Betriebsgenehmigung für weiteres Jahrzehnt verlängert

Gelebte Geschichte: 60 Jahre Waldecker Bergbahn am Edersee

Sie führen die Tradition fort (oben): Robert (links) und Raimond Fingerhut in der Bergstation der seit Sonntag 60 Jahre alten Waldecker Seilbahn. (Bild rechts unten) Heinz Fingerhut (links) und Jürgen Rischard demonstrieren Handgriffe, die beim Betrieb fällig werden. Das
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Sie führen die Tradition fort: Robert (links) und Raimond Fingerhut in der Bergstation der seit Sonntag 60 Jahre alten Waldecker Seilbahn.

Um Pläne für eine neue Seilbahn am Edersee tobt Streit. Dabei darf die 60 Jahre alte Waldecker Bergbahn mindestens zehn weitere Jahre fahren, und ohne ihre Demontage gibt´s keine neue.

  • Die bestehende Waldecker Bergbahn am Edersee ist am Sonntag 60 Jahre alt geworden und hat zugleich die Betriebsgenehmigung vom Regierungspräsidium Kassel für weitere zehn Jahre erhalten.
  • Ohne den Abbau der Waldecker Bergbahn am Edersee ist der heiß diskutierte Bau einer neuen Seilbahn am Edersee nicht genehmigungsfähig, besagt die Verordnung der hessischen Landesregierung für den Nationalpark Kellerwald-Edersee
  • Die Waldecker Bergbahn am Edersee punktet bei ihren Fahrgästen mit ihrem nostalgischen Charme und ihrer Geschichte, die sie mit der Seilbahn auf den Zuckerhut von Rio de Janeiro verbindet.

Das bestimmt die Verordnung der Landesregierung für den Nationalpark Kellerwald-Edersee. In ihm liegt die bestehende Bahn am Waldecker Schlossberg, wo auch die neue auf veränderter Trasse laut Initiatoren verkehren soll

.„Fährt die Bahn nach Korbach?“, fragte die Dame mit einem Lächeln. „Nein – aber nach Kassel-Wilhelmshöhe“, scherzte Heinz Fingerhut zurück, als er die Touristin in eine der kleinen Gondeln einsteigen ließ. Gerne erinnert er sich an kleine Begegnungen wie diese, die für ihn die Arbeit an und mit der Waldecker Bergbahn am Edersee ausmachen. Sie wurde am Sonntag 60 Jahre alt und stellt ein „ganz besonderes Stück deutscher Seilbahngeschichte“ dar. So formulierte es der Fotograf und Seilbahnkenner Felix Gross nach seinem Besuch Anfang 2020.

Etwa 100 000 Gäste fahren jährlich mit der Waldecker Bergbahn am Edersee

Seit 1975 ist Heinz Fingerhut Teil dieser Historie. Raimond und Robert Fingerhut haben sich von der Zuneigung des Vaters zur Anlage mit ihren 28 Gondeln anstecken lassen. Vieles läuft noch im Handbetrieb, wie das Freigeben der Kabinen für die Strecke. Gemeinsam mit Betreiber Jürgen Rischard ermöglichen die Fingerhuts etwa 100 000 Gästen jährlich am Edersee das nostalgische Seilbahn-Erlebnis.

„Das möchten wir auch in Zukunft“, sagt Raimond Fingerhut und berichtet von der beständigen Wartung der Waldecker Bergbahn. „Diese Jahr wurden die Stützen repariert und erneuert von einer Firma, die das auch schon seit zehn Jahren tut und die Seilbahn gut kennt.“ Rund 30 000 Euro kostete das: ein durchaus normaler Aufwand, auf ein Jahr gerechnet, fügt Jürgen Rischard hinzu, Betreiber der Waldecker Bergbahn am Edersee: „Im fünfstelligen Bereich liegen wir eigentlich immer.“

Regierungspräsidium Kassel verlängert Genehmigung für 60 Jahre alte Seilbahn am Edersee um zehn Jahre

Belohnt wurde das Team der Seilbahn am Edersee für sein Engagement vor kurzem durch die Verlängerung der Betriebsgenehmigung um weitere zehn Jahre. Zuständig dafür ist das Regierungspräsidium Kassel.

„Wir machen uns parallel natürlich Gedanken um Modernisierungen“, sagt Jürgen Rischard. Speziell mit Blick auf Gäste, die im Rollstuhl die Seilbahn am Edersee gerne nutzen würden. Man könnte Gondeln für diesen Zweck umbauen. So, wie sich auch der Fahrradtransport ausweiten ließe, dem aktuell zwei der Kabinen dienen. Vier Räder passen jeweils hinein. „Das wird auch gut genutzt“, sagt Rischard.

Neue Beteiligungs- und Betriebsform für 60 Jahre alte Waldecker Bergbahn am Edersee gesucht

Diese und weitere Änderungen erfordern allerdings zusätzliche Investitionen in die Waldecker Bergbahn am Edersee. Deshalb wäre es aus Rischards Sicht gut, wenn sich eine neue Beteilungs- und Betriebsform für die Seilbahn finden ließe, die den finanziellen Aufwand auf mehr Schultern verteilen würde, um die Bahn für die Zukunft zu rüsten.

Heinz Fingerhut (links) und Jürgen Rischard demonstrieren Handgriffe, die beim Betrieb fällig werden.

Gerade mit ihrer Geschichte bietet die Waldecker Bergbahn nicht nur aus Sicht ihres Betreibers ein besonderes und unverwechselbares Erlebnis, das zum geschichtsträchtigen Schloss Waldeck am Edersee passt. „Das bestätigen uns auch die Fahrgäste immer wieder und sagen: Ändern Sie das bloß nicht“, berichtet Heinz Fingerhut.

Waldecker Seilbahn am Edersee führt über 650 Meter Länge und 100 Meter Höhenunterschied

Die Waldecker Bergbahn am Edersee ist die letzte Seilbahn, die von der Firma Pohlig (Köln) hergestellt wurde. 1960 hatte Betreiber Adolph Wickmann das Projekt unterhalb des Schlosses Waldeck in Angriff genommen und lud am 29. März 1961 lokale Prominente, darunter den Waldecker Ehrenbürger Dr. Mauser, zur Jungfernfahrt ein; über 650 Meter Länge bei 100 Metern Höhenunterschied.

An den Automodellen zu erkennen: die Talstation in der Jugendzeit der Waldecker Bergbahn am Edersee

1962 fusionierte die Herstellerfirma Pohlig mit den beiden anderen deutschen Seilbahn-Produzenten Heckel und Bleichert. Zu dem Zeitpunkt musste Wickmann in Waldeck am Edersee wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten schon wieder die Segel streichen. Sein Betriebsleiter Karl Rischard, Vater von Jürgen Rischard, übernahm die Waldecker Bergbahn am Edersee. Seine Arbeit stand am Beginn der Tradition, die sein Sohn bis heute fortführt.

Waldeck am Edersee mit dem Zuckerhut von Rio de Janeiro historisch verbunden

Eine Tradition, die untrennbar mit dem Namen Pohlig verbunden ist. 1873 von Julius Pohlig gegründet, fertigte das Unternehmen zunächst Seilbahnen zum Transport von Material, ähnlich, wie sie beim Bau der Eder-Sperrmauer bis 1914 zum Einsatz kamen. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts baute Pohlig seine ersten Personen-Bergbahnen. Das berühmteste Projekt: die erste Seilbahn für Personen 1912 auf den Zuckerhut von Rio de Janeiro. Monteure überholten sie 1960, bevor sie quasi direkt von Brasilien zum Bau der Waldecker Bergbahn nach Europa an den Edersee kamen, erzählt Jürgen Rischard. Die Zuckerhut-Seilbahn wurde Mitte der 1970er- Jahre dann durch eine neue ersetzt.

Neben Sesselliften in Bayern sind heute noch drei Seilbahnen von Pohlig in Deutschland in Betrieb, darunter die Waldecker Bergbahn am Edersee. Die übrigen beiden Anlagen sind ebenfalls vielen Touristen ein Begriff. Die eine – mit offenen Gondeln – führt durch den Dortmunder Westfalenpark. Die zweite verläuft in Sichtweite des Kölner Doms über die Deutzer Rheinbrücke und wird weiterhin gerne genutzt. (Matthias Schuldt)

Seit Monaten wird am Edersee heftig über die Pläne für eine neue Seilbahn gestritten.

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