Staatsanwalt spekuliert über Tatmotive

Volkmarser hoffen auf juristischen Schlussstrich: Prozessende rückt langsam in Sicht

Ein Fotograf nimmt einen Mann mit Krawatte in den Fokus, der vor einer Messehalle von einer Journalistin interviewt wird.
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Bürgermeister Hartmut Linnekugel sagte im Prozess um die Volkmarser Amokfahrt als Zeuge vor dem Landgericht Kassel aus. Das Foto entstand beim Prozessauftakt Anfang Mai vor der zum Gerichtssaal umgebauten Messehalle 5.

Im Prozess nach der Amokfahrt vom Rosenmontagszug 2020 haben am Donnerstag Volkmarsens Bürgermeister Hartmut Linnekugel, die evangelische Pfarrerin Britta Holk und ihr katholischer Amtskollege Martin Fischer als Zeugen ausgesagt.

Volkmarsen/Kassel - Während die überwiegende Zahl der Zeugen in den vergangenen Wochen als unmittelbar betroffene Opfer des Amokfahrers über ihre körperlichen und seelischen Verletzungen berichteten, wurden der Rathauschef und die Seelsorger zu den Auswirkungen der Tat auf das gesellschaftliche Leben in der Stadt befragt.

Zuvor jedoch wurde der Apotheker der Burg-Apotheke befragt, die sich unmittelbar am Tatort befindet und deshalb auch Anlaufstelle für die Ersthelfer war. Das Apothekenteam hatte zu Beginn des Festzugs den Laden abgeschlossen, um gemeinsam das närrische Treiben verfolgen zu können.

Apotheke war Sammelstelle für Verletzte

Was für ein Schock, als dann der silbergraue Mercedes Combi in die Menge raste und Dutzende Zuschauer, darunter viele Kinder verletzte! - Der Apotheker und sein Team reagierten sofort, suchten Verbandsmaterial zusammen und reichten es an die Ersthelfer weiter. Der Schwerstverletzten wurden aussortiert und den ersten Rettungswagen zugewiesen.

An die 30 Verletzte fanden in der Apotheke Schutz und Wärme, Decken wurden überall zusammengesucht und verteilt, berichtete der Apotheker sehr detailliert.

Prozesstag am 11.11.

Auf die Frage, wie sehr ihn das alles im Nachhinein belastet habe, musste er schlucken und brauchte eine Weile bis er mit Blick auf den Angeklagten feststellte: „Wenn ich den Menschen da sehe, kommt alles wieder hoch.“ Er sei selber überrascht, dass das alles noch so präsent sei.

Der gestrige Prozesstag war der 11.11., der traditionelle Karnevalsauftakt, auch in Volkmarsen. Dieses Datum ging auch Pfarrerin Holk durch den Kopf, als sie dem Gericht schildern sollte, wie sehr denn die Volkmarser heute noch von der Amokfahrt betroffen seien: „Ich habe von Leuten gehört, die noch nicht bereit sind für einen normalen Karneval. Ich kenne aber auch Mädchen, die sich nach der Konfirmandenstunde auf die Tanzproben der Garde freuen.“

Hoffnung auf ein Urteil vor dem Karneval

Als Mutter einer Tochter, die als Festzugteilnehmerin selber verletzt wurde und ins Krankenhaus musste, erklärte die Pfarrerin: „Erst, wenn der nächste Rosenmontag geschafft ist, dann sind die Volkmarser wieder bereit für einen normalen Karneval.“

Quasi als Bitte an das Gericht formulierte die Pfarrerin dies: „Die Leute hoffen, dass das Urteil nicht in die Zeit der großen Sitzungen oder gar des Rosenmontags hineinfällt.“

Es bleibt die Frage nach dem Warum

Auch der katholische Pfarrer Martin Fischer erklärte, er habe den Eindruck, die Volkmarser wollten wieder Karneval feiern. Was die Leute aber nach wie vor umtreibe, sei die Frage nach dem Warum. Und die Frage: „Warum schweigt der mutmaßliche Täter?“

Sie brachten Ordnung ins Chaos: Ersthelfer und Rettungskräfte kümmerten sich um die Verletzten, nachdem ein Auto in den Volkmarser Rosenmontagsumzug gefahren war.

Bürgermeister Hartmut Linnekugel schilderte dem Gericht, wie er selber als Festzugteilnehmer von der Unglücksnachricht überrascht wurde und im Eilschritt hinter dem Stadtbrandinspektor zum Unfallort gelaufen sei. In den Tagen danach sei das Rathaus Sitz eines Stabes von Staatsanwaltschaft, Polizei, Hilfsorganisationen und Notfallseelsorgern gewesen.

Kräftige Männer hoben das Auto an und befreiten eingeklemmtes Kind

Die Amokfahrt sei immer noch allgegenwärtig in den Gesprächen: „Man wartet auf den Abschluss des Verfahrens.“ Der nächste Umzug werde einen ganz anderen Verlauf nehmen und mit Lkw-Sperren gesichert. Es folgten die Zeugenaussagen von Kindern, die an der Seite ihrer Eltern von den Verletzungen berichteten, die sie beim Rosenmontagszug in Volkmarsen erlitten hatten.

Auch zwei junge Männer kamen zu Wort, die nach dem Vorfall blitzschnell anpackten, wo Hilfe benötigt wurde: Sie hatten gesehen, dass ein kleines Kind vom Amokfahrer erfasst und unter dem Motor eingeklemmt worden war, als der Wagen mit einer Achse auf dem Bürgersteig zum Stehen kam. Die jungen Männer überlegten nicht lange und hoben zusammen mit anderen den Wagen an, sodass eine Frau das Kind unter dem Auto hervorziehen konnte.

Tatmotive waren „niedere Beweggründe“

Kurios war die Zeugenaussage einer Mutter aus Twiste, die zwei Ladungen des Gerichts nicht beachtet und es stattdessen vorgezogen hatte, zu Hause zu bleiben. Sie wurde am Donnerstagmorgen von einer Streifenwagenbesatzung abgeholt, um ihre Aussage zu machen. Auf die Frage, warum sie denn den Ladungen nicht Folge geleistet habe, erklärte sie: „Ich möchte eigentlich nicht aussagen.“ Auch mit ihren Kindern habe sie seitdem nicht über das Erlebte gesprochen.

Ansammlung von Rettungswagen im Volkmarser Steinweg nach dem Amokfahrt beim Rosenmontagszug am 24. Februar 2020

Staatsanwalt Dr. Tobias Wipplinger deutete an, dass auch eine Verurteilung wegen Mordversuchs mit dem Mordmerkmal „niedrige Beweggründe“ denkbar sei. Zu dieser Überzeugung sei er gekommen, weil nach zwei Dutzend Verhandlung nur drei Tatmotive infrage kämen: „Entweder der Angeklagte wollte seinen allgemeinen Lebensfrust an unschuldigen Menschen abreagieren, oder er wollte auch einmal im Licht der Öffentlichkeit stehen oder aber es sei ihm auf den Nervenkitzel in seinem ansonsten eher langweiligen Leben angekommen.“ - Bisher war nur das Mordmerkmal der Heimtücke angeklagt.

Die weitere Terminplanung der sechsten Großen Strafkammer

Nachdem gestern noch einmal neun Zeugen vor der sechsten Großen Strafkammer des Landgerichts aussagten, scheint es nun wahrscheinlich, dass alle Verfahrensbeteiligte auf weitere Zeugen verzichten werden, sodass bei der Sitzung am 18. November das Ende der Beweisaufnahme verkündet werden kann. Nach jetziger Planung könnte dann die Staatsanwaltschaft am 2. Dezember ihr Plädoyer halten.

Nebenklagevertreter und Verteidigung könnten ihre Plädoyers am 9. Dezember halten, das Schwurgericht am 16. Dezember sein Urteil sprechen. All diese möglichen Termine stehen aber noch unter Vorbehalt. (Elmar Schulten)

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