Dankschreiben der US-Army an zwei Mädchen sollte helfen, den Vater aus Kriegsgefangenschaft zu befreien

Dachbodenfund auf der Halbinsel Scheid legt Familiengeschichte zweier Lebensretterinnen offen

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Der zerstörte Leichtflieger des amerikanischen Piloten.

Waldeck-Scheid. Kriegsende am Edersee: Das Leben eines amerikanischen Militärpiloten hängt am seidenen Faden. Zwei Mädchen von der Halbinsel Scheid retten ihn. Die Geschichte ist 70 Jahre her und am Edersee bekannt. Doch neu gefundene Dokumente lassen das dramatische Ereignis in neuen Facetten aufscheinen. Die Papiere verbinden indizienhaft die „Stunde Null“ in Deutschland mit der Familiengeschichte Krieger.

Vater Willi Krieger kämpft im Namen Hitlers, als Mutter Bertha mit den Töchtern Ilsedore und Rosemarie in den späten Kriegsjahren aus Braunschweig an den Edersee umgesiedelt wird. Am 8. Mai 1945 bricht NS-Deutschland zusammen. Am 14. Mai rast First Lieutnant William B. Larson von der 32d Field Artillery Brigade der US Army mit seinem Flugzeug in die Stromleitung, die über den Edersee zwischen Scheid und Rehbach führt. Der Flieger zerschellt auf der Wasseroberfläche.

Halb bewusstlos klammert sich der Pilot an ein Wrackteil. Die 23-jährige Ilsedore und ihre fünf Jahre jüngere Schwester Rosemarie haben das Unglück beobachtet. Die beiden Mädchen schnappen sich ein großes Brett und schwimmen zum Amerikaner hinaus, der zu ertrinken droht. Sie ziehen ihn auf das Board, bringen ihn an den Strand und leisten Erste Hilfe, bis die Kameraden des Verunglückten eintreffen.

Mehr als 70 Jahre später taucht das Familienstammbuch wieder auf

Mehr als 70 Jahre später, Ende 2017, wird das Familienstammbuch der Kriegers auf einem Scheider Dachboden gefunden. Darin liegt ein Original-Dankesschreiben an Ilsedore und Rosemarie. Verfasst noch am Tag des Unfalls von Colonel W.A. Metts. Haarklein beschreibt der Offizier den Absturz, den mutigen und tapferen Einsatz der Schwestern, um ihnen seitens der US-Army höchste Anerkennung und Dankbarkeit zu zollen.

„Die amerikanischen Soldaten sollen die zwei Mädchen damals gefragt haben, was sie sich zum Dank wünschen“, erzählt Wilhelm Neuhaus aus Nieder-Werbe, Kenner der Edersee-Historie. Ein damaliger Nachbar der Kriegers habe ihm von dem Wunsch der Geschwister berichtet, „dass der Vater aus Kriegsgefangenschaft entlassen werden möge.“

Soll der Brief dabei helfen? Tut er es? Die Recherchen der WLZ führen über das Waldecker Einwohnermeldeamt zu einem Nachlassverwalter nach Norddeutschland. Er war befasst mit dem Erbe einer Dame mit Vornamen Paula Edith. Sie starb 2016 im Alter von 92 Jahren in Walsrode, ohne Nachkommen zu hinterlassen.

Im Tresor liegt die Kopie des Dankesschreibens

Der Kopf der handschriftlichen, beglaubigten Kopie des Dankesschreibens, die sieben Jahrzehnte in einem Tresor in Walsrode ruhte.

Verblüffend: In ihrem Tresor daheim ruht eine beglaubigte, handschriftliche Kopie des Dankesschreibens der US-Army an die Schwestern Krieger. Warum befindet sich ausgerechnet dieses Papier in Händen einer alten Dame aus Walsrode? Es muss einen sehr hohen, ideellen Wert für sie gehabt haben. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie es über 70 Jahre bis zu ihrem Tod im Safe hütet?

Eine Spur: Paula Edith ist laut Stammbaum die Stieftochter des Johannes Paul Krieger, geboren 1902 im selben Rheinpfälzer Örtchen Grünstadt/Asselheim wie Willi Krieger acht Jahre zuvor, 1894. Die nahe liegende Erklärung: Johannes Paul Krieger ist der jüngere Bruder von Willi Krieger. Paula Edith wäre damit die Stief-Nichte von Willi Krieger und zugleich die Stief-Cousine der Schwestern Ilsedore und Rosemarie.

Was wollte Paula Edith mit der Kopie des Dankesschreibens? Des Rätsels Lösung schimmert durch die Zeilen eines von ihr selbst per Hand verfassten Lebenslaufes hindurch. Er gehört ebenfalls zum Nachlass. Vom 21. August 1945 bis zum 2. September 1950 arbeitet Paula Edith als Küchenhilfe und später Serviererin in Berlin-Dahlem – im amerikanischen Offiziersclub Harnack-Haus.

Ein gutes Wort für Vater Willi

Hoffen die Krieger-Schwestern damals darauf, dass ihre Stief-Cousine im Berliner Offizierskasino, quasi an höchster Stelle der US-Army, ein gutes Wort für Vater Willi in Kriegsgefangenschaft einlegen könnte?

Die Kopie des Dankschreibens aus dem Walsroder Tresor liefert weitere Hinweise durch Stempel und Daten. Demnach entsteht die beglaubigte Abschrift im „Interniertenlager Darmstadt“. Die eine Beglaubigung stammt vom 15. Oktober 1945, eine zweite vom 23. September 1946. Die Amerikaner richteten das Lager im Frühjahr 1945 zur Entnazifizierung ein. Von führenden Angehörigen nationalsozialistischer Organisationen bis zu Mitläufern sind dort zeitweise knapp 10.000 Männer inhaftiert.

1947 entlässt die amerikanische Militärregierung die Internierten

Zählt Willi Krieger zu ihnen? Der letzte Beleg fehlt, doch weshalb sonst gelangt die beglaubigte Kopie vom Dankschreiben an seine Töchter offiziell nach Darmstadt? Ob die Bemühungen der drei jungen Frauen und besonders die Rettungstat der Schwestern am Edersee fruchteten? Niemand weiß es sicher, doch eher nicht. Denn fest steht, dass die Presse am 14. Mai 1947 – zufällig auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Flugzeugunfall am Edersee – in Darmstadt Folgendes berichtet: „Die amerikanische Militärregierung verfügt, dass alle Personen, die nicht Mitglied einer verbrecherischen NS-Organisation waren, aus den Interniertenlagern entlassen werden.“

Kurz darauf meldet sich Willi Krieger mit Wohnsitz auf Scheid an. Seine Kriegsgefangenschaft ist zu Ende gegangen. Er hat überlebt. Und Johannes Paul Krieger, wahrscheinlich sein jüngerer Bruder? Der Stiefvater von Paula Edith stirbt bereits 1946 in Kovel. Dort, in der Ukraine, befindet sich damals ebenfalls ein großes Kriegsgefangenenlager. Johannes Paul, wohl der Onkel von Ilsedore und Rosemarie, er kehrt nicht heim.

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