Einmarsch der Sowjets des Warschauer Paktes vor 50 Jahren

Gerhard Klink erlebt als  Diplomat den Untergang des „Prager Frühlings“ mit

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Sowjetische Panzer in der Prager Innenstadt: In der Nacht auf den 21. August 1968 marschierten Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei ein, um die Reformkommunisten zu beseitigen. Gerhard Klink erlebte die Militäraktion mit.

Sachsenhausen. Vor 50 Jahren haben Truppen des Warschauer Pakts den „Prager Frühling“ zerschlagen. Der heute in Sachsenhausen lebende  Gerhard Klink erlebte als westdeutscher Diplomat den Einmarsch der Sowjets in Prag mit.

Der Wenzelsplatz im Herzen Prags. „Da spielte sich alles ab“, sagt Gerhard Klink. Der 97-Jährige sitzt in seinem hellen Zimmer im DRK-Seniorenheim in Sachsenhausen. Sein langes Diplomatenleben führte ihn nach Japan, Madagaskar, Portugal und Ghana. Die Station in der Tschechoslowakei ließ ihn 1968 zum Zeitzeugen für ein Ereignis werden, das Weltgeschichte schrieb.

Er erinnert sich an die Tage vor 50 Jahren, als die Welt auf die Hauptstadt der Tschechoslowakei blickte. 

An die Tage, in denen die Idee eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ unter Panzerketten zerrieben wurde. 

An die Tage, als Truppen des Warschauer Paktes in ihr „sozialistisches Bruderland“ einmarschierten und den „Prager Frühling“ des Reformkommunisten Alexander Dubcek zerschlugen. 

Und Gerhard Klink war als Diplomat der noch jungen Bundesrepublik mitten drin im historischen Geschehen.

Hochzeit des Kalten Krieges

Es war die Hochzeit des Kalten Krieges zwischen den Demokratien des Westens und den Diktaturen im Osten. Es war die Hochzeit des ideologischen Gegensatzes zwischen dem - noch gezähmten - Kapitalismus im Westen und dem, was die Machthaber im Osten als Kommunismus zu verkaufen versuchten. Beide Blöcke standen sich waffenstarrend gegenüber. 

Um so spannender wurde die Lage, als die Tschechoslowakei 1968 aus dem ideologisch starren Ostblock ausscherte: Im Januar war Alexander Dubcek Chef der Kommunistischen Partei geworden, er stieß eine Reihe von Reformen an und hob die Zensur auf, der „Prager Frühling“ brachte ungeahnte Freiheiten. 

Die 68er-Bewegung

Diesen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ sahen auch im Westen viele als gangbaren „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Kommunismus. In vielen westlichen Ländern lösten damals demonstrierende Studenten, liberale Geister und aufmüpfige Jugendliche einen bis heute nachwirkenden gesellschaftlichen Umbruch aus, verknöcherte Strukturen zerbrachen, viele entdeckten erst die bürgerlichen Freiheiten, die ihnen die Demokratie garantierte. 

Eine neue Frauenbewegung entstand, die sozialliberale Koalition in Bonn verabschiedete in den 1970er Jahren zahlreiche Reformen. Als 68er-Bewegung sind die damaligen Aktivisten in die Geschichte eingegangen.

Auch in der DDR gab es 1968 zaghafte Forderungen nach mehr Freiheit, wie der Historiker und Zeitzeuge Stefan Wolle herausgearbeitet hat. Doch weltweit Aufmerksamkeit erregte der „Prager Frühling“.

Anderen Machthabern im Ostblock war die Entwicklung in der Tschechoslowakei  und in ihren Ländern nicht geheuer, Freiheiten für ein selbstbewusstes Volk bedrohten die Vorherrschaft ihrer erstarrten Ideologie und ihrer auf Unterwerfung ausgerichteten Diktaturen. Sie drängten im "Warschauer Pakt" auf ein Ende des Experiments. 

Noch keine Botschaften

Die Bundesrepublik hatte in den 1960er Jahren noch kaum eigene Botschaften hinter dem „Eisernen Vorhang“, wie der britische Premier Winston Churchill die Trennlinie längs durch Europa genannt hatte.  Mit vielen "kommunistischen" Staaten gab es noch keine offiziellen diplomatischen Beziehungen. Dies hing auch mit dem Streit zusammen, welcher der beiden deutschen Staaten "Deutschland" vertreten durfte. Nur die Bundesrepublik, erklärte die Regierung in Bonn. Der Ostblock stand fest an der Seite der DDR. 

Erst 1973 nahm die Bundesrepublik im Zuge der Entspannungspolitik diplomatische Beziehungen mit Prag auf.

1968 unterhielt das Auswärtige Amt in Bonn in der Stadt nur eine Handelsniederlassung, die im Hotel "Jalta" am Wenzelsplatz  untergebracht war, einem Nachkriegsbau im sozialistischen Stil. Sechs westdeutsche Diplomaten versahen dort ihren Dienst. Klink traf im April 1968 in Prag ein. „In meinem Schafzimmer war auch mein Büro“, berichtet er. Seine Akten lagerte er im Schrank.

„In der Hauptsache machte ich Kultur“, berichtet er. Er besuchte Kunstausstellungen und Konzerte und erlebte die lebendige Kulturszene, die gerade im „Prager Frühling“ aufblühte. In Prag herrschte Aufbruchstimmung. Doch die endete jäh.

Der Einmarsch

Die Nacht auf den 21. August 1968 wurde für Gerhard Klink kurz. Er hatte sich in sein Zimmer im Hotel zurückgezogen.  Klink lag schon im Bett, als sich der Wenzelsplatz vorm Haus mit Demonstranten füllte. „Swoboda“ riefen sie: Freiheit. 

Der damals 47-jährige bekam schnell mit, was passiert war und was im Rundfunk des Landes gerade durchgegeben wurde: Eine halbe Million Soldaten aus der Sowjetunion, Polen, Ungarn und Bulgarien waren einmarschiert, um Dubcek zu stürzen und das Land wieder auf Linie zu bringen. 

Die sowjetische Nachrichtenagentur Tass gab später die Meldung heraus, das „tschechoslowakische Brudervolk“ habe „die verbündeten Staaten dringend um Hilfe“ gebeten. Nur hatte das Volk niemand gefragt: Linientreue Parteikader in Prag putschen im Bunde mit ihren Ostblock-Brüdern im Geiste gegen Dubcek.

Sowjetische Soldaten im August 1968 in der Prager Innenstadt.

Innerhalb weniger Stunden besetzten die Truppen alle strategisch wichtigen Positionen des Landes. „Die tschechoslowakischen Truppen blieben in ihren Kasernen“, berichtet Klink. 

Dubcek wusste, dass er keine Chance gegen die Übermacht seiner "Brüdervölker" hatte, er rief über den Rundfunk auf, keinen Widerstand zu leisten. Er wurde verhaftet und verschwand von der Bildfläche. 

Frankenberger beobachten Aufmarsch

Die NATO beobachtete den Einmarsch aufmerksam, unternahm aber nichts. Eine wichtige Rolle spielten die Aufklärer des Fernmelde-Bataillons in der Frankenberger  Burgwald-Kaserne: Die Fachleute mit ihrem Spezialgerät verfolgten auf ihren Lauschposten gen Osten schon den Truppenaufmarsch in der DDR, sie stellten fest, dass sich Nationale Volksarmee der DDR und sowjetische Truppen der tschechoslowakischen Grenze näherten. Die Lageberichte der Soldaten fanden auch bei der Bundesregierung in Bonn Aufmerksamkeit. 

Doch die westdeutschen Diplomaten in Prag tappten völlig im Dunklen. Sie wurden vom Einmarsch überrascht. „Es kam für uns aus heiterem Himmel“, berichtet Klink. Angst habe er zwar keine gehabt, aber bange Fragen kamen schon auf: Wie würden die Sowjets die westlichen Diplomaten in der Stadt behandeln? Wie würden neue Machthaber in Prag ihre Beziehungen zum Westen ausrichten? 

Akten im Hotel vernichtet

Doch erst einmal gab es Dringlicheres: Die Diplomaten befürchteten, ihre Vertretung im Hotel werde durchsucht. So machte sich Klink daran, schleunigst Akten zu vernichten, gerade Bewerbungen von Tschechoslowaken. „Ich habe die ganze Nacht den Schredder bedient.“ 

Noch blieben die Demonstranten unter sich. Erst gegen Morgen seien die ersten sowjetischen Panzer auf den mit Menschen gefüllten Wenzelsplatz gerollt. „Ich habe nur Russen gesehen,“ berichtet Klink. „Sie haben sich ganz korrekt verhalten, auch uns gegenüber. Es gab keine Schießereien.“

Widerstand im Land

Doch landesweit gab es Widerstand, Straßenschilder wurden verdreht oder abgebaut, um die fremden Truppen zu verwirren, Bahner verstellten Weichen, Truppentransporte rollten dadurch auf Abstellgleise. Demonstranten errichteten in Straßen Barrikaden, Panzer walzten Autos und Straßenbahnen nieder. Auch Klink fotografierte solche Szenen in Prag. Und es wurde auch geschossen. 71 Tschechoslowaken und 50 Soldaten kamen beim Einmarsch ums Leben. 

Die Demonstranten auf dem Wenzelsplatz hätten immer wieder „Freiheit“ gerufen, beschreibt Klink. Sie hätten begonnen mit den Sowjet-Soldaten zu diskutieren: „Was wollt ihr hier? Was macht ihr hier?“ Viele hätten ja Russisch in der Schule gelernt. Demonstranten kletterten auf Panzer und redeten auf die Besatzungen ein. 

Aber: „Es blieb ruhig“, sagt Klink. Keine Schüsse auf dem Platz. 

Handelsvertretung bleibt unbehelligt

Auch die westdeutsche Handelsvertretung blieb unbehelligt. „Keiner kam zu uns. Wir wurden in Ruhe gelassen und nicht einmal verhört. Das war erstaunlich,“ berichtet er. „In Bonn hatte man uns schon abgeschrieben“ – die Kollegen dachten, alle seien verhaftet und abtransportiert worden. Die Grenzen waren zwar vorerst dicht, aber es gelang den Diplomaten zu telefonieren. Sie gaben nach Bonn durch, was sie sahen. 

Am nächsten Tag seien statt der Demonstranten nur noch sowjetische Soldaten auf dem Platz gewesen, berichtet Klink. „Sie waren hungrig und durstig, aber keiner gab ihnen Wasser.“ Sie hätten sich in den nächsten Tagen schnell wieder in ihre Kasernen zurückgezogen, die Macht übte die neue, linientreue  Regierung aus. Tausende Intellektuelle flohen in den Westen. 

Respekt vor Diplomaten 

Er habe sich in der Stadt frei bewegen und auch fotografieren dürfen, sagt Klink. Bei Autofahrten hätten die Kontrollposten das Schild „CD“ für „Corps Diplomatique“ immer respektiert – da habe er bei der „Nelkenrevolution“ 1977 in Portugal anderes erlebt. 

DDR-Truppen blieben beim Einmarsch 1968 zwar an der Grenze stehen, dennoch waren sie an der Militäraktion beteiligt. Dies habe bei bei vielen in der Tschechoslowakei Erinnerungen an den Einmarsch von Adolf Hitlers Truppen 1938 hervorgerufen, sagte Klink - damals war das Land zerschlagen worden, die Einwohner wurden brutal  unterdrückt, was nach 1945 zu zahlreichen Racheakten an den Sudetendeutschen und zu ihrer Vertreibung führte. „Die Ostdeutschen waren bei den Tschechoslowaken verhasst“, erklärt Kling. „Das waren für sie die Okkupanten.“

Die Tschechoslowaken passten sich relativ schnell den neuen Gegebenheiten an. Kritik gab es nur noch versteckt. Klink beteiligte sich daran. So bestellte er im Restaurant statt „Russischer Eier“ als Vorspeise nur „Okkupanteneier“. Die Bedienung verstand ihn nur zu gut.

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