Andere Blickwinkel auf Edersee-Bewirtschaftung:

Edersee vergrößern und Zufluss durch Regen und Schnee wissenschaftlich untersuchen

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Angesichts der Regenfälle steigt der Pegel des Edersees momentan sogar leicht.

Edersee – Weserschiffer schlagen vor, die Speicherkapazitäten des Edersees zu erhöhen.

Das berichtet Katrin Urbitsch, Leiterin des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Hann. Münden (WSA), aus Gesprächen mit der gewerblichen Schifffahrt. Auch diese Frage wäre ein spannendes Thema für die vom WSA  geplante Bürgerversammlung zum Edersee im Juni. Der Konzern Uniper hat vor Kurzem beispielsweise die Wälle seiner Speicherbecken auf dem Peterskopf erhöht und damit das Volumen, das für den Betrieb des Pumpspeicher-Kraftwerks zur Verfügung steht.

Keine Option: Abräumen der Liebes-Insel

Ein Aufrüsten der Sperrmauer und der Ufer würde aber sicher Unsummen verschlingen und erscheint daher unrealistisch. Den Seegrund auszubaggern, wäre eine zweite Möglichkeit. Es gab sogar die Anregung, die „Liebesinsel“ in der Bringhäuser Bucht abzuräumen, „doch das will natürlich keiner“, sagt Katrin Urbitsch.

Kiesabbau wieder ermöglichen?

Statt dessen erinnert sie daran, dass in Richtung Nieder-Werbe und Asel früher Kies abgebaut wurde. Das WSA selbst tat es vor Jahrzehnten. Die Behörde stellte den Abbau jedoch ein, „weil es sich nicht mehr lohnte“, erklärt Urbitsch. Inzwischen hat sich die Lage auf diesem Rohstoffmarkt spürbar geändert. Die Nachfrage verdreifachte sich binnen der zurückliegenden 20 Jahre.

Birgt das die Chance auf eine Renaissance des Kiesabbaus im und am Edersee? Zwei Fliegen wären mit einer Klappe zu schlagen, denn so ließe sich begleitend zum Gewinnen des begehrten Baustoffes das Speichervolumen der Talsperre erweitern. Vorbehaltlich eines aufwändigen bergrechtlichen Genehmigungsverfahrens allerdings, schränkt Urbitsch ein.

So bleiben bis auf Weiteres die bekannten Stellschrauben bei der Bewirtschaftung im Fokus. Aktuell läuft die Auswertung des Probebetriebes unter einer Minimalabgabe in die Eder von nur 4 Kubikmetern pro Sekunde. Bislang liegt die Mindestabgabe bei 6 Kubikmetern.

Experte nimmt Angaben des Regierungspräsidiums mit Erstaunen auf  

Zudem steht die Frage im Raum, ob die Berechnungsgrundlage der Niederschlagsfolgen im Einzugsgebiet der Talsperre angesichts des Klimawandels noch Bestand hat? Das WSA geht beim Steuern davon aus, dass außerhalb der Vegetationsperiode im Winterhalbjahr 90 Prozent der Niederschläge im See landen und nur 10 in der Natur verbleiben.

Stimmt diese 90:10-Annahme angesichts veränderter Klimabedingungen noch oder hat es sich verändert, sodass Hochwassergefahren anders zu kalkulieren sind? Könnte sich das auf den freizuhaltenden Hochwasserschutzraum im Übergang vom Winter zum Frühjahr auswirken? Nein, heißt es dazu aus dem zuständigen Regierungspräsidium in Kassel. Die wasserkundlichen Gegebenheiten im nördlichen Mitteleuropa seien hinlänglich bekannt. Das Regierungspräsidium sieht keinen Prüfbedarf für diese Berechnungsgrundlage.

Doch die 90:10-Annahme erscheint dem Hydrologen, Klimatologen und Fachmann für Hochwasserschutz Professor Axel Bronstert (Universität Potsdam) "sehr hoch" und er zeigt sich "leicht überrascht über die Einfachheit der Annahme von 90 Prozent Abflussbeiwert außerhalb der Vegetationsperiode." Seine Einschätzung erreichte unser Portal über eine Anfrage zu dem Thema, die wir an die Deutsche Hydrologische Gesellschaft richteten. Bronstert bezeichnet sie als "eine interessante Frage".

Hochwasser: Man könnte Zufluss durch Regen und Schnee exakter kalkulieren als bisher

Hier die weitere Stellungnahme des Fachmanns im Wortlaut:

"Entscheidend ist, dass die 'Speicherkapazitäten der Böden' sich eigentlich nicht ändern aufgrund der Klimaänderung oder regionalen Erwärmung. Wichtiger erscheint mir, ob eventuell die Verdunstung zunimmt und deswegen eben der Abflussanteil (bislang 90 Prozent Annahme) abnimmt. Wenn die Verdunstung zunimmt, dann wird der Bodenspeicher schneller und stärker entleert und weniger fließt ab, auch wenn die Speicherkapazität gleich bleibt. Generell ist 90 Prozent Abflussanteil des Niederschlags sehr hoch, obgleich bei hohen Niederschlägen und kühlen Temperaturen möglich. Wenn die Verdunstung steigt, eventuell aufgrund einer etwas längeren Vegetationsperiode, dann wäre der Abflussanteil geringer, wenn auch nicht dramatisch geringer. 

Ob der Niederschlag als Schnee fällt oder als Regen, ist bei geringen Temperaturen und bei geringen Verdunstungswerten für den Wassereintrag in die Talperre fast egal. Die Schneeschmelze verursacht eine Verzögerung des Eintrags, aber keine mengenmäßige Reduktion oder Erhöhung. 

Wie auch immer: Das ist eine Frage der Wasserbilanz und man könnte das genauer ansehen. Fachlich interessant, man müsste aber eine etwas umfangreichere Modellierung, eine so genannte „kontinuierliche Modellierung“ durchführen. Der Stand der Technik erlaubt das. Die 90-Prozent-Annahme müsste sich auch aus Abflussmessungen und zugehörigen Niederschlagsmessungen überprüfen lassen.“

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