrem Kopf und würden da wohl auch den Rest ihres Lebens noch bleiben. „So viele unschuldige Menschen und Kinder wurden verletzt“, klagt die Frau.

Als coronagerechten Gerichtssaal hat das Landgericht Kassel einen Saal im Kulturbahnhof von Kassel angemietet. Prozessauftakt war in den Kasseler Messehallen.

Für die nächsten Sitzungstage am 30. September und 7. Oktober hat die sechste Große Strafkammer des Landgerichts Kassel wiederum neun, beziehungsweise zehn Geschädigte als Zeugen geladen.

Verhandlungen sind öffentlich

Die Verhandlungstage sind öffentlich und beginnen jeweils um 9 Uhr in einem coronagerecht ausgestatteten, großen Saal, der vom Landgericht im Kulturbahnhof von Kassel angemietet wurde. Weil das Besucher- und Medieninteresse bei Prozessauftakt noch deutlich größer war, tagte das Gericht im Mai in den Kasseler Messehallen. (Elmar Schulten)

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