25 Zeugen an drei Tagen

Prozess nach Amokfahrt von Volkmarsen: Opfer wochenlang in Klinik

Ein Gerichtssaal mit Wartesaalatmosphäre. Gusseiserne Säulen tragen und prägen das alte Kasseler Bahngebäude.
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Verhandlung im Kulturbahnhof: Die sechste Große Strafkammer des Landgerichts Kassel hat gestern in den Räumen des Kulturbahnhofs eine weitere Sitzungswoche im Prozess gegen den Amokfahrer von Volkmarsen eröffnet.

Einige der Opfer der Amokfahrt am Rosenmontag 2020 in Volkmarsen waren wochenlang in stationärer Behandlung, manche kämpften auf Intensivstationen um ihr Leben. Einige von ihnen haben jetzt vor Gericht ausgesagt.

Kassel/Volkmarsen - Die sechste große Strafkammer des Landgerichts Kassel hat am Montag, 28. Juni 2021, in den Räumen des Kulturbahnhofs eine weitere Sitzungswoche im Prozess gegen den Amokfahrer von Volkmarsen eröffnet. Bei den drei Verhandlungstagen in dieser Woche werden die ersten 25 von insgesamt 91 Opfern der Tat vom Rosenmontag vergangenen Jahres als Zeugen gehört.

Sie alle wurden auf die eine oder andere Weise von dem mit hoher Geschwindigkeit heranrauschenden Auto des 29-jährigen Angeklagten erfasst und verletzt. Sie alle werden in den kommenden Wochen und Monaten zu Wort kommen und dem Gericht bis ins Detail schildern, wie sie den Rosenmontag 2020 in Volkmarsen erlebt haben und wie sie bis heute an den Nachwirkungen leiden.

Ende April wie aus einem Traum erwacht

Die ersten Opfer, die am Montag in Kassel als Zeugen aussagten, berichteten, dass sich selber nicht mehr genau erinnern könnten, wie und warum sie durch die Luft flogen. Während bei einem jungen Mann die Erinnerung unmittelbar nach dem Geschehen wieder einsetzten, schilderte eine 24-Jährige aus Lichtenau, dass sie erst Ende April 2020 wieder „wie aus einem Traum“ erwacht sei. Offenbar habe ihr Gehirn alle schlimmen Erinnerungen ausgelöscht.

Die Frau, die vor dem Vorfall sportlich aktiv und begeisterte Musikerin war, musste nach vier Wochen Klinikaufenthalt in Bielefeld Bethel und in sechs Wochen Reha in Bad Wünnenberg zunächst das Gehen und Sprechen wieder lernen. Jetzt bewege sie sich immer noch sehr ängstlich und habe ständig die Sorge, sie könne wieder fallen und „alles wäre wieder kaputt“.

Jeden einzelnen Tag schätzen gelernt

Die junge Frau genießt, dass sie langsam wieder Klarinette spielen lerne. Mit dem Üben würden auch die Finger wieder beweglicher, aber noch immer täten nicht alle Finger was sie sollten. Trotz der vielen Leiden und Operationen und obwohl sie ihre Ausbildung als Steuerfachangestellte quasi wieder von vorne beginnen musste, macht die 24-Jährige einen optimistisch-fröhlichen Eindruck.

Sie sagt, sie sei zuversichtlich, dass mit der Zeit alles wieder besser werde. Aber so wie vor dem Unfall werde es wohl nicht mehr werden. Bungee-Springen oder Para-Gliding werde sie sich nicht mehr trauen. Stattdessen wisse sie aber jetzt jeden einzelnen Tag ihres Lebens mehr zu schätzen.

Angeklagter kommt in Fußfesseln

Während die Opfer der Amokfahrt die schrecklichen Geschehnisse vor Gericht schildern, verfolgt der Angeklagte den Ablauf des Verfahrens nach wie vor teilnahmslos.

Am Beginn des Verhandlungstages wurde der 30-jährige von Justizwachtmeistern vorgeführt, schlurfte mit seinen von einer Fußfessel beschwerten Schuhen in den Sitzungssaal.

Sein Gesicht verrät keine Regungen, auch als der Vater eines anderen Verletzten sich ausdrücklich an den Angeklagten wendet und sagt: „Was ich nicht verstehen kann, ist, wie jemand so etwas machen kann, Menschen töten zu wollen, Familien auseinander zu reißen.“

Fast eine Stunde nur Arztberichte verlesen

Der Vorsitzende Richter Volker Mütze führt den Prozess souverän, lässt die Zeugen erzählen und stellt gezielte Fragen nach dem heutigen Befinden: „Wie ist es nachts? Haben sie noch Albträume?“

Fast eine Stunde lang braucht der Richter, um eine Auswahl der Arztberichte über die Behandlung jener Frau aus Lichtenau zu verlesen, um deren Leben die Ärzte im Klinikum von Bethel fast einen Monat lang gerungen haben. Von multiplen Verletzungen ist die Rede, von einer Fraktur des Ellenbogens, an der vier Fixatoren angebracht wurden, außerdem von einem Schädel-Hirn-Trauma, von einem Thorax-Trauma, von einer Lungenentzündung infolge Intubation, von Nierenversagen und gefährlich veränderten Leberwerten.

Blut vom Gesicht gewaschen - anderen geholfen

„War ihnen klar, dass Sie in Lebensgefahr schwebten?“, fragt Oberstaatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger. Nein, sie habe geschlafen und als sie Ende April wach wurde, habe sich alles angefühlt wie ein langer Traum.

Die junge Frau hat ebenso wie zwei weitere Frauen, die bei der Amokfahrt in Volkmarsen verletzt wurden, Klage eingereicht. Sie sitzt zusammen mit ihrem Anwalt als Nebenklägerin im Gerichtssaal. Für sie ist all das auch so etwas wie die persönliche Aufarbeitung jenes Geschehens, das ihr junges Leben so nachhaltig veränderte.

Aber jeder geht anders mit dem Erlebten um: Der 27-jährige Mann, der ebenfalls als Teil der Karnevalsgruppe „Die Wilde 13“ vom Auto des Amokfahrers erfasst und durch die Luft geschleudert wurde, war zunächst etwas benommen, ließ sich von seiner Mutter und seinen Schwestern das Blut vom Gesicht waschen und hatte danach nur den Wunsch, sich seinen Kameraden von der Feuerwehr anzuschließen und anderen zu helfen.

Furchtbare Bilder im Kopf

Als seine Schwester die Situation schildert, bricht ihre Stimme unvermittelt. Sie muss schlucken. Sie beginnt zu weinen. Eine Begleiterin der Kasseler Hilfe, einer rührigen Opfer-Hilfsorganisation, setzt sich neben sie, legt ihren Arm um sie. Und dann fasst sich die Zeugin wieder, und berichtet, wie schockiert sie war, als plötzlich der silberfarbene Mercedes zwischen ihr und ihrer Schwester durchraste.

Ihr erster Gedanke sei nur gewesen. „Wo ist Philipp?“ Ihren Bruder fanden die Schwestern bald blutüberströmt, aber zum Glück nur leicht verletzt. Doch die Erinnerung an diese Szenen löst immer noch furchtbare Gefühle aus. So ist es bei den meisten, die dem Gericht das Geschehen schildern.

Harter Entzug: Handelte der Amokfahrer im Delirium?

Welche Folgen kann es haben, wenn ein notorischer Trinker plötzlich seinen Konsum einstellt? Diese Frage hatte das gerichtsmedizinische Institut der Universität Gießen auf Anfrage der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt in dem Ermittlungsverfahren gegen den Amokfahrer von Volkmarsen zu beantworten.

Hintergrund der Frage war die Tatsache, dass der damals 29-jährige Mann über Monate hin einen täglichen Wodkakonsum von mindestens einer Flasche hatte. Dies belegen Supermarktquittungen vom Januar 2019 bis Februar 2020. Danach addieren sich die monatlichen Wodkakäufe auf 39 bis 46 Flaschen. Im Jahr 2020 ging der Konsum etwas zurück. Nach dem 14. Februar soll der Amokfahrer angeblich gar keinen Alkohol mehr konsumiert haben.

Die Lange Suche nach der Wahrheit

Gerichtsmedizinische Untersuchungen seiner Blutprobe ergeben dann auch für den Tattag null Promille Blutalkoholgehalt und keinerlei Drogen- oder Medikamentenkonsum. In der Bewertung dieser Fakten kommt der Gerichtsmediziner in dem gestern verlesenen Gutachten zu dem Ergebnis, dass es bei einem chronischen Alkoholiker bei plötzlichem Absetzen des Konsums zu Entzugserscheinungen bis zum Delirium kommen könne. Möglich seien Tremor (Zittern), Schweißausbruch, Halluzinationen, örtliche und zeitliche Desorientierung und psychische Störungen.

Ob dies auch im vorliegenden Fall des Amokfahrers Maurice P. so war, muss der weitere Prozessverlauf zeigen. Es sind noch mehr als zwei Dutzend Prozesstage bis kurz vor Weihnachten angesetzt. (Elmar Schulten)

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