Konsequenzen der hessenweiten Neuordnung der Holzvermarktung 

Der staatliche Förster als Mädchen für alles ist in Waldecker Wäldern bald Geschichte

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Naturschutz, Holzgewinnung und -vermarktung, Erholung, Tourismus: Diese und viele weitere Aufgaben erfüllten staatliche Förster über Jahrzehnte, gar Jahrhunderte aus einer Hand. Damit ist bald Schluss.

Waldeck-Frankenberg – Der staatliche Förster und sein Revier, das er als Mädchen für alles auf allen Ebenen hauptverantwortlich über Jahrzehnte in allen Facetten beobachtet, begleitet, prägt und entwickelt: Dieses dominierende Modell verschwindet aus dem hiesigen Wald.

Den Anlass dazu lieferte das Bundeskartellamt, weil es den zentralen Vertrieb des Holzes über alle Besitzverhältnisse hinweg durch Hessen-Forst in Hessen untersagte. Die Waldecker Domanialverwaltung gründet darum eine neue Vertriebsgesellschaft, um ab Herbst die Ernte von kommunalen Forstflächen selbst für die teilnehmenden Städte und Gemeinden zu verkaufen. Jüngster Zugang: die Gemeinde Edertal, deren Parlament einstimmig beschloss, sich an der neuen GmbH zu beteiligen. Doch der Vertrieb bildet nur die eine Seite der Medaille.

Die andere Seite besteht im „Beförstern“: vom Nachpflanzen und den dafür auszuwählenden Baumarten über die Organisation der Ernte, der Wegepflege, das Wahren der naturschutzrechtlichen Bestimmungen, das Fördern der Erholungsfunktionen des Waldes inklusive der Belange des Tourismus bis zur behördlichen Aufsicht.

Die Domanialverwaltung will auch diese Seite der Medaille bearbeiten. „Vermarktung und Beförsterung gehören in eine Hand“, meint Hendrik Block von der Forst-abteilung der Domanialverwaltung, designierter Geschäftsführer der neuen Vertriebsgesellschaft. Belasse man das Beförstern bei Hessen-Forst, würde es „Schnittstellen-Probleme“ geben, erwartet er: Reibungs- und Zeitverluste. Beispiel: An Ort und Stelle im Wald reklamiert ein Käufer die vom Vertrieb angegebenen Holzklassen einer Bestellmenge. Ein bei Hessen-Forst angestellter Förster wäre nicht mehr in den Vertrieb involviert und dürfte mit Blick aufs Kartellamt gar nicht mehr verhandeln.

Martin Küthe vom Umweltministerium, zuständig für Hessen-Forst, sieht das anders. „Das in Waldeck angestrebte Modell ist in Hessen bislang einzigartig“, sagt er. Durch die vom Kartellamt erzwungenen Änderungen werde es auf jeden Fall neue Schnittstellen geben. Erspart man sie sich zwischen Vertrieb und Beförsterung, „treten sie eine Ebene darüber auf“, erläutert er.

Denn Hessen-Forst bleibt staatliche Forstaufsichtsbehörde. Diese müsse kontrollieren, ob die privaten oder kommunalen Förster all ihre Aufgaben getreu Waldgesetz erfüllen. Küthe erwartet darum, dass bald möglicherweise mehr staatliche Förster in den Revieren zwecks Kontrolle unterwegs sind. Entdecken sie Fehler, streuen die sich daraus ergebenden Anordnungen ebenso Sand ins Getriebe eines Vertriebes.

„Zusammenarbeit zwischen staatlichen Förstern und nicht-staatlichem Vertrieb sind in anderen Bundesländern gang und gäbe. Dort funktioniert es ja auch“, betont Küthe.

Christian Raupach, Geschäftsführer des hessischen Waldbesitzerverbandes, verweist allerdings auf einen entscheidenden Unterschied: „In anderen Bundesländern gibt es nicht so viel Staatswald, dessen Holz Hessen-Forst ja weiter vermarktet.“ Kommunen und private Besitzer stehen mit ihren neuen Organisationen künftig im Konkurrenzverhältnis zu Hessen-Forst.

Die Vorbereitungen sind zwar weit gediehen, doch viele Fragen in Sachen Holzvermarktung noch ungeklärt – da stehen die heimischen Kommunen also vor der nächsten schwierigen Entscheidung: beim Beförstern weiterhin auf Hessen-Forst zu setzen oder ihm auch hier den Rücken zu kehren – dieses Mal freiwillig, ohne vom Kartellamt dazu gezwungen zu sein.

Noch viele Fragen offen zu neuer Holzvermarktung und den Folgen

Hendrik Block Designierter Geschäftsführer des neuen Holzvertriebs.

Hendrik Block, bald Geschäftsführer des neuen Holzvertriebs unter dem Dach der Domanialverwaltung, formuliert den Anspruch: für die kommunalen Waldbesitzer die Forstflächen in der derselben Qualität wie bisher, am Ende aber zu günstigeren Kosten mit allen Aspekten zu pflegen und das Holz zu besseren Preisen zu vermarkten. „Es ist uns bereits gelungen, höhere Preise zu erzielen als der Staat“, sagt er. 

Im Altkreis Waldeck bereitet ein Umstand allerdings vielen Beteiligten Kopfzerbrechen: der hohe Anteil an Privatwald mit vielen kleinen Eigentümern. Denn momentan verbietet die Hessische Gemeindeordnung eine Zusammenarbeit der neuen Vertriebs-GmbH der Domanialverwaltung mit Privaten. Ist deren Besitz kleiner als 100 Hektar, darf Hessen-Forst weiterhin für sie verkaufen. Liegt ihr Eigentum über der Grenze, müssen bisherige private Hessen-Forst-Kunden selbst neue Vermarktungsstrukturen aufbauen. Die Landesregierung will die Hessische Gemeindeordnung zwar ändern, um Kooperation zwischen Kommunen und Privaten zu erlauben, doch Hendrik Block ist skeptisch, ob das EU-Wettbewerbsrecht das überhaupt zulässt. Statt wie bisher im Wald in einer Hand gebündelt zu liegen, splitten sich durch den Eingriff des Kartellamts künftig Zuständigkeiten auf und das mit noch nicht abschätzbaren Folgen. 

Wie groß sind künftig die Reviere? Wie gut läuft die Abstimmung zwischen Hessen-Forst als Aufsichtsbehörde und den kommunal und privat angestellten Förstern? Wie viele Förster mit welchen Zuständigkeiten sind demnächst wo unterwegs? Entziehen alle heimischen Kommunen Hessen-Forst bald auch die Aufträge zum Beförstern? Was tun die Privaten? Wer behält den Gesamt-Überblick? Franz-Josef Göllner, Hessen-Förster im Ruhestand, ist als Edertaler Gemeindevertreter skeptisch. Er bezweifelt angesichts der vielen ungeklärten Fragen, dass der kommunale Wald in Zukunft tatsächlich in jeder Hinsicht bessere Ergebnisse hervorbringt als bisher, etwa beim Erlös. Einig sind sich vor diesem Hintergrund Umweltministerium, Waldbesitzerverband und Domanialverwaltung in einer Frage: Wie auch immer wollen sie einen möglichst hohen Anteil der bewährten Strukturen bewahren.

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