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Volkmarser Mikwe-Haus nach dem jüdischen Stadtverordneten Gustav Hüneberg benannt

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Festakt zur Namensgebung: Das Mikwe-Haus im Steinweg heißt jetzt Gustav-Hüneberg-Haus nach einem ehemaligen jüdischen Bewohner. Zur Eröffnung sprachen Bürgermeister Hartmut Linnekugel (links) und Ernst Klein.

Volkmarsen.  Das Mikwe-Haus im Steinweg, das im vergangenen Jahr von den Mitgliedern des Vereins „Rückblende - Gegen das Vergessen“ zu einer Begegnungsstätte mit Museum umgebaut wurde, trägt ab sofort den Namen „Gustav-Hüneberg-Haus“.

Diese offizielle Namensgebung war Teil einer Festveranstaltung, zu der der Verein am Sonntagnachmittag eingeladen hatte. Vorsitzender Ernst Klein zeichnete vor rund 70 interessierten Gästen den Lebensweg des Volkmarser Kaufmanns und Stadtverordneten Gustav Hüneberg nach und lud zu einem Rundgang durch die noch im Aufbau befindliche Dauerausstellung ein.

Das Mikwe-Haus im Steinweg ist nach der Überzeugung von Ernst Klein der eindeutige Beweis dafür, dass jüdische Familien schon vor 500 Jahren in Volkmarsen wohnten und das Ritualbad im 800 Jahre alten Gewölbekeller nutzten. Auf dem Keller wurden immer wieder neue Fachwerkhäuser errichtet. Allen während des 30-jährigen Krieges seien diese Häuser zweimal ein Raub der Flammen geworden. 

Klein fand Schriftverkehr aus den Jahren 1620/24. Damals beklagte sich ein jüdischer Kaufmann aus Volkmarsen beim Erzbischof von Köln, dass er seinen Schutzverpflichtungen für die kurkölnische Enklave Volkmarsen nicht nachgekommen sei. 

Warum sollten sich die jüdischen Familien neue Zunamen wählen?

1808 gehörte Volkmarsen zum Königreich Westphalen, wo Napoleons Bruder Jerome als König regierte. Er verfügte, dass alle Juden in seinem Reich Nachnamen zugewiesen bekamen. Im Volkmarser Rathaus hätten sich die Juden ihre Namen anders als anderswo selber aussuchen dürfen. In Listen von damals sei nachzulesen, dass der Bürger Josef Jakob den Namen Hüneberg wählte, abgeleitet von einem der Hügel rund um Volkmarsen. 

Die Kaufmannsfamilie Hüneberg habe in der Folge den Turnverein Volkmarsen mitgegründet und die Stadtpolitik mitgestaltet. Die Familie habe lange in diesem Mikwe-Haus im Steinweg gewohnt. Erst Mitte der 1930er Jahre fänden sich Unterlagen, die belegten, dass die Familie angefeindet wurde. Angeblich sei es unerträglich, dass ein Jude mit Getreide handele. Die Bürger wünschten sich ein „christliches Getreidegeschäft“,  hieß es in einem amtlichen Schriftstück, aus dem Klein zitierte. 

In Erinnerung an Gustav Hüneberg, der 17 Jahre Stadtverordneter von Volkmarsen war und 1931 auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt wurde, enthüllte Klein eine Gedenktafel. Im Frühjahr plant der inzwischen auf 200 Mitglieder angewachsene Verein Rückblende eine offizielle Einweihungsfeier der Dauerausstellung über jüdisches Leben in der Region. Klein: „Diese Region reicht vom Waldecker Land über das Wolfhager Land bis ins Warburger Land, denn das hier war immer Grenzgebiet. Es gab vielfältige Verflechtungen. Die Begegnungsstätte im Gustav-Hüneberg-Haus solle darauf hinweisen, dass 80 Prozent der jüdischen Bevölkerung auf dem Lande lebte, nur 20 Prozent in den Städten.

Streiter für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

Erinnerung ist wie Wasser“, zitierte Bürgermeister Hartmut Linnekugel den Auschwitz-Überlebenden Noach Flug: Erinnerung und Wasser seien beide lebensnotwendig, suchten sich ihren Weg, hätten kein Verfallsdatum und gingen nie zu Ende. In diesem Sinne gelte es, die Erinnerung wach zu halten, auch an die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Wer die Opfer vergesse, füge ihnen neues Unrecht zu, so Linnekugel. Der Verein Rückblende habe über Jahrzehnte für Demokratie, Freiheit und Rechtstaatlichkeit gestanden. 

Dabei habe geholfen, dass Ernst Klein bestens vernetzt sei. Anders sei es nicht zu erklären, dass Bundespräsident Gauck, dessen Partnerin Daniela Schadt, der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen und der frühere SPD-Bundesvorsitzende Hans-Jochen Vogel bei der Rückblende in Volkmarsen zu Gast gewesen seien. Ausdrücklich dankte Linnekugel für Kleins unermüdliches Engagement und das seiner Mitstreiter. 

Ausdrücklich übermittelte er auch die Grüße des ebenfalls anwesenden Bürgermeisters von Wolfhagen, Reinhard Schaake. Weitere Ehrengäste am Sonntagnachmittag waren neben Stadtverordneten und Stadträten auch der Historiker Prof. Dr. Dietfrid Krause-Vilmar von der Gedenkstätte Breitenau und Karl-Heinz Stadler von der Synagoge in Vöhl. Außerdem der Wolfhager Dekan Gernot Gerlach und Pfarrerin Britta Holk.

Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?

Im Anschluss an den Festakt im Gustav-Hüneberg-Haus sangen Renate und Roland Häusler auch heute noch bekannte Schlager, die in den 20er und 30er Jahren von jüdischen Komponisten und Textern geschrieben wurden, deren Namen aber in Nazi-Deutschland nicht genannt werden durften. Einige von ihnen emigrierten, viele wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Besonders berührte dabei der Kontrast zwischen diesen erschütternden Biografien und den lustigen Schlagertexten („Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“, „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt’“oder „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh’n“).

Humorvolle Schlager und traurige Biografien: Renate und Roland Häusler trugen die auch heute noch bekannten Ohrwürmer jüdischer Komponisten und Texter vor.

Der Verein “Rückblende - Gegen das Vergessen“ sucht zur Vervollständigung der neuen Dauerausstellung im Gustav-Hüneberg-Haus Fotos und Erinnerungen an die Bewohner im Haus Steinweg 24 und an die Familie Hüneberg. Kontakt: Telefon 056939914990, Mail: info@rueckblende-volkmarsen.de, Mehr Informationen im Internet unter: www.rueckblende-volkmarsen.de

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