Offiziere der ehemaligen kaiserlichen Marine siedelten auf der Halbinsel Scheid

"Siedlungsgenossenschaft Edersee" wird 100 Jahre alt 

Da steckte der Tourismus noch in den Kinderschuhen: Postkarte der Halbinsel Scheid, aufgenommen um 1930.

Die "Siedlungsgenossenschaft Edersee" auf der Halbinsel Scheid wird 100 Jahre alt - von ehemaligen Marineoffizieren gegründet.  

Vor 100 Jahren gründeten in Kiel zehn ehemalige Offiziere der früheren kaiserlichen Marine die „Siedlungsgenossenschaft Edersee“. Seit dieser Zeit hat sich die Halbinsel Scheid zu einem Urlaubszentrum entwickelt.

Durch den ersten Anstau des Edersees 1914 wurde der Scheid, bisher zur Gemarkung Bringhausen gehörig, zum Niemandsland. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg: Nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags 1919 waren in der deutschen Marine nur noch 1500 Offiziere erlaubt. Viele kaiserliche Berufsoffiziere verloren dadurch ihre Stellung.

Am 15. Januar 1920 in Kiel gegründet

Im Jahre des Friedensvertrags unternahm Fregattenkapitän Benjamin Altenfeld mit seinem Schwager, Geheimrat Till aus Kassel, eine Reise an den Edersee und wurde auf die unbesiedelte Halbinsel aufmerksam. 

Fregattenkapitän Benno Altenfeld fand eine neue Heimat am Edersee.

Der 1863 in Velbert im Rheinland geborene Altenfeld fand bald zehn weitere Marineoffiziere, die bereit waren, mit ihren Familien auf die Halbinsel zu ziehen. Die Siedlungsgenossenschaft „Edersee“ wurde am 15. Januar 1920 in Kiel gegründet.

Monate später kamen die neuen Siedler an. 

Vor fast 100 Jahren: Siedlerfamilien aus Kiel vor ihren Baracken auf der Halbinsel Scheid.

Darunter war auch der 1877 in Kiel geborene ehemalige Oberdeckoffizier Georg Bartels mit seiner Familie, der später Vorsitzender der Genossenschaft war. Stellvertretender Vorsitzender wurde der 1879 geborene Leutnant Friedrich Lortsch. Den Rang eines Marineleutnants hatte auch Wilhelm Malitte, der zuvor wie die Familien Meyer, Klahn und Bittner in Kiel gewohnt hatte. Die Siedlerfamilien Ahlers, Basting und Lampel zog es nach kaum einen Jahrzehnt wieder fort.

Wohnbaracken in Einzelteilen über den Edersee gerudert

Als provisorische Unterkunft dienten zwei Wohnbaracken, die mit der Eisenbahn bis Herzhausen gebracht wurden. Die Einzelteile wurden zu Flößen zusammengebunden und über den See bis Scheid gerudert. Dort wurden sie aufgebaut, und jede Familie erhielt einen kleinen Bereich. Eine alte Feldschmiede war gemeinsamer Herd. Vorräte wurden in der zweiten Baracke aufbewahrt.

Am 6. September 1920 teilte die Hessische Heimat GmbH in Kassel dem Landratsamt in Bad Wildungen mit: „Die Genossenschaft beabsichtigt mit unserer Hilfe in diesem Jahr 3 Bauten und im nächsten Jahr die weiteren 7 Bauten der Siedlung zu errichten.“

Gesamte Finanzierung durch die "Hessische Heimat"

Die Zufahrt erfolge von der Straße von Niederwerbe aus. Die Wasserversorgung sei durch einen acht Meter tiefen Brunnen sicher gestellt. Die Schule in Niederwerbe sei groß genug, die damals sieben schulpflichtigen Kinder aufzunehmen. Die Hessische Heimat bat um Ansiedlungsgenehmigung ohne Auflagen. Die Ansiedler – entlassene Angehörige der Kriegsmarine, Deckoffiziere und Ingenieure – wollten ihren Lebensunterhalt unter anderem durch Übernahme des Verkehrs auf dem Edersee, Heimarbeit, Verkauf von Erzeugnissen aus Garten und Landwirtschaft und Fremdenbeherbergung verdienen.

Marineleutnant Friedrich Lortsch (1879-1957) richtete 1920 den Fährbetrieb ein.

An Vermögen stünden der Genossenschaft 50 000 Mark und außerdem vom Staat angebotene Entschädigung für die Übernahme der Fährverpflichtung von etwa 50 000 bis 60 000 Mark zur Verfügung, hieß es. „Die gesamte Finanzierung des Unternehmens wird die Hessische Heimat übernehmen.“

Pachtland im schwer erreichbaren Fürstental

1921 waren die ersten Höfe fertig, zudem ein kleines Backhaus. Zu ihrem Gehöft bekamen die Siedler ein paar Morgen Land. Einige pachteten zusätzlich Wiesen an der Straße nach Nieder-Werbe (Bettenhagen) und im schwer erreichbaren Fürstental. Schon 1920 hatten die früheren Marineoffiziere den Fährdienst auf den Edersee nach Bringhausen übernommen. 

Schankerlaubnis auf Scheid schon in 1921

Am 15. Oktober 1921 erschien in der Waldeckischen Landeszeitung ein Artikel über das auftauchende „Edersee-Atlantis“. Nachdem der Berichterstatter zunächst die Ruinen von Alt-Bringhausen besucht hatte, vermerkte er: „Man kann bis zur alten gesprengten Ederbrücke gehen. Hier ist die Fähre zum jenseits liegenden Dörfchen auf dem Scheidt, das von einer Anzahl Ansiedlern bewohnt wird. Die im gleichen Baustil errichteten Häuser liegen zerstreut, weil jedes Haus von 4 Morgen Land umgeben ist.“

Lageplan Scheid vom 10. März 1921: Das Original befindet sich im Marburger Staatsarchiv.

 Schon früh spielte der Tourismus eine nicht zu unterschätzende Rolle. 1921 hatte Georg Bartels eine Schankerlaubnis erhalten. Die alten Scheider Gasthäuser trugen ebenfalls maritime Namen: Zum Anker, Seemannsheim, Seemannsruh und Zur Fähre.

Jubiläum im Jahr 2020 mit Veranstaltungsreigen und Historienpfad

 Im Jahr 2020 soll der 100. Geburtstag der früheren Marinesiedlung mit einem abwechslungsreichen Programm gefeiert werden, das noch bekannt gegeben wird. Zudem wird am Pfingstsamstag ein neuer Historienpfad eröffnet. Bei den noch vorhandenen Häusern der ersten Siedler wird die Geschichte der Marinesiedlung dokumentiert

VON JÖRG SCHÜTTLER

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