Walter Menke verlebte Kinder- und Jugendtage in einer umgebauten ehemaligen Flak-Stellung

Erinnerungen an die absolute Freiheit überm Edersee

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Dieser Blick von der Schlossterrasse Waldeck auf Hütte, Stall und Schuppen weckte 1948 die Neugier eines Reporters.

Waldeck. WLZ-Leser Walter Menke hat uns einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1948 zugesandt mit Fotos aus jener Zeit. Der damalige Bericht beschreibt einen ungewöhnlichen Haushalt der Nachkriegszeit hoch über dem Edersee: Dort verlebte Walter Menke Kinder- und Jugendtage.

 

„… es zeigt, wie man mit Erfindungsgeist, Mut, Nonchalance und Glück einer Familie eine neue Heimat gründen kann.“ Drei Jahre sind seit der Zerschlagung Nazi-Deutschlands vergangen, als ein Reporter diese Zeilen schreibt. Nachdem er von der Terrasse des Schlosses Waldeck aus eine mit Leben erfüllte Holzhütte über der Randstraße entdeckt hat, berichtet er mit diesem Fazit über den Besuch dort. Der Kölner Wilhelm Menke hat sich mit seiner Familie im Wald eingerichtet. Erst einige Monate später ruft sich die Bundesrepublik zum zweiten demokratischen, deutschen Staat aus. Als „Stunde Null“ bezeichnen Zeitgenossen die Phase.

Von wegen „arme Kinder“ 

Wilhelm Menke baut auf Relikten der Wehrmacht überm Edersee ein Zuhause auf. „Als er am Edersee als Flaksoldat ein Funkmessgerät bediente, hatte er das kleine Haus, seine ehemalige Stellung lieb gewonnen“, schreibt der Reporter am 16.10.48. Die Hütte habe Menke nicht vergessen, als er nach Freilassung aus Gefangenschaft seine Liebsten wiederfand. „Wir waren im Krieg in Köln ausgebombt und in den Osten evakuiert worden“, erzählt Walter Menke, Wilhelms Sohn: „Der Bürgermeister genehmigte den Um- und Ausbau der Hütte“, erinnert er sich. 

Walter Menke und seine Schwester auf der Veranda

Die „armen Kinder“ habe es geheißen, „doch im Nachhinein war es für uns im Alter von elf, zwölf Jahren eine wunderbare Zeit von absoluter Freiheit, in der wir die Natur kennenlernten“, erzählt der Sohn im Rückblick. Wilhelm Menke versah das Holzhaus mit einer Veranda. Der geschickte Handwerker legte von einer Quelle oberhalb eine Leitung, installierte gar eine Dusche. „Wir hatten fließend Wasser, wenn auch nur im Sommer, weil das Rohr im Winter einfror“, berichtet Walter Menke. Dann holte die Familie Quellwasser im Eimer.

Komfort mit Fantasie 

Ob bei Frost oder Hitze; die Kinder gingen stets 45 Minuten durch den Wald zur Schule nach Waldeck. Dorthin fuhr auch die Mutter per Rad zum Einkaufen. Als Großstädterin musste sie sich an das Leben auf dem Land in Abgeschiedenheit gewöhnen. „Wie sie seufzend versichert“ in den Block des Reporters von 1948. Wilhelm Menke schafft so viel „Komfort“ wie möglich. „Er setzte allein Strommasten bis zum ersten Waldecker Haus“, erinnert sich Walter. Dort schloss der Vater die Hütte ans Elektrizitätsnetz an. Ein Umstand, den die Familie auf spezielle Weise nutzt: „Wenn wir im Dunkeln von Waldeck aus nach Hause gingen, drehten wir kurz die Sicherung für den Anschluss heraus.“ In der Hütte im Wald verlöschte für Sekunden das Licht. Alle wussten: Das Familienmitglied ist auf dem Heimweg. Vielleicht von einem Besuch beim Spielkameraden.

Walter Menke heute

Bucht mit eigenem Namen

 „Natürlich pflegten wir Freundschaften, obwohl andere Kinder seltener den weiten Weg zu uns kamen“, sagt Walter Menke. Mit Ausnahme heißer Sommertage. Vom Häuschen führte ein Pfad geradewegs zum Baden im See, in „Menkes Bucht an der Rutsche“, hat man gesagt. „Rutsche“ bezog sich auf die offene Betonrinne, die im Krieg die Abwässer der Flak-Stellung in den See leitete. Auf alten Wanderwegweisern, etwa am Parkplatz „Teufelsgraben“, ist die „Rutsche“ noch zu finden. Doch die vielen aktuellen Zeichen von Kellerwald- und Urwald-Erlebnissteig fallen eher auf. Ihr Netz zieht sich durch Menkes Paradies aus Kindertagen.

Familie Menke und die Tiere 

In dem dann und wann ein Huhn verloren ging. „Ein halbes Dutzend sogenannte Rotländer hielten wir. Sie liefen frei herum“, erzählt er. Die gleichen Freiheiten genossen ein Schaf, Ziegen, Kaninchen und für ein Jahr sogar ein Schwein. Als wieder einmal ein Huhn verschwunden blieb trotz intensiver Fahndung, stellten sich die Menkes bereits darauf ein, beim Bauern Ersatz zu beschaffen, „im Tausch gegen ein oder zwei Glühbirnen“. Doch da tauchte die vermisste Henne wieder auf. Bei deren nächstem Ausflug folgten ihr die Besitzer. „Sie brütete heimlich im Wald, doch das konnte nichts geben, weil es an einem Hahn fehlte“, erzählt Walter Menke. Bestens im Gedächtnis haften geblieben ist ihm auch, wie sein Vater eine der Ziegen in Nieder-Werbe kaufte. „Mitten im Winter, und zurücknahm er den kürzesten Weg: über den zugefrorenen Edersee.“ Damals sei ein vereister Stausee in der kalten Jahreszeit die Regel gewesen.

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