Opfer klagen, dass das Thema aus der Öffentlichkeit verschwunden ist

Viele Fragen - keine Antworten: Corona hat Amokfahrt in den Hintergrund gedrängt

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Spur der Verwüstung: Am Rosenmontag wurde dieses Auto von einem 29-jährigen Volkmarser in die Zuschauermenge gesteuert.  

100 Tage nachdem ein Amokfahrer beim Rosenmontagsumzug am 24. Februar seine Spuren im Leben vieler Menschen hinterlassen hat, meldet sich eine Mutter aus Bad Arolsen zu Wort die mit ihren Kindern die schrecklichen Ereignisse aus nächster Nähe erlebt hat.

Volkmarsen. In einem Brief an die WLZ schreibt sie: „Wie durch ein Wunder scheint keiner der Opfer an den Folgen dieser schrecklichen Tat verstorben zu sein. Doch wie geht es den Betroffenen eigentlich? Wie geht es den Menschen, die schwer verletzt wurden? Wie geht es den Menschen, die alles mit ansehen mussten?

Wie geht es den vielen Ersthelfern und wie den Angehörigen der Verletzten? Wie geht es den Menschen, die vor Ort im Einsatz waren als Rettungssanitäter, Ärzte, Feuerwehrmann oder Polizist? Und warum hat dieser Mann das bloß getan? Was waren seine Motive? Kennt er inzwischen so etwas wie Reue?

Viele Fragen - Keine Antworten

All diese Fragen beschäftigen viele Menschen, die „da“ waren, noch immer. Während nach der Amokfahrt viele Hilfsangebote den Betroffenen gemacht wurden durch die Opferschutzbeauftragten der Polizei, durch die Kasseler Hilfe, den Weißen Ring oder Psychologen und Notfallseelsorgern sowie ein paar Tage später auch noch bei Infoveranstaltungen in der Schön-Klink oder in Volkmarsen für Eltern betroffener Kinder, so kam plötzlich „Corona“ und jegliche Hilfen waren wie schockgefroren.

Plötzlich waren alle Opfer auf sich allein gestellt, durften wegen des Kontaktverbot keine Treffen mehr stattfinden, die vielen so gut taten, um das Erlebte besser verarbeiten zu können. Psychologentermine wurden wegen Corona abgesagt.“

(...) Und so trat durch den Coronavirus die Amokfahrt weit in den Hintergrund und verschwand als Thema im öffentlichen und privaten Raum.

Nichts erinnert mehr an die schrecklichen Ereignisse

Es irritiert viele Betroffenen sehr, dass die Unglücksstelle, der Ort des Geschehens, so ist, als wäre dort nie etwas gewesen. Kein Ort zum Gedenken, kein Ort zum Verarbeiten, kein Zeichen der Hoffnung und Zusammengehörigkeit. All dies fehlt so sehr! Denn auch die Stadt Volkmarsen scheint durch den Coronavirus wie gelähmt und nicht handlungsfähig zu sein. Noch immer fehlen Angebote für Betroffene, ein Ort zum Gedenken!

Doch wie kann es sein, dass Menschen, die so etwas Schreckliches erlebt haben, von heute auf morgen von professionellen Helfern/Therapeuten, Institutionen, der Stadt so alleine gelassen werden? (...) 

Den Opfern eine Stimme geben

Die Mutter, die viele schlimme Dinge aus nächster Nähe mit ansehen musste, und sich nun bei den Helfern bedanken möchte, fragt:

Wieso können Betroffene, Ersthelfer und sogar Polizisten nicht erfahren, ob sich alle von ihren körperlichen Verletzungen erholt haben? Wie hilfreich wäre dies, um „loslassen“ zu können, besser mit dieser kranken Tat des Fahrers leben zu können! (...) Wie gerne würde man sich bei den Helfern einmal bedanken, sie einmal wiedersehen! (...) 

Ich möchte hiermit all den Menschen eine Stimme geben, die noch nicht die Kraft haben zu sprechen, die noch zu sehr mit den körperlichen oder psychischen Folgen zu kämpfen haben, die gerade durch Corona so überfordert sind, dass kein Raum mehr bleibt, zu spüren, was sie selber wegen Volkmarsen eigentlich gerade bräuchten, für die Menschen, die wie ich sich auch sehr darüber ärgern, dass dieses traumatische Ereignis zu wenig Raum und wir zu wenig Unterstützung erhalten.“

WLZ möchte Opfern ein Forum bieten

Die WLZ-Redaktion möchte den Betroffenen ein Forum schaffen und bietet an, sich mit ihren Gedanken, Sorgen und Anregungen schriftlich zu äußern. Alle Zuschriften, die auf Wunsch anonym behandelt werden, können an diese Mailadresse gesandt werden: bad.arolsen@wlz-online.de

 Die Absenderin des Briefes ist der Redaktion namentlich und persönlich bekannt. Sie hatte sich auch schon unmittelbar nach dem schrecklichen Ereignis bei der Redaktion gemeldet und öffentlich geäußert. Ihre Identität wird auf ihren Wunsch hin genauso wie der aller anderen Betroffenen von der Redaktion nicht veröffentlicht.

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