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Amokfahrt von Volkmarsen: Urteil erwartet - Chronologie einer unfassbaren Tat

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Von: Elmar Schulten

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Im Mammutprozess um die Amokfahrt von Volkmarsen fällt am Donnerstag das Urteil. Chronologie einer Tat, die einen ganzen Ort traumatisiert hat.

Volkmarsen/Kassel - Die sinnlose Amokfahrt beim Rosenmontag 2020 hat der Stadt Volkmarsen* und ihre Bürger schwer erschüttert. Seit dem 3. Mai 2021 hat das Kasseler Landgericht an 24 Tagen Beweisaufnahme alle Aspekte der Tat aufgearbeitet*, sodass nun nach den Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung am 27. Prozesstag am Donnerstag (16.12.2021) mit Spannung das Urteil erwartet wird.

Das Urteil der sechsten Großen Strafkammer, die wegen der Schwere des Tatvorwurfs Mordversuch in 89 Fällen als Schwurgericht tagte, basiert auf dem Ergebnis der Beweisaufnahme. Der Staatsanwalt wurde in seinem Plädoyer deutlich: „Das war ein Mordanschlag auf feiernde Kinder“ und fordert lebenslange Haft für den Angeklagten Maurice P.

Prozess um Amokfahrt von Volkmarsen: Maurice P. bereitete sich laut Zeugen auf die Tat vor

So ist durch Zeugenaussagen untermauert, wie der Täter sich am Morgen des Rosenmontages, 24. Februar 2020, auf seine Tat vorbereitete, seinen silberfarbenen, fast 200 PS starken Mercedes Kombi schon gegen 10 Uhr in der Parkbucht vor der Bahnschranke in der Lütersheimer Straße abstellte, seine Kamera am Armaturenbrett (Dashcam) montierte und erst einmal einen Pfandbon im Rewe-Markt einlöste.

Volkmarsen-Prozess
Einsatzkräfte sichern Spuren, nachdem das Auto in den Rosenmontagszug gefahren war. © Uwe Zucchi/dpa/Archivbild

Dann ging er nach Hause und kehrte erst gegen 14 Uhr zu seinem Auto zurück, betrachtete, mit den Händen in den Hosentaschen, auf der Kreuzung stehend den vom Marktplatz herannahenden Festzug. Dann stieg er in sein Auto, wartete wieder.

Amokfahrt von Volkmarsen: Mit bis zu 60 Kilometern pro Stunde rast Maurice P. in die Menschenmenge

Als sich dann um 14.41 Uhr die Bahnschranken hoben, schaltete der damals 29-jährige Mann seine Dashcam ein, gab Gas und steuerte auf die Kreuzung Steinweg/Arolser Straße zu. Die hier von Polizei und Ordnungsamt als Fahrzeugsperre aufgestellten Kleintransporter umfuhr der Angeklagte wie bei einer Slalomfahrt. Ebenso steuerte er um den Fahrbahnteiler herum und lenkte sein Auto mit schätzungsweise 50 bis 60 Kilometern pro Stunde in die Festzugteilnehmer*.

Dabei rammte er zunächst die große blaue Papiertonne, in der sich ein Mitglied der Festzuggruppe „Wilde 13“ als Oskar aus der Sesamstraße eingerichtet hatte. Der Deckel der Papiertonne flog durch die Luft und schlug in die Hauswand der Gaststätte Jägerhof ein.

Amokfahrt von Volkmarsen: Auch viele Kinder unter den Opfern

Mitglieder der Gruppe „Wilde 13“ wurden ebenso wie Zuschauer am Straßenrand vom Auto erfasst oder von umherfliegenden Gegenständen verletzt. Mehrere Personen flogen über die Motorhaube, andere wurden vom Kotflügel oder den Außenspiegeln erfasst, wieder andere wurden mit zu Boden gerissen, als die neben ihnen stehenden Zuschauer zu Boden geworfen wurden.

Besonders erschreckend ist das, was mehreren Kindern geschah, als sie gerade damit beschäftigt waren, Bonbons und anderes Wurfmaterial der Karnevalisten vom Boden aufzulesen: Auch die Kinder wurden umgeworfen, vom Auto erfasst. Eines der Kinder wurde sogar vom Mercedes überrollt.

Prozessauftakt im Mai: Der mutmaßliche Amokfahrer Maurice P. bekommt am ersten Prozesstag von Justizwachtmeistern und seinen Verteidigern Bernd Pfläging und Susanne Leyhe einen Sitzplatz zugewiesen.
Prozessauftakt im Mai: Der mutmaßliche Amokfahrer Maurice P. bekommt am ersten Prozesstag von Justizwachtmeistern und seinen Verteidigern Bernd Pfläging und Susanne Leyhe einen Sitzplatz zugewiesen. © Andreas Fischer

Wie durch ein Wunder blieb jedoch auch dieses Mädchen von schweren Verletzungen verschont. Möglicherweise war es der automatische Bremsassistent, der schließlich den Motor abschaltete, so dass der Mercedes mit einem Reifen auf dem Bürgersteig vor dem Rewe-Markt zum Stehen kam.

Amokfahrt von Volkmarsen: Zuschauer reagieren instinktiv und halten Maurice P. auf

Umstehende Zuschauer reagierten instinktiv und hoben das Fahrzeug so weit an, dass das Kind aus der Nische unter dem Motorraum und der Bordsteinkante hervorgezogen und seiner Mutter übergeben werden konnte. Fast gleichzeitig riss eine 16-jährige Zuschauerin die Beifahrertür auf und kletterte auf den Beifahrersitz, um den Zündschlüssel abzuziehen, bevor der Amokfahrer den Wagen erneut starten konnte. Es kam zum Handgemenge zwischen den beiden.

Diese wertvollen Sekunden reichten aus, dass noch weitere Zuschauer von der Fahrerseite her die Türen aufreißen und den Amokfahrer mit Fäusten vom erneuten Starten des Motors abhalten konnten.

Amokfahrt von Volkmarsen: Chaotische Szenen nach dem Fahrzeug stoppt

Zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch zwei Polizeibeamte, die das Festzuggeschehen in Zivil beobachteten, in das Fahrzeuginnere vorgekämpft. Sie drückten den Fahrer in seinen Sitz und ergriffen dessen Hände, um ihm Handschellen anlegen zu können.

In diesem Handgemenge kam es zu unglaublichen Dialogen, wie die Polizeibeamten zu Beginn des Mammutprozesses dem Gericht schilderten: Die starken Männer aus dem Publikum hatten erst nicht glauben wollen, dass es sich bei den Männern mit den Handschellen tatsächlich um Polizeibeamte in Zivil handelte.

Sie trugen nacheinander ihre langen Anklageschriften vor: Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und seine Kollegin Melike Aydogdu von der Staatsanwaltschaft Kassel vor einem zum Gerichtssaal umfunktionierten Konzertsaal der Stadthalle Kassel.
Sie trugen nacheinander ihre langen Anklageschriften vor: Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt und seine Kollegin Melike Aydogdu von der Staatsanwaltschaft Kassel vor einem zum Gerichtssaal umfunktionierten Konzertsaal der Stadthalle Kassel. © Elmar Schulten

Ein Helfer habe gesagt, er lasse den Täter erst los, wenn uniformierte Polizei vor Ort sei. Schließlich sei Karneval und jeder könne behaupten, er sei Polizist. Ein aufgebrachter Zuschauer habe den Zivilbeamten sogar aufgefordert: „Gib mir deine Dienstwaffe, ich erledige das hier.“

Zu einem solchen Notwehr-Exzess kam es zum Glück nicht, auch weil sehr schnell uniformierte Polizeibeamte, die zuvor den Verkehr an der Kreuzung geregelt hatten, vor Ort waren und den mutmaßlichen Täter in ein zum Tatort geeiltes Polizeiauto verfrachteten.

Amokfahrt von Volkmarsen: Ersthelfer reagieren vorbildlich

Fast gleichzeitig lief eine nie dagewesene Kaskade der Rettungseinsätze an. Dutzende Rettungswagen und Notärzte wurden aus ganz Nordhessen und dem angrenzenden Westfalen nach Volkmarsen geordert. Bis die jedoch eintrafen, reagierten die Volkmarser so vorbildlich, wie es sich jeder Katastrophenschutz-Planer vorstellt: Nach einem Moment der Stille waren Dutzende von Ersthelfern zur Stelle.

Die vielen Volkmarser Feuerwehrleute, die selber am Festzug teilnahmen oder den Festzugweg abgesichert hatten, stürzten sich in das Chaos und packten überall da an, wo Hilfe gebraucht wurde. Eine Mutter schilderte, wie sie ihrem am Boden liegenden Sohn gerade erst das Blut aus dem Gesicht gewischt hatte, als der wieder aufsprang und seine Feuerwehruniform anlegte und anderen half.

Auch das Team der Burg-Apotheke reagierte sofort und instinktiv richtig: Die Apotheke wurde geöffnet und zum Behelfslazarett. Verbandsmaterial und Decken wurden aus dem Lager geholt und auf der Straße verteilt. Den ganzen Nachmittag über wurden die Verletzten von Krankenwagenbesatzungen im weiten Umkreis verteilt. Die Kliniken in Kassel und Korbach wurden ebenso belegt wie die in Arolsen, Warburg, Paderborn und Bielefeld.

Amokfahrt von Volkmarsen: Viele Opfer schwer traumatisiert

Inzwischen sind zwar die meisten sichtbaren Wunden verheilt. Viele der Verletzten tragen aber noch seelische Verletzungen mit sich herum, wie die Befragungen vor Gericht ergaben. Viele der Opfer reagieren immer noch verschreckt, wenn sie hinter sich Motoren aufheulen hören, viele können nicht wie gewohnt schlafen, haben auch 22 Monate nach der Tat immer noch diese schrecklichen Bilder im Kopf.

Die Folgen der Amokfahrt von Volkmarsen sind enorm und in der Stadt immer noch allgegenwärtig, wie Bürgermeister Hartmut Linnekugel und die evangelische Pfarrerin Britta Holk vor Gericht aussagten. Der Karnevalsverein und mit ihm alle Volkmarser, denen den Karneval am Herzen liegt, hoffen, dass die Stadt möglichst bald wieder zur sorgenfreien Fröhlichkeit zurückfinden kann.

Die Strafverteidiger Bernd Pfläging und Susanne Leyhe
Die Strafverteidiger Bernd Pfläging und Susanne Leyhe vertreten im Prozess um den Amokfahrer von Volkmarsen den Angeklagten. © Elmar Schulten

Unterdessen haben fünf Städte und Gemeinden aus der Nachbarschaft von Volkmarsen für rund 400.000 Euro und mit Zuschüssen des Landes Hessen leistungsstarke Lkw-Sperren zur Absicherung künftiger Festzüge angeschafft. „Nach dieser Tat werden die künftigen Festzüge in unserer Stadt anders aussehen“, erklärte Bürgermeister Linnekugel vor Gericht. (Elmar Schulten) *hna.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Der Angeklagte Maurice P. hat während des gesamten Prozesses zu seiner Tat geschwiegen - die Antwort nach dem Warum bleibt*. Wie ist es jemanden wie Maurice P. vor Gericht zu vertreten? Im Podcast spricht Strafverteidiger Bernd Pfläging über seinen Job*.

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