Gustav Hüneberg-Haus öffnet sich als Dokumentationszentrum 

In Volkmarsen Wissen über das jüdische Leben in der Region vertiefen

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Dokumentationszentrum über jüdisches Leben in der Region.

 Volkmarsen – Jüdisches Leben in der Region, die Verfolgung der Juden und Begegnungen viele Jahre nach der Shoa werden im Gustav Hüneberg-Haus am Steinweg Volkmarsen dargestellt. Die Fertigstellung wird mit zwei Festveranstaltungen am 19. und 23. Juni in dem mittelalterlichen Gebäude gefeiert.

„Eine Vision wird Wirklichkeit“, schreibt der Vorstand des Vereins „Rückblende - Gegen das Vergessen“ in seiner Einladung an die Bürger. Mithilfe von Eigenmitteln, Zuschüssen, großzügigen Spenden und Krediten ist es gelungen, das Gebäude in der Altstadt zu erwerben und so umzugestalten, dass es auf drei Etagen wechselnde Ausstellungen sowie die Gelegenheit zur Forschung und zu Vorträgen zum Thema Jüdisches Leben bietet.

Zu Besuch im Mikwe-Haus Volkmarsen: Daniela Schadt, Lebensgefährtin des damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, im Januar 2017 mit Ernst Klein.

Im Keller wird die im wahrsten Sinne tiefe Verankerung des Judentums in der vom Katholizismus geprägten Kugelsburgstadt bezeugt: Die Entdeckung des über 500 Jahre alten jüdischen Ritualbades (Mikwe) bot den Anlass für den Verein, sich um den Erwerb des zum Verkauf stehenden Gebäudes zu bemühen. So bietet sich die Möglichkeit für den Besuch der gut erhaltenen Mikwe und für das „Eintauchen“ in das jüdische Leben. Der neue Außenanstrich lässt das verputzte Fachwerkgebäude aus der Häuserzeile des Steinwegs leuchten. Hinten, von der Fischertrift her, bietet sich ein neuer Zugang mit Parkmöglichkeit und der Anblick in ein grünes Idyll.

Das ist noch geplant

Innen wurde tüchtig saniert. Für das Lese-Café ist noch ein Medienturm geplant, der über Bildschirm und Leinwand Bilder und Videos über die Mikwe und die Ausstellungen im Obergeschoss zeigt und somit auch Gehbehinderten einen Einblick ermöglicht.

Inzwischen liegt schon die Baugenehmigung für einen Aufzugsturm vor, über den zwei Obergeschosse erschlossen werden können. Allein, es fehlt noch das Geld dafür.

Das Gustav-Hüneberg-Haus am Steinweg 24 in Volkmarsen birgt Exponate zur jüdischen Geschichte und bietet Räumlichkeiten für Forschung und Vorträge. Foto: Armin Haß

Immerhin sind inzwischen 210 000 Euro für den Kauf und weitere 120 000 Euro für die Sanierung und den Umbau aufgebracht worden.

Hinter dem Verein Rückblende stehen allein 200 Mitglieder aus dem Waldecker, Kasseler und Warburger Land. In einem Vortrag der um 16.30 Uhr beginnenden Festveranstaltung am 19. Juni wird Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar, Kassel, unter dem Motto „Ihre Stimmen erhalten“ aufzeigen, wie und wo in Nordhessen die Erinnerung an jüdisches Leben bewahrt wird. Um 15.30 Uhr kann das Haus bereits besichtigt werden.

Ehepaar Renate und Roland Häusler.

 Am Sonntag, 23. Juni, wird um 11 Uhr die Journalistin Daniela Schadt, Berlin, zu einer Ansprache erwartet. Die Lebensgefährtin des früheren Bundespräsidentin Joachim Gauck war bereits im Januar 2017 zu Besuch in Volkmarsen.

Jüdisches Leben spiegelt sich anschließend in dem musikalischen Teil des Festes wider: Dann wird das Ehepaar Renate und Roland Häusler Lieder aus fünf Jahrhunderten vortragen. „Musikalische Begegnungen“ ist der musikalische Beitrag von Renate Walprecht und Anne Petrossow betitelt.

Dokumentationszentrum über jüdisches Leben in der Region.

Das Dokumentations- und Informationszentrum zur jüdischen Regionalgeschichte im Mikwe-Haus wurde nach dem jüdischen Stadtverordneten Gustav Hüneberg benannt. 1808 gehörte Volkmarsen zum Königreich Westphalen, wo Napoleons Bruder Jerôme als König regierte. Er verfügte, dass alle Juden in seinem Reich Nachnamen zugewiesen bekamen. 

Der Namenspatron

Im Volkmarser Rathaus konnten sich die Juden ihre Namen anders als anderswo selber aussuchen dürfen, wie Rückblende-Vorsitzender Ernst Klein berichtet. In Listen von damals sei nachzulesen, dass der Bürger Josef Jakob den Namen Hüneberg wählte, abgeleitet von einem der Hügel bei Volkmarsen. Die Kaufmannsfamilie Hüneberg habe den Turnverein mitgegründet und die Stadtpolitik mitgestaltet. 

Die Familie habe lange in diesem Mikwe-Haus im Steinweg gewohnt. Erst Mitte der 1930-er Jahre fänden sich Unterlagen, die belegten, dass die Familie angefeindet wurde. Angeblich sei es unerträglich, dass ein Jude mit Getreide handele, wurde damals erklärt. 

Anfeindungen 

Die Bürger wünschten sich ein „christliches Getreidegeschäft“, hieß es in einem amtlichen Schriftstück aus der Nazi-Zeit, aus dem Klein zitierte. In Erinnerung an Gustav Hüneberg, der 17 Jahre Stadtverordneter von Volkmarsen war und 1931 auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde, bekam das Zentrum seinen Namen.

Jüdisches Leben dokumentiert das Gustav-Hüneberg-Haus. Foto: Armin Haß

Das Gustav Hüneberg-Haus kann jeden ersten und dritten Sonntag eines Monats von 14 bis 17 Uhr besichtigt werden. Termine für Gruppen können darüber hinaus bei Ernst Klein, Vorsitzender des Vereins Rückblende, unter der Rufnummer 05693/469 vereinbart werden.

Helfer gesucht

Klein hofft, dass sich noch weitere Helfer melden, die nach entsprechender Einweisung das Team der Museumsführer von acht bis zehn Männern und Frauen ergänzen und damit die Arbeit unterstützen.

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