Unterwegs an den Edersee-Steilhängen

Experten begutachten todkranke Buchen an gesperrter Edersee-Randstraße

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Scharfe Blicke in die Krone einer kranken Buche: (von links) Kai Wittekind, Achim Frede und Uwe Hüppe, Mitglieder des Expertenteams, das die todkranken Bäume entlang der gesperrten Edersee-Randstraße begutachtet.

Eine Expertenkommission nimmt die todkranken Buchen  an den gesperrten Abschnitten der Edersee-Randstraße unter die Lupe. Sie legt für jeden Baum fest, wie es mit ihm weitergeht.

Vier, fünf Mal fällt der rote Hammerkopf aus Hart-Kunststoff gegen die Rinde. Sogar ein Laie hört, wie hohl dieser dicke Stamm sein muss, obwohl er von außen gar nicht so angegriffen aussieht. Das Klopfen klingt als leises Echo im bewaldeten Steilhang nach, dessen Boden Herbstlaub und kantige Steine überziehen.

Kai Wittekind (links) und Achim Frede hören auf den Widerhall der Hammerschläge gegen den Stamm: Wie hohl ist der Baum bereits?

Kai Wittekind steckt den Hammer zurück in seine grell-orangene Sicherheitsjacke, wie sie Hessen-Mobil-Beschäftigte bei der Arbeit tragen. Gemeinsam mit den Anderen aus der Expertengruppe schaut er am Stamm entlang bis hinauf in die Krone der Buche.

Verräterische Krankheitsspuren an der Buchenrinde

Revierförster Uwe Hüppe markiert den Baum per Sprühfarbe mit der Nummer 86 und zeigt auf einen dunklen, feucht schimmernden Fleck, den er auf Augenhöhe an der Borke entdeckt, etwa so groß wie ein 20-Cent-Stück: „So fängt's an.“ Und wenn man vier Wochen später nachschaut, offenbart die glatte Oberfläche des Buchenstamms hier einen langen, dunklen Riss, einer eiternden Wunde gleich.

„Das Werk des Buchenschleimrüblings“, sagt Biologe Achim Frede. Der bildkräftige Name bezeichnet einen der Pilze, die den Buchen rund um den Edersee in großer Zahl den Garaus machen. Die verschiedenen Arten der Pilze durchziehen das von Trockenheit sturmreif gestresste Holz nach und nach. Käfer- und andere Insektenlarven fressen sich im Schlepptau mit unaufhaltbarem Appetit ihre Gänge. Hohler und hohler klingt so ein Stamm mit der Zeit unter den Hammerschlägen eines Baumbeobachters wie Wittekind.

Umstürzende Bäume gefährden Leib und Leben

Für die Menschen, die sicher auf der Edersee-Randstraße unterwegs sein wollen, wächst sich das zur Gefahr für Leib und Leben aus, weil Bäume von mehreren zehn Metern Höhe irgendwann sterbenskrank umfallen Richtung Tal. Baumpfleger Andreas Dippel schätzt unter seinem berufstypischen Helm die Höhe der Buche ab, zusammen mit Uwe Hüppe. „30 Meter ungefähr“, meint der Förster. „Je nachdem, wie trocken das Holz ist, hat der ein Gewicht von fünf bis acht Tonnen“, fügt Dippel hinzu.

Daten werden auf einer Liste eingetragen, die jeden einzelnen Baum verzeichnet: seine Lage, seinen Zustand, seinen Wert als Biotop für kleine und kleinste seltene Pflanzen und Tiere oder die mögliche Methode, die bei den Arbeiten demnächst zum Einsatz kommt: Hubsteiger? Seiltechnik mit Kletterern? Oder reißt man den Baum lieber um? Wird ein verbleibender Stammrest im Erdboden verankert, damit er nicht doch irgendwann den Steilhang hinunter rollt, wenn er umfällt?

Tod im Edersee-Buchenwald bringt andererseits artenreiches Leben

Der Aufwand hat seinen Grund. Kaum jemand weiß das besser als Anna Maria Pohl, die für die Obere Naturschutzbehörde der Fachgruppe angehört. „Viele nationale und europäische Schutzvorschriften gelten bereits für diese Gebiete an der Randstraße“, sagt sie. Nicht von ungefähr sind diese Bereiche am Edersee für die Erweiterung des Nationalparks vorgesehen. Die Expertin kniet vor einem zerfallenden Baumstamm, aus dem an mehreren Stellen Gebilde heraus ragen, die an Korallen erinnern. „Ein seltener Urwaldpilz, ein Ästiger Stachelbart“, erläutert Achim Frede.

Anna Maria Pohl sieht sich mit Pressesprecher Marco Lingemann (HessenMobil Nordhessen) einen „Ästigen Stachelbart“ auf Totholz an. Dieser Pilz unten im Bild ist sehr selten und kommt nur in urwald ähnlichen Lebensräumen vor.

Nahe bei stehen Buchen in einem Alter von bis zu 300 Jahren. An einem extrem trockenen Standort mit hoher Sonneneinstrahlung von teils mehr als 60 Grad Celsius. „Bei 500 Millimetern Jahresniederschlag kommt die Buche auf Dauer an ihre existenziellen Grenzen“, fügt der Biologe hinzu. Infolge des Klimawandels, auf den 13 Monate Trockenheit am Stück hindeuten, nehmen vielleicht bald andere Baumarten die Stelle der Buche ein.

Geschieht das auf dem Weg des natürlichen Verfalls, stellt sich auf den Flächen aber eine große Artenvielfalt ein. „Alte Bäume und Baumbestände beherbergen vielerlei seltene Spezialisten wie Urwaldkäfer und -pilze“, unterstreicht Frede. Die Fachleute besprechen deshalb, was mit abgeschnittenem Holz geschieht, wenn man schon Hand anlegen muss. „Es wird nicht ausgeräumt, sondern bleibt im Wald“, erklärt Anna Maria Pohl.

Baum-Experten haben auch Edersee-Tourismus im Blick

Darüber hinaus spielen ästhetische Aspekte bei der Pflege mit Blick auf den Tourismus eine Rolle. „Es soll von unten ja trotz allem vernünftig aussehen“, sagt Andreas Dippel. Ob es um die Gestalt eines verbleibenden Baumstumpfes geht oder darum, wo im Hang eine gekappte Krone auch optisch ansprechend platziert wird.

ZUSAMMENFASSUNG

– Ein siebenköpfiges Expertenteam untersucht an zehn Kilometern Edersee-Randstraße einzeln die sterbenskranken Buchen und geschädigte Bäume anderer Arten

– Für jeden begutachteten Baum wird ein Pflegeplan erstellt, der  vom Beschneiden der Krone  bis zum kompletten Fällen reichen kann

– Das Team versucht, so viel wie möglich von jedem einzelnen Baum stehen zu lassen, da die untersuchten Edersee-Steilhänge hohen ökologischen Wert haben und gesetzlich geschützt sind

– Es handelt sich um Urwald-Zonen und Bestandteile der Flächen, um die der Nationalpark Kellerwald-Edersee erweitert werden soll

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