Stadtverordnete wollen künftige Überschwemmungen verhindern

Volkmarsen schon oft überflutet - Deshalb wurde der Twistesee gebaut

 Drohnenfoto von der überfluteten Altstadt von Volkmarsen und dem Stadtbruch.
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Der Volkmarser Stadtbruch und Teile der Altstadt waren am Nachmittag des 14. Juli 2021 von der Twiste überschwemmt worden. Hinten rechts: die Nordhessenhalle, in der Mitte rechts: die Reithalle.

Der Starkregen am 13. und 14. Juli, der auch zu Überschwemmungen der Volkmarser Altstadt geführt hat, war Thema im Bau- und Umweltausschuss. Die Stadtverordneten haben sich vorgenommen, die Ereignisse so weit wie möglich aufzuklären, um daraus Lehren zur Vermeidung künftiger Überschwemmungen zu ziehen.

Volkmarsen - Bauamtsleiter Bernd Pfeiffer berichtete, dass die Hochwassergefahr an Twiste und Erpe schon immer ein Thema gewesen sei. Die erste amtliche Karte mit den Überschwemmungsgebieten in Volkmarsen stamme aus dem Jahr 1931 und sei danach immer wieder aktualisiert worden. Die jüngste Karte sei von 2011.

Doch noch niemals habe es so viele Fotos von Überschwemmungen in Volkmarsen gegeben wie diesmal. Das hänge zum einen mit den allseits verfügbaren Handykameras zusammen. Zum anderen habe die Stadtverwaltung auch sehr früh eine Drohnenkamera der Feuerwehr Warburg einsetzen könne und so das Ausmaß der Schäden sehr gut dokumentieren können.

Computersimulation erstaunlich genau

Zusammenfassend lasse sich sagen, dass sich die Schäden an städtischen Gebäude in sehr engen Grenzen hielten, stellte Bürgermeister Hartmut Linnekugel fest. Allerdings seien die Vereinsgebäude am Stadtbruch und einige private Keller überflutet worden.

Der Rathauschef berichtete auch von einer Computer-Simulation eines Twistehochwassers, die im Mai, also zwei Monate vor dem Starkregen, im Auftrag des Hessischen Wasserverbands Diemel gezeigt worden sei: „Es ist genau das eingetreten, was man uns am Computerbildschirm aufgrund von Berechnungen gezeigt hat.“

Vom Wasser der kleinen Aar überrascht

Was aber am 14. Juli in Volkmarsen und Külte noch hinzugekommen sei, sei die Wirkung einer von Starkregen angefüllten Aar gewesen.

Der kleine Bach Aar fließe von Arolsen kommend an Wetterburg und dem Twistesee vorbei und münde im Bereich von Külte in die Twiste. Diese Wassermengen hätten letztlich zu den Überschwemmungen in der Volkmarser Altstadt geführt. Der Twistesee habe seine Funktion als Hochwasser-Rückhaltebecken wie geplant erfüllt.

„See wurde nicht vorzeitig entlastet“

Für den Betrieb der Twistetalsperre zuständig ist der Hessischen Wasserverband Diemel. Dessen Geschäftsführerin Nicole Lipphardt widersprach im Bauausschuss der Ansicht, wonach die Twistetalsperre am 14. Juli zu früh Wasser abgegeben habe.

Dieser Eindruck sei entstanden, nachdem die WLZ den Bad Arolser Bürgermeister mit den Worten zitiert habe, dass der Twiste-Staudamm nicht standsicher sei und deshalb habe vorzeitig entlastet werden müssen.

Für Twiste-Staudamm fehlt Standfestigkeitsprüfung

Das sei so nicht korrekt, betonte Nicole Lipphardt. Tatsächlich sei der Staudamm seit seiner Fertigstellung Anfang der 80er Jahre noch nie abschließend auf seine Standfestigkeit geprüft worden. Es habe noch keinen Vollstau gegeben, der zum Überlauf geführt habe.

Deshalb solle der See auch nicht bis zur Vollstauhöhe von 214 NN (über Normal Null, also Meereshöhe) angestaut werden. Das Fassungsvermögen bei Vollstau betrage 8,9 Millionen Kubikmeter.

Maximale Stauhöhe ist begrenzt

Die sogenannte Stauzielbegrenzung liege bei 212,52 Meter über NN und damit einem Fassungsvermögen von 7,2 Millionen Kubikmetern. Am Tag vor dem Starkregen habe der Füllstand des Sees etwa 4,4 Millionen Kubikmeter betragen. Bei dem Starkregen am 13. und 14. Juli seien etwa 1,4 Millionen Kubikmeter hinzugekommen. Damit sei eine Stauhöhe von 211,06 Meter NN erreicht worden. Lipphardt: „Wir hatten also noch genügend Kapazitäten.“

Die Geschäftsführerin des Wasserverbands legte den Stadtverordneten in diesem Zusammenhang eine Tabelle mit dem zeitlichen Ablauf aller relevanten Eingriffshandlungen an den Rückhaltebecken in Ehringen und am Twistesee vor.

Am Abend die Abflussmenge erhöht

Daraus geht unter anderem hervor, dass Mitarbeiter des Wasserverbands am 14. Juli um 11 Uhr den Grundablass des Twistesees auf das absolute Minimum 250 Liter pro Sekunde reduziert haben. Weniger sei aus technischen Gründen nicht möglich.

Nachdem die Regenfälle im Laufe des Tages nachgelassen hätten, sei der Grundablass um 21 Uhr auf 400 Liter pro Sekunde erhöht worden.

Drei Maßnahmen kurzfristig umsetzen

Dazu kommentierte ein Zuschauer der Ausschusssitzung: „Mein Keller am Stadtbruch ist genau um 22 Uhr vollgelaufen. Bis dahin war alles in Ordnung.“

Um künftige Hochwasserereignisse am Stadtbruch zu vermeiden, hat die städtische Bauverwaltung drei Maßnahmen erarbeitet, die kurzfristig umgesetzt werden können:

. Renaturierung des Twiste-Bachlaufs am Stadtbruch zwischen Stadthalle und Hundeverein.

. Gewässeraufweitung im Bereich des Gewerbegebietes am Stadtbruch.

. Bau einer Flutmulde im Bereich des Brausewehrs.

Wasser braucht Platz

Dazu stellte auch Nicole Lipphardt vom Wasserverband Diemel fest: „Diese Maßnahmen sind bestimmt hilfreich, denn Wasser braucht Platz. Wenn Bäche eingeengt werden, fließt das Wasser schneller und entwickelt größere Kräfte.“

Nach den Erfahrungen mit dem Einfluss der Aar auf das Hochwassergeschehen in Volkmarsen regte sie an, zusätzliche Radar-Pegelmessanlagen an zwei Stellen zwischen Wetterburg und Külte anzubringen.

Viele unterschiedliche Zuständigkeiten erschweren Zusammenarbeit

Bürgermeister Hartmut Linnekugel verwies auf die Schwierigkeit des grenzüberschreitenden Hochwasserschutzes: Die Nachbarstadt Wolfhagen gehöre nicht zum Wasserverband Diemel und jede Vereinbarung mit der Stadt Warburg müsse in Form eines Staatsvertrages zwischen Hessen und NRW geregelt werden. Dabei halte sich Hochwasser nicht an Landesgrenzen. Außerdem gebe es eine Vielzahl von unterschiedlichen Förderprogrammen, die sich gegenseitig ausschlössen. (Elmar Schulten)

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