Psychologin gibt Tipps für Betroffene und Angehörige

Nach Drama in Volkmarsen: So werden Traumatisierte richtig unterstützt

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Einfühlsam sein, Sicherheit herstellen: Die Psychologin rät dazu, Betroffenen keinen Druck zu machen, stattdessen verständnisvoll zu sein und unterstützend zur Seite zu stehen. Das Foto zeigt ein Paar während des Gedenkgottesdienstes in Volkmarsen am Dienstag.

Das Drama beim Rosenmontagszug in Volkmarsen lässt viele Betroffene, Angehörige und Einsatzkräfte nicht nur ratlos und wütend zurück, sondern oftmals auch traumatisiert.

Die Korbacher Psychologin Julia Günther-Pusch, auf Traumata spezialisiert, gibt Tipps für den richtigen Umgang mit traumatischen Erlebnissen. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wen kann ein Trauma betreffen?

Durch ein dramatisches Ereignis wie die Amokfahrt in Volkmarsen können die Menschen traumatisiert werden, die dabei verletzt wurden, aber auch die, die es gesehen haben und dadurch schockiert wurden. Genauso können Einsatzkräfte wie Polizisten, Mediziner oder Feuerwehrleute eine Posttraumatische Störung entwickeln, sagt Dr. Julia Günther-Pusch. Gerade weil sie immer wieder in dramatische Situationen geraten, sollten sie Symptome ernst nehmen.

Welche Symptome deuten auf ein Trauma hin?

Wer akut ein sehr einschneidendes Ereignis erlebt hat, steht oft zunächst unter Schock, es kommt häufig zur Erstarrung. Es könne eine Desorientiertheit auftreten und eine Überforderung, Reize zu verarbeiten, sagt Günther-Pusch. Auftreten könnten Angstgefühle und körperliche Reaktionen wie Unruhe, Herzklopfen und Schweißausbrüche. Manche funktionieren nach einem Trauma zunächst sehr strukturiert, helfen anderen, und entwickeln mit Verzögerung Symptome – auch wenn es den Anschein hatte, dass alles bereits gut bewältigt sei.

Wann ist ein Besuch beispielsweise bei einem Psychotherapeuten notwendig?

In den meisten Fällen verschwinden die Symptome von selbst nach einiger Zeit wieder, sagt die Trauma-Expertin. Dies könne einige Wochen dauern. Werden Symptome festgestellt, solle man nicht in Panik verfallen. Wer im kommenden Sommer noch mit den Folgen des Dramas von Volkmarsen zu kämpfen hat, sollte zur Beratung gehen, rät Günther-Pusch.

Wie sollten Angehörige, Freunde und Bekannte mit Traumatisierten umgehen?

Betroffene sollten sich selbst Zeit geben, möglichst keinen Druck ausüben, sagt die Psychologin. Gleiches gilt für das persönliche Umfeld. Manche erzählen immer wieder, was sie erlebt haben. Das sollten die Zuhörer zulassen und stets verständnisvoll zuhören, auch wenn sie den Bericht bereits zigmal gehört haben. Durch das Erzählen ordne sich das Ereignis ein, mache es begreifbar.

Dr. Julia Günther-Pusch

Andere Betroffene ziehen sich zurück und sprechen gar nicht darüber. „Man sollte sie nie drängen“, rät Günther-Pusch. „Beide Reaktionsweisen sind in Ordnung.“ Wichtig sei es, Sicherheit herzustellen in einer vertrauten Umgebung und gewohnte Rituale beizubehalten.

Auch Arbeitgeber sind gefragt, Rücksicht zu nehmen und keinen Druck auszuüben. Sonst könne die Situation kippen.

Bei der Amokfahrt in Volkmarsen waren viele Kinder betroffen. Äußert sich bei ihnen ein Trauma anders?

Wenn Kinder eine solche Belastungssituation erleben, könne es sein, dass sie in ihrer Entwicklung etwas zurück gehen, sagt die Korbacherin. Beispielsweise könnten sie wieder beginnen, ins Bett zu machen oder bei den Eltern schlafen zu wollen. Auch bei ihnen gelte es, Geborgenheit und Sicherheit zu schaffen und Rituale wie das abendliche Vorlesen beizubehalten. Kinder sollten nicht ausgefragt werden. Und: Wenn Mütter durch die Katastrophe verängstigt seien, spüre das Kind das. Sie müssten auch für ihre eigene Stabilisierung sorgen.

Nach einem Trauma kann es zu einer Posttraumatischen Belastungsstörung kommen. Welche Anzeichen deuten darauf hin?

Flashbacks sind ein Symptom dieser Erkrankung, der Betroffene erlebt die belastende Situation dann immer wieder. Zudem kann es zur Abstumpfung kommen, zu Panikattacken und Schreckhaftigkeit, außerdem kann der Betroffene ein hohes Kontrollbedürfnis entwickeln. Menschen im Umfeld würden die Person dann oft als wesensverändert wahrnehmen, sagt die Expertin.

Auch noch zwei bis drei Monate nach der traumatischen Situation könne eine solche Posttraumatische Belastungsstörung auftreten.

Warum ist es wichtig, keinen Hass auf den Verursacher eines Traumas zu entwickeln?

„Eine momentane Wut ist berechtigt“, sagt Julia Günther-Pusch. Aggressionen und Hass würden jedoch Stresshormone ausschütten. Damit belaste man sich selbst, man stehe seiner eigenen Heilung im Weg.

Viel besser sei es, dankbar zu sein, dass man überlebt habe, dass viele engagierte Helfer vor Ort gewesen seien und dass man hilfsbereite Menschen an seiner Seite habe.

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