Datenschutz und Corona erschweren Aufarbeitung

Nach der Amokfahrt vom Rosenmontag: Volkmarser Karnevalisten blicken traurig zurück und planen den Neuanfang

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Überdimensionaler Karnevalsorden für die Feuerwehr: Karnevalspräsident Christian Diste (links) dankte der Volkmarser Feuerwehr für deren Einsatz nach der Amokfahrt beim Rosenmontagszug mit dem Orden, „Herzenssache“. Rechts: Stadtbrandinspektor Kai Wiebusch. Er war einer von vielen Feuerwehrleuten, die sich nach der Amokfahrt vom Festzugteilnehmer in einen Retter vor Ort verwandelten. Der Orden wird gehalten von Andreas Flore und Torsten Tegethoff. 

132 Tage nach der Amokfahrt, die den Rosenmontagszug in Volkmarsen in die bundesweiten Schlagzeilen katapultierte, haben sich die Volkmarser Karnevalisten unter Einhaltung der Corona-Sicherheitsbestimmungen zur Jahreshauptversammlung in der Nordhessenhalle getroffen.

Volkmarsen. Die Zusammenkunft war geprägt von dem Versuch, eine Zwischenbilanz der schlimmen Ereignisse zu ziehen und einen Neuanfang zu planen. Zusätzlich erschwert wird die Aufarbeitung von den strengen Regeln des Datenschutzes, die es den Karnevalisten unmöglich machen, sich mit allen Betroffenen in Verbindung zu setzen.

Karnevalspräsident Christian Diste klagte, dass er nicht einmal einen Brief mit Genesungswünschen habe verschicken können, weil die Adressen der Opfer von der Staatsanwaltschaft und den Krankenhäusern unter Verschluss gehalten würden.

Der Täter schweigt weiter

In diesem Punkt machte Bürgermeister Hartmut Linnekugel Hoffnung auf Unterstützung durch den neuen Opferbeauftragten der hessischen Landesregierung, den früheren Leiter der Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt, Prof. Helmut Fünfsinn.

Von ihm habe er auch erfahren, dass der Täter nach wie vor keine Auskunft über seine Motive gebe. Umso mehr müsse die Polizei in dessen Umfeld ermitteln und an vielen Haustüren auch noch ein zweites und drittes Mal klingeln.

Gemeinden wollen kooperieren bei künftigen Sicherheitskonzepten

Einigkeit herrscht bei den Karnevalisten, dass es nach dem Schock vom Rosenmontag weitergehen müsse. Man wolle dem Attentäter nicht den Erfolg gönnen, den Karneval auf Dauer auszubremsen. Dennoch ist noch völlig offen, wie Rosenmontagszüge und auch alle anderen Arten von Festzügen künftig abgesichert werden müssen.

Bürgermeister Hartmut Linnekugel kündigte an, dass der Magistrat den Verein mit dieser schwierigen Aufgabe nicht alleine lassen werde. Gemeinsam mit den Nachbargemeinden in Nordwaldeck und Breuna werde darüber nachgedacht, die nötigen Absperr-Elemente für künftige Festzüge gemeinsam anzuschaffen und dann gegenseitig auszuleihen. Die Sicherheitskonzepte müssten im Detail mit der Polizei abgestimmt werden.

Der Karneval soll weitergehen

Und als ob all diese Sorgen noch nicht herausfordernd genug für einen Karnevalsverein mit 353 Mitgliedern wären, schwebt über allen Planungen auch noch die Ungewissheit, ob im kommenden Jahr wegen der anhaltenden Corona-Pandemie überhaupt wieder Karneval gefeiert werden kann.

„Für uns wäre es das Schlimmste, den Karneval absagen zu müssen“, stellte Christian Diste fest, und verwies auf die derzeit noch geltende Verfügung, die sämtlich Großveranstaltungen bis Ende Oktober 2020 verbietet. Es bleibe abzuwarten, ob dieses Verbot bis in 2021 verlängert werde. Für diesen Fall aber würden die Volkmarser Karnevalisten kreativ und ließen sich Alternativen für ihre großen Festveranstaltungen einfallen, so Diste.

Für den Moment aber gelte dieser Fahrplan: 16. Januar Prinzenproklamation, 6. Februar Prunksitzung, 7. Februar Kindersitzung, 14. Februar Kinderumzug, 15. Februar Rosenmontagszug.

Auf Krisenmodus umgeschaltet

Dank und Anerkennung für das geleistete Krisenmanagement nach der Amokfahrt vom Rosenmontag hat Bürgermeister Hartmut Linnekugel dem Präsidenten der Volkmarser Karnevalsgesellschaft, Christian Diste, ausgesprochen. Ebenso würdigte der Rathauschef die Leistung der Volkmarser Feuerwehr und allen Rettungskräften aus der Umgebung.

 „Die Erinnerung an diesen Tag macht mich immer noch unglaublich traurig“, erklärte Diste. So viele mussten leiden und leiden noch immer, weil ein kranker Mensch alles kaputt gemacht hat. - An dem Tag selbst und in den Tagen danach befand ich mich selbst in einer Art Funktionsmodus.“ Fast täglich sei er mit dem Bürgermeister im engen Austausch gewesen. 

Datenschutz und Corona erschweren die Aufarbeitung

Unzählige Anrufe von Medienvertretern aus ganz Deutschland seien sehr nervig gewesen und letztlich auch der Grund dafür, warum er selber darauf verzichtet habe, sich in der Dokumentation des Hessenfernsehens zu äußern. Doch schon eine Woche später hätten die Vorsichtsmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie sämtliche persönlichen Gespräche unterbunden.

 Bis zu dem Lockdown hätten alle Verantwortlichen intensiv versucht, den vielen Opfern zu helfen und beizustehen. Er selber habe gespürt, dass er an die Grenzen seiner gesundheitlichen Belastbarkeit gestoßen sei. Und dann habe der Lockdown die weitere Aufarbeitung unmöglich gemacht. Nun wolle der Vorstand der Karnevalsgesellschaft einen Neustart der Aufarbeitung versuchen für alle, die Hilfe benötigen.

Über Verwendung der Spenden muss noch entschieden werden

 Diste: „Es wäre wichtig, mit den Verletzten ins Gespräch zu kommen, aber der Datenschutz macht uns das weitgehend unmöglich.“ Auch Bürgermeister Hartmut Linnekugel bekräftigte, dass es nicht einmal möglich sei, Genesungswünsche per Post zu verschicken. Aus der Mitte der Mitgliederversammlung wurde daher der Vorschlag gemacht, einen Brief an die 154 Verletzten zu formulieren und fertig frankiert an die Polizei zu übergeben. Die könne ja anhand ihrer Unterlagen die Briefe mit den Adressen der Geschädigten versehen und zur Post geben. Wer wolle, könne sich dann direkte an den Vorstand der Karnevalsgesellschaft wenden. 

Diskutiert werden soll demnächst zwischen Magistrat und Karnevalsvorstand auch die Frage, was mit den vielen Spendengeldern geschehen soll, die derzeit bei der Stadtkasse verwahrt werden. Die Höhe der Spenden wurde nicht genannt. Anerkennung gab es für die Volkmarser Feuerwehr für deren selbstlosen Einsatz nach der Amokfahrt beim Rosenmontagszug.

Orden für die Feuerwehr

Symbolisch überreichte VKG-Präsident Diste einen überdimensionalen Orden mit dem aktuellen Sessionsmotto „Herzenssache“ an Stadtbrandinspektor Kai Wiebusch. Er war einer von vielen Feuerwehrleuten, die sich nach dem Anschlag in Windeseile vom Festzugteilnehmer in einen Retter vor Ort verwandelten und selber in Dienst setzten.

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