Wegen Überfüllung die Hälfte abgeseilt

Kirmes vor 70 Jahren: 90-jähriger Dehringhäuser erzählt aus alten Zeiten

Kirmes in Dehringhausen: Die Kirmesburschen und -mädchen feiern am Wochenende „70 Jahre Kirmes“. Sitzend mit dabei: Heinrich Plutz; einziger noch lebender Kirmesbursche der ersten Stunde. Foto: Brand/pr

Waldeck-Dehringhausen – Vor 70 Jahren wurde in Dehringhausen die erste Kirmes nach Kriegsende gefeiert.

Heinrich Plutz hatte das Volksfest in 1949 gemeinsam mit vier Kameraden wieder belebt. Anlässlich der Kirmes am kommenden Wochenende erinnert sich der 90-Jährige an alte Zeiten; seine vier Mitstreiter sind bereits verstorben.

Fünf junge Burschen im Alter von 20 bis 24 Jahren tatten sich 1949 zusammen: Heinz Berghöfer, Heinrich Rohde, Heinrich Fisseler, Johann Schlesinger und Heinrich Plutz. Mit Tipps von Fritz Berghöfer, der im Kirmesteam vor Ausbruch des Kriegs aktiv war, machten sich die jungen Landwirte ans Werk.

„Wir sind zum Bürgermeister, haben das Fest angemeldet, und gleich eine Verlängerung bis 2 Uhr gewünscht.“ Gefeiert wurde im Saal der Gastwirtschaft Finke. Eine vierköpfige Band aus Canstein spielte Tanzmusik. „Da gab’s alles“, sagt Plutz, „Tango, Foxtrott oder Schieber“.

Im Saal waren rundum Sitzbänke aufgestellt, darauf saßen meist die Mädchen. Wenn die Kapelle zum Tanz aufspielte, suchten sich die jungen Burschen eine Partnerin. „Da gab’s auch Mädchen, die sitzen blieben – es war dann Aufgabe für uns Kirmesburschen, sie zum Tanz zu holen.“ Die Tanzfläche war immer voll. Wenn sie überfüllt war, wurde ein Seil durch den Saal gezogen, und die eine Hälfte der Besucher musste hinaus und kam später wieder herein. „Das ging aber nur zwei Jahre – danach hat sich das keiner mehr gefallen lassen.“ Es hatte aber auch Vorteile, sagt Plutz lächelnd. „Man kam sich näher mit der Tanzpartnerin.“ Im Saal wurden Getränke verkauft, Würstchen gab es in der Gastwirtschaft. Die Besucher kamen zu Fuß aus den Nachbarorten Freienhagen, Niederwaroldern, Oberwaroldern, Elleringhausen und vereinzelt aus Twiste.

Die Mitglieder der Kapelle übernachteten bei den Kirmesburschen und spielten am nächsten Morgen Ständchen. Besonders beliebt: Das Waldecker Lied und „Im schönsten Wiesengrunde“. Mit gemischten Gefühlen ging es zu den Häusern von Familien, die Angehörige im Krieg verloren hatten. Eine junge Frau, deren Verlobter in russischer Gefangenschaft war, wünschte sich: „Da steht ein Soldat am Wolgastrand.“ Plutz: „Das hat uns Kirmesburschen ziemlich ergriffen.“

Kirmes in Dehringhausen: Heinz Berghöfer und Heinrich Plutz (unten) mit der Kirmesfahne nach Ende des zweiten Weltkriegs; oben die aktuellen Kirmesburschen und -mädchen, die am Wochenende „70 Jahre Kirmes“ feiern. Sitzend mit dabei: Heinrich Plutz; einziger noch lebender Kirmesbursche der ersten Stunde. Foto: Brand/pr

Am Sonntag klang das Fest nach Umzug und Tanzabend aus. Ein Tischtuch mit Blumenschmuck diente als Kirmesfahne. „Das kriegten nach dem Umzug die Jungverheirateten im Dorf.“ 1957 heiratete Plutz und verließ das Kirmesteam. Andere rückten nach, führten das Volksfest weiter. In die Fußstapfen seines Großvaters ist Christoph Brand getreten. Der 28-Jährige ist seit zwölf Jahren aktiv. Gefeiert wird inzwischen in der Scheune des Landmaschinenhändlers Schütz, denn die Gastwirtschaft mit „Kirmessaal“ ist zu Mietwohnungen ausgebaut.

Dehringhäuser lernten Tanzen auf der Kuhkrippe

Der Kuhstall war früher Arbeitsmittelpunkt, aber auch gelegentlich ein Ort für Freizeitvergnügen. Während des zweiten Weltkriegs wurden Zuckerrüben angebaut, um „schwarzen Honig“ herzustellen. 

„Die Jugendlichen gingen damals von Haus zu Haus und haben sich gegenseitig geholfen“, erinnert sich Heinrich Plutz (90) an Jugendtage. Die Rüben wurden in der Bicke gewaschen, und nach dem Arbeitseinsatz holte einer der Freunde seine Ziehharmonika und spielte. „Die älteren Mädchen haben uns dann auf der Kuhkrippe das Tanzen gelernt“, sagt Plutz.

Scheunenkirmes mit Tanz und Freibier vom 20. bis 22. Juli in Dehringhausen

Die Kirmesburschen und -mädchen laden vom 20. bis 22. Juli zur Scheunenkirmes in die Straße An der Bicke ein. Zum Auftakt gibt es am Freitag um 18.30 Uhr einen Gottesdienst mit Pfarrer Kurt Heyer, anschließend gemütliches Beisammensein. Dazu wird Nackenbraten angeboten. 

Am Samstag ab 20 Uhr spielt die Band „Red“. Am Sonntag ist ab 7 Uhr Wecken mit der Kapelle, dann gibt es schon zu früher Morgenstunde ein Schnäpschen an den Haustüren. Um 11 Uhr geht es weiter in der Scheune mit einem Frühschoppen, mittags gibt es Grillspezialitäten und ab 15 Uhr Kaffee und Kuchen. 

Am Montag ab 19.30 Uhr fließt Freibier, anschließend ist Spaß und Tanz angesagt zur Musik eines DJs.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare