Sachsenhäuser Fotografin sieht Ethnien in Südamerika durch Corona besonders gefährdet

Die fast vergessenen Menschen: Katie Mähler macht auf Indigene in Brasilien aufmerksam

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Verbrannte Erde: Indigene der Huni Kuin hat Katie Mähler im vergangenen Jahr auf ihrer verbrannten Erde im Bundesstaat Acre in Brasilien fotografiert. Immer wieder brennt der Regenwald, die Lebensgrundlage für Indigene geht damit verloren. 

Sie leben mitunter Stunden von der nächsten Stadt entfernt, nur schwer erreichbar mit Flugzeug und Boot, und dennoch werden viele brasilianische Indigene krank: Illegal arbeitende Holzfäller und Jäger seien es beispielsweise, die Corona einschleppen, sagt Katie Mähler.

Die Sachsenhäuser Fotografin dokumentiert seit Jahren immer wieder das Leben der Indigenen und kritisiert jetzt, dass sie in der Coronakrise von der Regierung allein gelassen würden. 

1,7 Millionen Menschen in Brasilien sind laut aktueller Zahlen mit Corona infiziert, nur in den USA gibt es mehr Fälle. Täglich wird in westlichen Medien über Corona in dem südamerikanischen Land und vor allem über Präsident Jair Bolsonaro berichtet, der das Virus immer wieder kleinredet, doch dabei komme eines immer zu kurz, findet Mähler: Die Betroffenheit der Indigenen.

Ihr Immunsystem sei ganz anders ausgebildet, viele Antikörper, die wir hätten, würden fehlen, Zugang zu Gesundheitsversorgung gebe es nicht, kritisiert die 34-Jährige. Sie vermutet, dass die Zahl der Infizierten und Gestorbenen deutlich höher ist als offiziell angegeben, denn wer sehr entlegen lebe, beerdige seine Toten einfach und niemand bekomme davon etwas mit.

Porträt: Fotografin Katie Mähler.

Als Corona immer mehr zum Thema wurde in Brasilien, seien Gebiete und Reservate der Indigenen abgeriegelt worden. Angeblich, um die Bevölkerung dort zu schützen, wie die Fotografin sagt. Aber Kontrollen gebe es nicht, nicht nur illegale Holzfäller seien dort nach wie vor unterwegs. Und: „Nach der Abriegelung hat sich niemand um die Menschen gekümmert, sie werden komplett allein gelassen.“ Erst in dieser Woche hat Bolsonaro sein Veto eingelegt bei einem geplanten Hilfspaket. Einmal seien kürzlich Masken und Lebensmittel geliefert worden, doch das sei ein Tropfen auf den heißen Stein gewesen, sagt Katie Mähler. Der Rassismus in der Regierung sei gigantisch.

Leben und Leiden der Indigenen in Brasilien

Täglich hätten sie und ihr Mann, ein gebürtiger Brasilianer, Kontakt zu indigenen Freunden und Bekannten. Sie wissen: Viele haben die Hoffnung aufgegeben, dass Hilfe von der Regierung kommt. Deshalb zieht die Fotografin, die in Berlin und São Paulo lebt, derzeit eine Spendenaktion auf. Sie will mit einer Bloggerin auf die Situation aufmerksam machen, Geld sammeln und das direkt investieren in Lebensmittel und medizinische Hilfsgüter. In den nächsten Wochen soll das Projekt stehen.

Eigentlich wollte das Paar längst schon selbst wieder in Brasilien sein, doch derzeit sei das nicht möglich. Deshalb will sie jetzt von hier aus „Sichtbarkeit schaffen“, wie sie sagt. Die Indigenen und ihre Zwangslage in den Fokus rücken. Unter der Rodung und Bränden im Regenwald beispielsweise würden die Menschen im Amazonasgebiet schon lange leiden. „Der Regenwald ist ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlage.“ Doch Corona habe alles noch einmal potenziert. „Es könnte nicht schlimmer sein“.

Für die Sachsenhäuserin eine unerträgliche Situation, denn Brasilien ist längst ihre zweite Heimat geworden, „mein Herz ist dort“, sagt sie. 2016 war sie erstmals da, blieb ein halbes Jahr und fotografierte verschiedene Ethnien in verschiedenen Regionen, ermöglicht durch ihre Großeltern in Sachsenhausen. „Das hat mein komplettes Leben verändert.“

Aus den Fotos entstanden ihre Abschlussarbeit für die Ostkreuzschule für Fotografie und Gestaltung in Berlin, ein Buch und eine Ausstellung in Brasilien – und eine unverbrüchliche Liebe zu dem Land in Südamerika. Mehr Infos über die Fotografin gibt es auf ihrer Internetseite.

Indigene in Brasilien

Rund 900 000 Indigene in 305 Ethnien leben in Brasilien. Dies sei jedoch nur eine grobe Schätzung, sagt Katie Mähler. Denn: Viele würden sich nicht als indigen bezeichnen oder es auch gar nicht wissen. Zudem seien viele nicht registriert. Laut APIB (Stimme der Indigenen Völker Brasiliens) sind derzeit fast 13 000 Indigene mit Corona infiziert, über 450 sind gestorben.

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