Die Lage in der Stadt am Fuße der Kugelsburg 100 Tage nach der Tat:

Nach der Amokfahrt in den Rosenmontagszug: Volkmarsen hält zusammen

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Volkmarsen hält zusammen. So lautet die Botschaft 100 Tage nach der schrecklichen Amokfahrt eines jungen Volkmarsers mitten in den Rosenmontagszug. Das Plakat am Fuße der Kugelsburg spricht das enge Zusammenspiel von Polizei, Feuerwehr, Rettungskräften, Ersthelfern, Notfallseelsorgern und Stadtbevölkerung an.

Knapp 100 Tage nach der Amokfahrt eines 29-jährigen Volkmarsers, bei der 154 Teilnehmer und Zuschauer des Rosenmontagszuges in Volkmarsen körperlich und seelisch verletzt wurden, sind immer noch viele Fragen offen.

Volkmarsen. Der mutmaßliche Täter schweigt in der Untersuchungshaft zu seiner Tat. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die den Fall federführend bearbeitet, hat noch keine Anklage erhoben. „Die Ermittlungen dauern an“ sagte gestern Oberstaatsanwalt Georg Ungefuk im Gespräch mit dieser Zeitung. 

Es bestehe der Verdacht des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung und des gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Es hätten sich bisher keine Anhaltspunkte auf eine politische Motivation der Tat ergeben, so der Oberstaatsanwalt.

Kaum Gelegenheit, mit anderen zu reden

Der Tatverdächtige schweige nach wie vor. Umso intensiver müssten die vielen Zeugen befragt werden, was unter Corona-Bedingungen nicht einfach sei. Die Ermittler geben sich große Mühe, das Vorleben des Verdächtigen zu ergründen. In der Stadt am Fuße der Kugelsburg ist scheinbar wieder Normalität eingekehrt. Aber es ist die Normalität in der Corona-Krise. Die Menschen haben nur wenig Gelegenheit, miteinander über das Erlebte zu sprechen.

Noch mal aufs Gas getreten?

Einer, der viel Schlimmes gesehen hat und darüber spricht, ist Friedhelm Engemann. Er stand im Steinweg vor der Apotheke, als der Rosenmontagszug startete und er hat aus nächster Nähe gesehen, wie der Mercedes in die Menschenmenge raste. 

Der Motor habe noch einmal hörbar die Drehzahl erhöht, so als sei der Wagen beschleunigt worden, erinnert sich Engemann. Für ihn steht daher fest: „Es war Absicht. Aber warum? Welches Motiv hatte der junge Mann, der doch schon lange in Volkmarsen lebte? Fühlte er sich nicht angenommen von Gleichaltrigen?“

Die Angst nach Hanau

All das sind Fragen, die sich nicht nur Engemann stellt, aber bisher keine Antwort bekommen hat, weil der Beschuldigte schweigt. Engemann hat gesehen, wie der junge Mann von Polizeibeamten abgeführt wurde und wie die Polizisten den mutmaßlichen Täter vor den Fäusten der wütenden Menge in Sicherheit bringen musste. Engemann: „Wir hatten Angst. Wenige Tage zuvor war ja der Anschlag in Hanau geschehen. Wir wussten nicht, was noch passieren würde.“ 

Solidaritätsgottesdienst am Tag danach: Viele hundert Menschen verfolgten tief betroffen die Ansprachen von Ministerpräsident Volker Bouffier, der evangelischen Landesbischöfin Prof. Beate Hofmann und des katholischen Erzbischofs von Fulda, Michael Gerber, in und vor der Marienkirche.

Und dann die Szenen mit den vielen Verletzten am Boden und den vielen Menschen, die spontan halfen, die vielen Feuerwehrleute, Rettungssanitäter. Ihnen gebühre ein großer Dank, so Engemann. Nicht nur für ihn steht daher fest: „Wir Volkmarser halten zusammen.“

 Erlebnisse verarbeiten

 Die evangelische Pfarrerin Britta Holk, die sich selber als exzellente Büttenrednerin im Karneval präsentiert hatte und deren Tochter bei dem Angriff auf den Rosenmontagsfestzug verletzt wurde, hat sich seitdem auf vielfältige Weise sehr intensiv mit der Tat, dem Täter und seinen Opfern auseinandersetzen müssen.

 Im aktuellen „Tandem“, dem ökumenischen Gemeindebrief, hat Pfarrerin Holk das Vorwort geschrieben. Sie geht darin sehr einfühlsam auf die schrecklichen Geschehnisse ein. Für viele fühle sich dieses Jahr seit dem Rosenmontag an, als dürfe man gar nichts Schönes mehr erleben.

... sonst hat am Ende der Täter gewonnen

Es sei wichtig, über das Erlebte zu sprechen, sagt die Pfarrerin und vergleicht die Situation in der Stadt mit der eines Trauernden. Daher weiß die Pfarrerin: „Wenn wir uns dem Geschehenen jetzt nicht stellen, wird es immer wieder hochkommen.“ 

Auch der Karneval müsse das Thema angemessen verarbeiten, auch bei einer Sitzung auf der Bühne. Mit wohlgesetzten Worten. Und dann müsse das neue Sicherheitskonzept veröffentlicht werden, damit alle wieder ohne Angst an dem Fest teilnehmen können. Für die Pfarrerin steht jedenfalls fest: „Wenn wir den Karneval nicht fortführen, dann hat der Täter am Ende gewonnen.“

Wir machen weiter 

Karnevalspräsident Christian Diste, der als Mitorganisator ganz nah am Geschehen war, bedauert, dass die Kontaktbeschränkungen im Zusammenhang mit der Corona-Krise die Aufarbeitung des schlimmen Geschehens noch schwerer gemacht haben. 

Auch im Vorstand der Karnevalsgesellschaft habe man seitdem sich nur telefonisch besprechen können. Man habe einen Therapeuten für Gespräche im Elferrat engagiert. Doch dann sei wegen Corona jede Zusammenkunft abgesagt worden.

Sicherheitskonzept komplett überarbeiten

Diste: „Eigentlich hätten wir schon unsere Jahreshauptversammlung abgehalten. Der Vorstand wäre als Ganzes nochmals angetreten. Für uns steht fest, wir machen jetzt auf jeden Fall weiter.“ Im Sommer wolle man gemeinsam überlegen, wie der Festzug künftig gestaltet werden müsse und welche Sicherheitsmaßnahmen zusätzlich nötig seien.

Diste: „Wir wollten uns eigentlich bei anderen Großveranstaltungen ansehen, wie man dort auf die erhöhten Sicherheitsanforderungen reagiert, aber jetzt sind der große Festzug beim Schützenfest in Rhoden und der Viehmarktsfestzug in Arolsen abgesagt. Corona mache das alles nicht einfacher.“ Zu klären sei auch noch, ob künftige Rosenmontagszüge noch am Tatort im Steinweg vorbeiziehen sollten.

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