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Stadt ist nach 24 Jahren Bürgermeister Linnekugel kaum wiederzuerkennen

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Von: Elmar Schulten

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Geschenk zur Feier des 20-jährigen Dienstjubiläums von Hartmut Linnekguel: Das Plakatfoto stammt aus dem ersten Bürgermeisterwahlkampf 1998.
Geschenk zur Feier des 20-jährigen Dienstjubiläums von Hartmut Linnekugel: Das Plakatfoto stammt aus dem ersten Bürgermeisterwahlkampf 1998. © Elmar Schulten

Seine Bilanz kann sich sehenlassen: Wenn Hartmut Linnekugel am 30. August nach 24 Jahre als Bürgermeister aus dem Amt verabschiedet wird, dann hat er die Stadt am Fuße der Kugelsburg so sehr geprägt wie wahrscheinlich kein anderer Bürgermeister vor ihm.

Volkmarsen – Ganz gleich ob Feuerwehr, Bahnhof, Senioren-Wohnen, Gewerbeansiedlungen oder innerstädtische Entwicklung: Es gibt kaum einen Stein in der Stadt und in den Stadtteilen, den Linnekugel zumindest im übertragenen Sinn nicht angefasst hat.

So wurden Arbeitsplätze geschaffen, neue Wohngebiete entwickelt und viele junge Familien angesiedelt. Durch geschickte Bauland-Politik und Wirtschaftsförderung konnten Einkaufsmöglichkeiten geschaffen und gesichert werden und Wohnqualität gesteigert werden.

Ein bestens vernetzter Kommunikator

Volkmarsen steht heute solide da als attraktive Kleinstadt an der Grenze von zwei Bundesländern und drei Landkreisen. Vieles von alldem ist zum einen das Ergebnis vom Zusammenspiel vieler Einzelleistungen, zum anderen aber hat Hartmut Linnekugel als bestens vernetzter Kommunikator sehr häufig im richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute mit Volkmarsen zusammengebracht. Davon hat die Stadtentwicklung zweieinhalb Jahrzehnte profitiert. Und mit seiner jahrzehntelangen Erfahrung in der Personalführung hat Linnekugel auch die Weichen für seine Nachfolge gestellt.

Büroleiter Hendrik Vahle (34), der am 1. September ins Nachbarbüro wechselt und den Chefsessel am Rathaus übernimmt, wurde vor Jahren von Hartmut Linnekugel eingestellt, ausgebildet und geprägt wurde, gilt als Garant für die Fortsetzung einer soliden Stadtpolitik.

Altes Bahnhofsgebäude ist heute ein echter Hingucker

Wenn er selber eine Bilanz seiner Amtszeit ziehen soll, dann verweist der 61-Jährige darauf, dass die Kleinstadt zwischen den drei Mittelzentren Warburg, Bad Arolsen und Wolfhagen sehr gut dastehe. Die medizinische Versorgung sei durch mehre Arztpraxen abgesichert. Drei Supermärkte, Rewe, Edeka und ein moderner Aldi-Markt deckten die Grundversorgung ab. In der Einkaufsstraße gebe es noch ein Schuhgeschäft und ein gut sortiertes Elektrogeschäft. Mehr Einzelhandelsgeschäfte seien zwar wünschenswert, aber städtischerseits nur schwer anzusiedeln.

Politischer Aschermittwoch 2008 mit Roland Koch und Angela Merkel. Hartmut Linnekugel bittet um einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt.
Politischer Aschermittwoch 2008 mit Roland Koch und Angela Merkel. Hartmut Linnekugel bittet um einen Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Links im Bild: der Volkmarser CDU-Vorsitzende Thomas Viesehon. © Armin Haß

Umso glücklicher sei er, dass die Modernisierung des Bahnhofsgebäudes so schön gelungen sei. Der Energieversorger EWF haben hier 20 Arbeitsplätze für Techniker geschaffen, die in einem weiten Umkreis wertvolle technische Dienstleistungen erbrächten. Die Sanierung des lange Zeit vor sich hindämmernden Bahnhofes habe zwar etwas gedauert. Am Ende sei aber eine gute Lösung gefunden worden, die für die Stadt kostenneutral ausgefallen sei.

Ähnlich sei die Ansiedlung von Senioren-Wohnheimen, der Werkstatt für Behinderte und des Wohnheims für Autisten verlaufen. So seien in den vier Einrichtungen rund 170 Arbeitsplätze entstanden.

Einen wichtigen Impuls für die Stadtentwicklung hat der Bau der innenstädtischen Umgehung gebracht. Was heute so selbstverständlich als kürzeste Verbindung zwischen Bahnhof und Edeka-Markt wahrgenommen wird, bedurfte einiger planungsrechtlicher und städtebaulicher Kniffe.

Gutes Händchen bei der Grundstückspolitik

Für das kurze Straßenstück musste Linnekugel 60 Teilgrundstücke für die Stadt ankaufen und ebensoviele Grundstückseigentümer überzeugen. Das Baurecht für diese Umgehungsstraße im Zug einer Landesstraße sei erstmals nicht langwierig per Planfeststellungsbeschluss, sondern vergleichsweise zügig mit einem Bebauungsplan geschaffen worden.

Fantasiegeschichten statt nüchterne Fakten: Bürgermeister Linnekugel liest in der katholischen Kindertagesstätte aus „Rabe Socke“.
Fantasiegeschichten statt nüchterne Fakten: Bürgermeister Linnekugel liest in der katholischen Kindertagesstätte aus „Rabe Socke“. © Armin Haß

Durch geschickte Grundstücksgeschäfte gelang es Linnekugel, abgängige Altbauten in der Altstadt aufzukaufen und abreißen zu lassen. So konnte an der Stelle des ehemaligen Kaufhauses Bock ein Haus für betreutes Seniorenwohnen entstehen.

Manchmal muss man einen langen Atem haben

Das ehemalige Möbellager des Möbelhauses Osthoff wurde 2014 nach zehn Jahren harter Verhandlungen von der Stadt angekauft und abgerissen. Mit acht Jahren Verzögerung gelingt nun der schrittweise Verkauf der Gewerbeflächen an neue mittelständische Unternehmen. „Manchmal muss man eben einen langen Atem haben“, sagt Linnekugel.

Beam me up, Scotty: Prinzenpaar Joachim und Stephanie Rest zusammen mit Captain Linnekugel.
Beam me up, Scotty: Prinzenpaar Joachim und Stephanie Rest zusammen mit Captain Linnekugel. © Elmar Schulten

Das gilt auch für die Sicherung des mittelalterlichen Wahrzeichens, der Kugelsburg. Ein Leuchtturmprojekt. Es erfülle ihn mit stolz, dass in Volkmarsen endlich das zarte Pflänzchen Tourismus heranreife. Die sanierte Kugelsburg füge sich ein in den gut besuchten Wohnmobilhafen und in die Freizeitanlage Sauerbrunnen, die nun ebenfalls modernisiert werde. Davon profitierten alle Restaurants in der Stadt. Was jetzt noch fehle, seien Übernachtungsmöglichkeiten.

Alle Stadtteile haben profitiert

In den Stadtteilen wurden mehrere Dorferneuerungsprojekte durchgezogen. Vorbildlich gelungen sei das Dorfgemeinschaftshaus in Herbsen. Sämtliche Feuerwehrhäuser seien modernisiert und oder sogar neu gebaut worden.

Zu seinen herausragenden Erfolgen zählt Linnekugel auch den Bau des Hochwasserschutzdammes in Ehringen. 1999 habe er erstmals mit eigenen Augen gesehen, wie Ehringen immer wieder unter dem Erpe-Hochwasser gelitten habe. Im Zusammenspiel mit dem damaligen Landrat Helmut Eichenlaub und dem damaligen hessischen Umweltminister Wilhelm Dietzel sei es erstaunlich schnell gelungen, die nötigen sieben Millionen Euro zusammenzutragen. Der kommunale Anteil, den Stadt und Landkreis sich teilten, sei mit 600.000 Euro erfreulich klein geblieben.

Kommunales Dienstleistungszentrum

Auch vom Bau der Logistikhallen habe die Stadt in vielfacher Hinsicht profitiert und das gelte bis heute. Die Vorhersage, dass jeden Tag 45 Lastwagen anreisen und 45 abreisen, sei eingehalten worden. Bis heute sei es auch bei einem nächtlichen Güterzug geblieben. Dafür aber gebe es mehr als 100 Arbeitsplätze für die Region.

Rathauschef vor seiner Wirkungsstätte.
Rathauschef Hartmut Linnekugel vor seiner Wirkungsstätte. © privat

Das kommunale Zentrum von Bauhof, Feuerwehr und Kläranlage am Wiedelohweg habe sich bewährt. Die räumliche Nähe ermögliche eine Reihe von Synergieeffekten.

Schwere Wochen nach Amokfahrt erlebt

Die ergebe sich auch als Folge der funktionierenden, interkommunalen Zusammenarbeit: Der gemeinsame Standesamtsbezirk mit Breuna und Bad Arolsen sei ebenso sinnvoll und hilfreich für die Bürger wie die Kooperation bei den Kommunalbetrieben Nordwaldeck KBN.

Nach der Urteilsverkündung gegen den Amokfahrer vom Rosenmontagsfestzug: Bürgermeister Hartmut Linnekugel stellt sich den Fragen von Journalisten.
Nach der Urteilsverkündung gegen den Amokfahrer vom Rosenmontagsfestzug: Bürgermeister Hartmut Linnekugel stellt sich den Fragen von Journalisten. © Ulrike Pflüger-Scherb

Die wohl schwersten Tage seiner Amtszeit waren die nach der Amokfahrt beim Rosenmontagszug 2020 und die folgende Gerichtsverhandlung. Der hessischen Landesregierung und dem inzwischen verstorbenen Opferbeauftragten sei er noch heute dankbar für die professionelle Begleitung.

Er kennt fast jeden Volkmarser

Mit Wehmut blickt der scheidende Bürgermeister im Monat August auf seine zurückliegenden 24 Dienstjahre. Linnekugel war stets ein Bürgermeister mit Hand und Herz, der sein Verwaltungshandwerk verstand und immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Bürger hatte. Die meisten Volkmarser kennt er persönlich und weiß um deren Sorgen.

Doch als Verwaltungsprofi weiß er auch, wie ein guter Abgang aussieht. In den vergangenen Wochen hat er schrittweise sein Büro mit Blick auf den Marktplatz geräumt und für den Nachfolger freigemacht.

Langeweile bleibt ein Fremdwort

Bei allen aktuellen Themen war der neu gewählte Bürgermeister schon als Büroleiter Hendrik Vahle eng eingebunden. Damit sollte ein reibungsloser Übergang sichergestellt sein.

Für Hartmut Linnekugel stellt sich nun die Frage, wie er seinen Ruhestand gestalten möchte. Doch Hartmut Linnekugel wäre nicht Hartmut Linnekugel, wenn er für diese Zeit nicht schon einen Plan ausgearbeitet hätte. Dazu gehört zunächst einmal die Übernahme von noch mehr Großvaterpflichten. Alles Weitere wird sich fügen. Langeweile wird auch künftig ein Fremdwort für ihn bleiben. (Elmar Schulten)

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