Schriftwechsel lässt in Abgründe blicken

Szenische Lesung der Volksbühne Bad Emstal in der evangelischen Kirche von Volkmarsen

Theaterszene bei gedämmten Licht. Links sitzt ein Mann und schreibt, rechts steht ein Mann und liest.
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Bewegende Lesung des Briefromans „Empfänger unbekannt“: Lothar Neumann (links) und Dirk Kraft von der Volksbühne Bad Emstal in der evangelischen Kirche Volkmarsen.

Über die Macht von Worten in Zeiten von Extremismus und Gewalt: tiefe Betroffenheit löste die szenische Lesung „Empfänger unbekannt“ in der evangelischen Kirche Volkmarsen aus.

Volkmarsen - Ernst Klein hatte das Gastspiel der Volksbühne Bad Emstal nach Volkmarsen geholt. Im Mai 2019 entwickelte das Theaterteam die Idee, den Briefroman von Kressmann Taylor als szenische Lesung auf die Bühne zu bringen.

Damals ahnte noch niemand, dass vier Wochen später Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke von einem Rechtsextremisten ermordet werden würde. Inzwischen ist das Theater mit der Bühnenadaption nordhessenweit unterwegs.

Zuhörer mussten sich erst einmal sammeln

„Über das Stück wollen wir die Menschen dazu anregen, sich für freiheitlich-demokratische Werte einzusetzen“, erklärte Regisseurin Antje Hörl vor mehreren Dutzend Besuchern.

Die zurückhaltende Inszenierung stand in einem solchen Kontrast zur Wirkung der verlesenen Worte, dass sich die Zuhörer am Ende erst einmal sammeln mussten. Prasselnden Applaus gab es schließlich für Lothar Neumann und Dirk Kraft, die Darsteller der entfremdeten Freunde Max Eisenstein und Martin Schulze.

„Ist er ganz zurechnungsfähig?“

In San Francisco hatten die Freunde eine Kunstgalerie betrieben. Während Schulze mit seiner Familie nach München zurückkehrt und von den Galerieerträgen auf großem Fuß lebt, schreibt sein jüdischer Kompagnon Eisenstein zunächst launige Berichte über das Kunstgeschäft.

Zu Beginn des Jahres 1933 ändern sich Ton und Inhalt der Korrespondenz. Nach Ansicht von Schulze ist Hitler „ein Segen für Deutschland, auch wenn ich mich frage, ist er ganz zurechnungsfähig.“

Rache mit unverfänglichen Briefen

Die Judenhetze tut er als Randerscheinung ab, um wenig später zu befinden, es sei ihm unmöglich, weiter einen Schriftwechsel mit einem Juden zu führen. Wider besseres Wissen bittet Eisenstein den alten Freund noch, seine Schwester Gisela zu beschützen, die ausgerechnet nach Berlin ans Theater gegangen ist.

Hilfe bekommt sie nicht, im Gegenteil schildert Schulze eiskalt Giselas Ermordung, gegen die er angeblich nichts habe tun können. Die Rache Eisensteins besteht aus im Grunde unverfänglichen Briefen, die im Nationalsozialismus indes Schulzes Existenz auslöschen werden.

Dank an Ernst Klein

Wenn es ums Überleben geht, spielt Menschlichkeit auf beiden Seiten keine Rolle mehr, zitierte Volksbühnen-Sprecherin Marika Bayer aus dem Begleittext Elke Heidenreichs zur Buchvorlage.

Pfarrerin Britta Holk dankte den zahlreichen Besuchern für ihr Erscheinen und die damit verbundene Konfrontation mit einem Thema, das jahrzehntelang außen vor war. Man müsse sich die Ereignisse im Nationalsozialismus ins Bewusstsein rufen, damit nicht nochmal passiere, was passiert sei, unterstrich die Pfarrerin. Ihr Dank galt Ernst Klein für die Organisation des Abends. (Sandra Simshäuser)

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