Sperrungen wegen des Buchensterbens Thema eines Krisentreffens

Angepeilt: wieder freie Fahrt auf der Edersee-Randstraße ab 1. März

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Auf einen Blick: Viele Tourismusbetriebe haben gravierende Einbußen durch die notwendigen Sperrungen auf der Edersee-Randstraße. Umsatzverluste im fünfstelligen Bereich im Oktober führten in einem Fall zu Entlassungen, berichtete ein Unternehmer.

Wegen des Buchensterbens bleibt die Edersee-Randstraße teils gesperrt. Dennoch sind alle touristischen Ziele erreichbar. Wie es weitergeht, war Thema eines Krisentreffens am See.

 „Es gibt keinen Schuldigen. Wir stecken alle gemeinsam in dieser Situation.“ Gerald Gluth von Hessen-Mobil brachte es auf den Punkt beim Krisentreffen in der Waldecker Jugendherberge, denn Widerspruch blieb aus. Behörden, Kommunen und Tourismusbetriebe berieten auf Einladung des Waldecker Bürgermeisters über die anhaltend gesperrten Abschnitte der Straße, über Ursachen, Folgen, Begleitumstände, Perspektiven.

Der aktuelle Plan zur gesperrten Edersee-Randstraße

Fest steht: Vor Ende Februar, Anfang März verschwinden die Sperren nicht.

Eine Expertenkommission untersucht gerade einzeln die von Sturz und Verfall bedrohten Bäume entlang der gesperrten Abschnitte und beendet ihre Analyse voraussichtlich in der aktuellen Woche. Die Strecken zwischen Sperrmauer und Waldeck- West sowie zwischen Waldeck-West und Nieder-Werbe bleiben dicht, weil die ersten, notfallmäßigen Fällarbeiten vor einigen Wochen die grundsätzliche Gefahr für Leib und Leben nicht beseitigt haben.

Ist die Kommission fertig, „dann schreiben wir die Fäll- und Pflegearbeiten aus“, erklärte Christina Röntgen, Regionale Bevollmächtigte von Hessen-Mobil für Nordhessen. Dazu ist die Behörde gesetzlich verpflichtet, anders als bei unmittelbaren Notlagen. Im Januar soll die Firma, die den Zuschlag erhält, anfangen. „Zum 1. März wollen wir die Straße frei geben“, unterstrich Röntgen.

Die Unwägbarkeiten der Baumpflege

Voraussetzung dafür ist, dass nicht etwa zu schlechtes Wetter die Arbeiten verzögert. Beispiel: harter Dauerfrost.

Obendrein spielt Zeitdruck hinein. Das Bundesnaturschutzgesetz gestattet Baumpflege und Fällen grundsätzlich nur bis zum Beginn der Brutsaison im März.

Hinzu kommt: Die Aufgabe ist so speziell und anspruchsvoll, dass nur eine begrenzte Zahl von Firmen die nötige Fachkenntnis mitbringt. „Und bundesweit werden wegen des Buchensterbens viele vergleichbarer Arbeiten ausgeschrieben“, sagte Gerald Gluth.

Immer den Edersee vor Augen: Krisentreffen von Behörden, Kommunen und Tourismusbetrieben in der Waldecker Jugendherberge zum Buchensterben und den Sperrungen auf der Randstraße

Aus Reihen der Hotellerie und Gastronomie wurden Sorgen laut, die spezialisierten Unternehmen könnten mehrere Aufträge gleichzeitig annehmen – im Zweifel würden sie dann erst die Arbeiten in Ballungsräumen abschließen, statt auf dem Land. „Wir vereinbaren in den Verträgen natürlich Fristen“, entgegnete Gluth.

Was den Umgang mit dem Buchensterben so schwer macht

Die Geschwindigkeit des Verfalls überrollt alle. Das schilderte Edertals Bürgermeister Klaus Gier:

„Im Juli war noch nichts zu erkennen, und kurz darauf mussten wir die Wanderroute von der Sperrmauer zur Hammerbergspitze zu machen.“ Zwischen einer äußerlich gesunden und einer todkranken Buche liegen aus Sicht des Beobachters oft nur vier bis sechs Wochen.

Engmaschige Nachkontrollen der Förster deckten so wieder und wieder in ganzen Beständen ein erschreckendes Ausmaß bis dato verkappter Schäden offen, erklärte Martin Klein vom Forstamt Vöhl: „Zwei trockene Sommer und ein warmer, feuchter Winter boten den Pilzen ideale Bedingungen.“

Der Ausblick auf die Lage im Wald am Edersee

Sich wie Sysiphos zu fühlen, kann die Fachleute schon im nächsten Frühjahr an der Randstraße wieder ereilen. Dann offenbart der Austrieb des Laubes Erkrankungen, die in der blattlosen Zeit unterschwellig fortschreiten.

Weitere, punktuelle Sperrungen der Randstraße sind darum für die Zukunft nicht auszuschließen, stellte Christina Röntgen fest: „So, wie es war, wird es nie wieder werden.“ Biologe Achim Frede, Mitglied der Expertenkommission, ergänzt: „Der Wald passt sich an und baut sich um.“

Immerhin: Die Kommission schätzt es so ein, dass der Pflegeaufwand in Zukunft nicht mehr so groß ausfällt wie in dieser akuten, ersten Phase der Krise. Sperrungen sollten deshalb nicht jedes Mal so lange dauern.

Eine gute Nachricht von der Edersee-Randstraße

Eine gute Nachricht hat Hessen-Mobil auf Nachfrage parat. Kontrollen am Abschnitt zwischen Hemfurth und Bringhausen förderten bisher keine größeren Schäden an den Buchen und anderen Bäumen zutage. Gleiches gelte für die Strecke zwischen Nieder-Werbe und der Halbinsel Scheid. An beiden Routen seien die Bäume deutlich geringerer Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Das vermutet die Behörde als Erklärung.

Zu allen Zielen am Edersee sind Wege offen

Das Ausschildern der Sperrungen am Edersee bereitet vielen Beteiligten Kummer. Denn sie verwirren viele Autofahrer, und aus ihnen geht nicht hervor, dass alle touristischen Ziele erreichbar sind. Das kritisierten Tourismusunternehmen beim Krisentreffen. Christina Röntgen von Hessen-Mobil versprach bessere Hinweise: „Die nötigen Schilder sind in Arbeit.“ 

Ein Überblick: Alle Ziele in der Waldecker Bucht sind mit dem Auto anzufahren über die Bergstadt Waldeck. Zwar verkehrt zwischen der Bergstadt und Waldecker Bucht zur Zeit kein Bus mehr, aber Waldeck-West ist an den Haltestellen Strandbad und Talstation Seilbahn über das Anruf-Sammeltaxi an den öffentlichen Personennahverkehr angebunden. Das teilt EWF auf Nachfrage mit. Die Sperrmauer-Ostseite lässt sich von Hemfurth aus ansteuern. Nieder-Werbe und Scheid erreicht man auf dem Weg über Sachsenhausen. Zwischen Hemfurth und Bringhausen gilt ohnehin freie Fahrt.

Das Juwel der Edersee-Steilhänge: die Urwälder

Die gesperrten 800 Meter zwischen Waldeck-West und Sperrmauer „sind für den Tourismus besonders wichtig“, unterstrich Wilfried Meyer von der Edersee-Schifffahrt. An exakt dieser Strecke befinden sich aber auch die wertvollsten Urwald-Relikte für die geplante Erweiterung des Nationalparks. „Einzigartig in Europa“, sagte Biologe Achim Frede. Einzigartig deshalb, weil die uralten Bäume an extrem steilen Lagen wachsen. So wenig Eingriffe wie möglich seien an diesem Naturschatz angesagt, betont Frede und vergleicht: „Niemand würde vom Kölner Dom die Spitze abschneiden.“

Die Steilhänge bieten Naturschätze und tolle Ausblicke.

Andererseits könnte es an diesen Steilhängen passieren, dass absterbende Bäume selbst aus hinteren Bereichen auf die Straße stürzen. „Aus all diesen Gründen müssen wir auf diesem Abschnitt noch einmal und noch genauer hinschauen“, erklärte der Biologe. Es könnte sein, dass im oberen Bereich Fangzäune installiert werden oder etliche Bäume auf andere Art und Weise gesichert werden müssten, um das Bewahren des Urwaldes und Verkehrssicherung in Einklang miteinander zu bringen. 

Edersee-Region betreibt hohen Aufwand für Naturschätze

Stefan Groll von der Sommerrodelbahn brachte das auf die Idee, in all den Schwierigkeiten auch eine Chance für den Tourismus zu sehen: „Wir sollten in der Vermarktung deutlich machen, mit welch´ hohem Aufwand wir in unserer Region die Natur zu bewahren versuchen.“ Achim Frede stimmte zu und rief zu gemeinsamen Anstrengungen auf, die Schätze des Nationalparkes und seiner Region noch stärker ins Bewusstsein der Gäste zu rücken. Die Herausforderung besteht darin, dass die Urwaldbewohner rund um den Edersee in sehr kleinen, seltenen Tier- und Pflanzenarten bestehen.

HINTERGRUND

Im Buchenwald, nicht nur rund um den Edersee, heißt es für alle, die hineingehen: Aufgepasst! Das wurde beim Krisentreffen deutlich. Wanderer beachten Sperrschilder zum Urwaldsteig nicht, hat Hotelier Christian Gerlach beobachtet. Besonders macht er sich Gedanken um den Andrang, den die Region zum Deutschen Wandertag 2020 in Bad Wildungen erwartet. 

Martin Klein vom Forstamt Vöhl verwies auf die Eigenverantwortung. „Wir können nicht alle gefährlichen Bäume fällen, besonders nicht in einem Nationalpark oder an einem Urwaldsteig, sonst würden wir dem Wald seinen Charakter nehmen.“ Die Menschen müssten mehr aufpassen, in die Baumkronen schauen, gesperrte Wege meiden und bei Stürmen dem Wald generell fern bleiben. Claudia Unger vom Tourismusbüro Waldeck verglich es mit Lawinenwarnungen in den Bergen. 

Edertals Bürgermeister Klaus Gier verwies in dem Zusammenhang auch auf das Siegel „Qualitätswanderwege“, das die Region umfänglich anstrebe. Mit Blick auf das Buchensterben sei es für die Kommunen und die Tourismusorganisationen wichtig, „genau hinzuschauen und sich mit Nationalpark, Naturpark und Hessen-Forst ins Benehmen zu setzen.

ZUSAMMENFASSUNG

– Die Expertenkommission zum Buchensterben an den gesperrten Abschnitten der Edersee-Randstraße steht kurz vor dem Ende ihrer Analyse

– Im nächsten Schritt schreibt HessenMobil die Arbeiten aus

– Im Januar sollen die Aufträge für die Pflegearbeiten an den betroffenen Edersee-Steilhängen vergeben sein und die Arbeit beginnen

– Ziel ist es, die Arbeiten zum 1. März zu beenden, auch, weil das Naturschutzgesetz Baumpflege und Fällen nur bis März zulässt. Die gesperrten Straßenabschnitte sollen dann wieder frei gegeben sein

– Unwägbarkeiten liegen in Wetterbedingungen sowie in der relativ kleinen Zahl von verfügbaren Spezialunternehmen in Deutschland

– Unabhängig von den Sperrungen sind und bleiben alle touristischen Ziele am Edersee über mindestens eine Zufahrt erreichbar

– Die viel kritisierte Ausschilderung der Sperrungen will HessenMobil bald verbessern

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