Autor Tobias Wilhelm berichtet im Hüneberghaus

„Stadtschreiber“ Tobias Wilhelm erkundet in Volkmarsen Geschichte

Lesung im Gustav-Hüneberg-Haus in Volkmarsen: Autor Tobias Wilhelm (2. von rechts) mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins Rückblende, Arno Walprecht (links), Joachim Gerritzen und der Studentin Evelyn Hojn.
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Lesung im Gustav-Hüneberg-Haus in Volkmarsen: Autor Tobias Wilhelm (2. von rechts) mit dem stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins Rückblende, Arno Walprecht (links), Joachim Gerritzen und der Studentin Evelyn Hojn.

Der Autor Tobias Wilhelm ist in seinem bisherigen Monat in Volkmarsen in die Geschichte eingetaucht und hat in seiner Lesung im Gustav-Hüneberg-Haus einen Einblick in seine vom Hessischen Literaturrat durch Stipendium unterstützte Arbeit gegeben.

Volkmarsen – Coronabedingt mussten die Besucher draußen vor dem Café des Hüneberghauses zuhören, drinnen, vor weit geöffneter Tür, las Wilhelm. Als „Stadtschreiber“ konnte er in die Geschichte der Juden in Volkmarsen seit dem Mittelalter bis zur Verfolgung, Ermordung und Emigration in der NS-Zeit eintauchen und erfahren, wie mit der NS-Geschichte in der Region umgegangen wird.

Geschichte in Heimat aufarbeiten

Beides war für ihn wichtig, um sein zweites Vorhaben zu beginnen: Die Aufarbeitung der lokalen NS-Vergangenheit in dem gut 8000 Einwohner zählenden Ort Budenheim bei Mainz, wo Wilhelm aufgewachsen ist. Was der Chronist des zwischen Mainz und Wiesbaden liegenden Ortes ausließ, so Wilhelm, ist die Geschichte von etwa 450 Zwangsarbeitern in den beiden größeren Fabriken, in Land- und Forstwirtschaft, kleineren Betrieben und Privathaushalten.

Auch diesem Thema will sich der Stipendiat im Rahmen der vom Hessischen Kultusministerium über den Literaturrat geförderten Autorenresidenz widmen. Der Bezug ist persönlich: Auf dem Grundstück seiner Eltern stehe eine Baracke, in der damals Zwangsarbeiter untergebracht wurden.

Offenheit in Volkmarsen

Die Verbrechen seien in dem Heimatort nicht aufgearbeitet worden. Positiv beeindruckt äußert sich Wilhelm davon, wie umfangreich die Geschichte der Juden im Raum Volkmarsen recherchiert wurde und wie offen ihm die Menschen in Volkmarsen bei seiner Arbeit begegnet seien.

„Es ist spannend, wie hier diese Geschichte aufgearbeitet wird“, sagte er auch im Hinblick auf das im vorigen Jahr als Forschungsstätte und Ausstellungsort eröffnete Hüneberghaus mit dem 500 Jahre alten jüdischen Ritualbad (Mikwe) des Vereins Rückblende – Gegen das Vergessen.

Exkursionen durch Nordhessen

Dessen Mitbegründer Ernst Klein führte ihn durch die Geschichte, unternahm mit Wilhelm Exkursionen durch Nordhessen, die auch zu der mustergültig restaurierten früheren Synagoge von Vöhl führten. „Das ist ein Ort der Hochkultur mitten im nordhessischen Bergland“, betont Wilhelm.

Wilhelm stieß auf Details, die ihn bewegten und zum Staunen brachten. Er schildert aber auch die Widersprüche, die es zu Beginn der historischen Aufarbeitung in den 90er-Jahren gab. So erinnerte er an den Skandal, den die brüske Ablehnung eines Antrags in der Stadtverordnetenversammlung zur Kennzeichnung von Häusern auslöste, in denen jüdische Bürgern wohnten.

Junge Menschen für Geschichte gewinnen

„Es ist ein Geschenk für Volkmarsen, dass Tobias Wilhelm bei uns ist“, sagt der stellvertretende Rückblende-Vorsitzende Joachim Gerritzen. Und er freut sich, dass in dieser Woche Wilhelm zum Gespräch mit jungen Leuten und der Praktikantin Evelyn Hojn zusammenkommt.

Am 26. Oktober will Wilhelm um 19 Uhr in der Nordhessenhalle den kompletten Text präsentieren. Der Text soll als Broschüre gedruckt und kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, so Madelyn Rittner (Hessischer Literaturrat),

Seit Anfang Oktober durchläuft die Studentin Evelyn Hojn (Wolfhagen) für zwei Monate ein Praktikum im Hüneberghaus, um ihre Bachelorarbeit über die regionale Erinnerungskultur am Beispiel der Geschichte der Wolfhager Juden abzuschließen. In ihrer Schulzeit in Wolfhagen habe sie bereits das mittelalterliche Haus am Steinweg kennenlernen können, das nun als Forschungsstätte bereitsteht. (Von Armin Haß)

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