Schulweg führt über vielbefahrene Bundessstraße

Stadtteil von Waldeck am Edersee ringt um Ampel für Schulkinder

Mehr Sicherheit durch eine Fußgängerampel am Winterhagen verlangen Ortsbeirat, Schuleltern, Schulleitungen und Stadt Waldeck.
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Mehr Sicherheit durch eine Fußgängerampel am Winterhagen verlangen Ortsbeirat, Schuleltern, Schulleitungen und Stadt Waldeck.

Ortsbeirat, Schuleltern, Schulleitungen und die Stadt Waldeck beantragen für Sachsenhausen eine neue Fußgängerampel, um den Schulweg zu sichern. Doch der Landkreis zögert bisher.

  • Die Stadt Waldeck hat für ihren Stadtteil Sachsenhausen eine weitere Fußgängerampel an der Bundesstraße 485 beantragt
  • Durch den Umzug der Grundschule an die Mittelpunktschule Sachsenhausen führt der Schulweg von 60 Kindern künftig an besagter Stelle über die Bundesstraße 485
  • Der Landkreis verweist auf nötige Mindest-Verkehrszahlen zur Installation einer Ampel und hat eine Zählung anberaumt, doch Experten halten dieses Vorgehen und die Begründung dafür für falsch.

Sachsenhausen – „Die Sicherung des Fußgängers beim Überqueren der Fahrbahn ist eine der vornehmsten Aufgaben der Straßenverkehrsbehörden und der Polizei.“ Das besagt die für ganz Deutschland geltende Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung. Doch Sachsenhausen wartet seit dem Treffen mit Waldeck-Frankenbergs Landrat Dr. Reinhard Kubat im Februar vergeblich auf Grünes Licht aus dem Kreishaus für eine neue Fußgängerampel auf der Korbacher Straße in Höhe der Tankstelle. Dabei geht es um die Schwächsten unter den Fußgängern, um Kinder.

Die Stadt Waldeck am Edersee hat die Fußgängerampel auf Vorschlag des Ortsbeirates beantragt. Schulelternbeiräte dringen ebenso darauf wie die Sachsenhäuser Schulleitungen. Denn nach den Sommerferien beginnt der Unterricht im Neubau der Grundschule neben der Mittelpunktschule. Durch den Umzug der Grundschule verändert sich für Erst- bis Viertklässler in Sachsenhausen der Schulweg. Für viele von ihnen führt die kürzeste Route künftig an der Tankstelle über die belebte Bundesstraße, die Korbacher Straße. Reichlich Lastwagen sind dort unterwegs.

Landkreis Waldeck-Frankenberg hat eine Verkehrszählung anberaumt

Während der Landkreis Waldeck-Frankenberg direkt vorm Schulzentrum an Werbaer Straße und Gartenstraße Etliches plant, um Sicherheit zu gewährleisten, hat der Landrat für den aus Sicht der Sachsenhäuser heiklen Punkt an der Korbacher Straße eine Verkehrszählung anberaumt. Was das bedeutet, davon können Viele in Waldeck-Frankenberg ein Lied singen, die sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit ähnlichen Anliegen an die heimische Straßenverkehrsbehörde wandten.

Die Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Waldeck-Frankenberg argumentiert in solchen Fällen wieder und wieder, dass eine Mindestzahl an Fußgängern pro Stunde nötig sei, um eine Fußgängerampel installieren zu dürfen. Auf dem Lande ist der genannte Wert von 50 Fußgängern pro Stunde aber kaum zu erreichen. Die Behörde beruft sich auch im Fall von Sachsenhausen wieder auf diese Landesvorschriften. Das teilte sie am Montag mit, vier Wochen nach Eingang der Anfrage unserer Zeitung.

Verkehrsplaner: Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Waldeck-Frankenberg liegt falsch

Die Straßenverkehrsbehörde Waldeck-Frankenberg liegt falsch. So sieht es der Kasseler Ingenieur Andreas Schmitz ohne jeden Zweifel: „Es handelt sich lediglich um Empfehlungen und Hinweise. Sie lassen den Behörden vor Ort einen sehr großen Ermessensspielraum, die Mindestzahlen außer Acht zu lassen. Erst recht, wenn es um Sicherheit für besonders schutzbedürftige Verkehrsteilnehmer geht.“

Die Straßenverkehrsbehörde Waldeck-Frankenberg berufe sich auf eine hessische Richtlinie von 2002. Doch bereits ein Jahr später, 2003, habe das Land seine Empfehlungen lockerer gefasst und sie mit einer Öffnungsklausel versehen. „Gerade zum Zweck der Schulwegsicherung“, erklärt Schmitz. Er arbeitet aktuell mit seinem Kasseler Büro an einem Nahmobilitätskonzept für die Stadt Bad Wildungen, das gerade auch den Fußgängerverkehr stärken soll. Der Ingenieur leitet außerdem den Arbeitsausschuss Fußverkehr in der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrwesen. Die Gesellschaft erstellt als gemeinnütziger Verein das Technische Regelwerk für das gesamte Straßen- und Verkehrswesen in Deutschland.

Unfallforscher: Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Waldeck-Frankenberg vertritt veraltete Ansicht

Die Mindest-Verkehrszahlen für die Installation einer Ampel „basieren auf Untersuchungen der Bundesanstalt für Straßenwesen und tragen der Erkenntnis Rechnung, dass die Anlage von Fußgängerschutzanlagen bei zu geringen Fahrzeug- oder Fußgängerzahlen oftmals nur eine vermeintliche Sicherheit bietet“, schreibt die Verkehrsbehörde des Landkreises.

Doch diese Ansicht ist veraltet, macht auf Anfrage unserer Zeitung Siegfried Brockmann deutlich. Er ist Leiter der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft: „Ob Verkehrsinsel, Zebrastreifen oder Bedarfsampel: Alle diese Mittel erhöhen nachweislich die Sicherheit für Fußgänger – wenn sie modern angelegt und ausgestattet sind.“ Das bedeute zum Beispiel, die Fußgänger bei einer Drückampel nicht lange auf Grün warten zu lassen. Denn das verleite dazu, einfach bei Rot loszulaufen. „Morgens, wenn die Schüler auf ihrem Weg sind, kann es an so einer Ampel natürlich zu Rückstaus kommen“, räumt der Unfallforscher ein.

Verkehrsforschung: Attraktive, kurze Wege für Fußgänger anbieten

Aber – und das ist ein entscheidendes „Aber“: Seit einigen Jahren rangiere in der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung unmissverständlich eine neue Priorität. „Verkehrssicherheit geht vor dem Verkehrsfluss“, fasst Siegfried Brockmann die Vorgabe zusammen. Im Zuge einer grundsätzlich veränderten Verkehrspolitik muss sich der motorisierte Verkehr nach seiner Einschätzung darauf einstellen, gegenüber Fußgängern und Radfahrern im Zweifel benachteiligt zu werden.

Seit vielen Jahren werden die Regeln für Fußgängeranlagen auf Bundesebene überarbeitet. Wohin die Reise geht – nämlich weg vom altbackenen Vorrang für den motorisierten Verkehr – spiegelt sich in vielen wissenschaftlichen Aufsätzen des „Forschungsinformationssystems des Bundesverkehrsministeriums“ wider. Dort heißt es als Beispiel wörtlich: „Die Planung von Fußgängerverkehrsanlagen muss insbesondere auch die Umwegempfindlichkeit dieser Verkehrsteilnehmergruppe berücksichtigen und möglichst kurze und attraktive Wegeverbindungen anbieten.“

Stadtverordnetenversammlung von Waldeck am Edersee fordert Fußgängerampel für Sachsenhausen

Aus genau diesem Grund reicht den Sachsenhäusern die Fußgängerampel am Rathaus der Stadt Waldeck am Edersee nicht, da sie die betreffenden Kinder auf ihrem Schulweg zu einem großen Umweg zwingen würde. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Menschen in der Nahmobilität zu Fuß gehen, wenn man die richtigen Bedingungen schafft“, betont Andreas Schmitz. Eine Vorschrift, nach der Fußgängerampeln einen Mindestabstand zueinander aufweisen müssten, existiere nicht.

Alle Stadtverordnetenfraktionen der Stadt Waldeck am Edersee fordern in einem gemeinsamen offenen Brief an den Landrat vom 1. Juli, rasch die Umbauten für mehr Sicherheit am Schulzentrum zu verwirklichen. Und sie verlangen das Installieren einer Fußgänger-Bedarfsampel am Winterhagen (Tankstelle) auf der B 485.

Rund 60 Mädchen und Jungen aus Sicht der Stadt Waldeck am Edersee betroffen

Eine Verkehrszählung der Stadt habe im Mittel 400 Fahrzeugbewegungen an diesem Punkt pro Stunde ermittelt. Unabhängig von der Zahl der Fußgänger in der Stunde bei der anberaumten Zählung durch Hessen Mobil sei „eine Straßenquerung von Erstklässlerinnen und Erstklässlern, generell von Grundschülerinnen und Grundschülern, aber auch Schülerinnen und Schülern des Sekundarstufenzweiges der Mittelpunktschule ohne erhebliches Gefährdungspotenzial schlechthin unmöglich“, unterstreichen die Fraktionen mit einer Stimme.

Rund 60 Mädchen und Jungen aus den nördlichen Siedlungsgebieten müssten nach der Verlegung der Grundschule an die Mittelpunktschule die Bundesstraße auf ihrem Weg zur Schule überqueren. Das Schreiben verweist auf bestehende Ampeln im Kreis, bei deren Einrichtung die Mindestverkehrszahlen ebenfalls keine Rolle gespielt haben könnten.

Die Anfrage unserer Zeitung und die Antworten des Landkreises im Wortlaut

Die Fragen vom 7.6..2021

Wie steht der Landkreis zu dem Wunsch, auf der B485 in Höhe Tankstelle/Sommerhagen/Winterhagen eine zusätzliche Fußgängerampel zu installieren?

Sind die Verkehrszählungen bei den Fußgängern an dieser Stelle der ausschlaggebende Faktor für die Entscheidung des Landkreises darüber, ob eine solche Anlage errichtet wird?

Sind dem Landkreis aktuelle Einschätzungen aus dem vom Bundesverkehrsministerium mit der Fortschreibung der EFA befassten Arbeitskreises zu diesem Thema bekannt, die sich im Forschungsinformationssystem (FIS) des Bundesverkehrsministeriums in vielgestaltiger Weise finden?

Falls nein, warum beschäftigt sich der Landkreis nicht mit aktuellen Erkenntnissen zur künftigen Entwicklung des Fußgängerverkehrs?

Falls ja, wie steht der Landkreis zu den im FIS geschilderten Zielen, den Vorrang des MIV zu Gunsten kurzer Fußwege in Städten einzuschränken und dabei explizit Einrichtungen wie zum Beispiel Schulen in den Blick zu nehmen?

Hält es der Landkreis generell für einen falschen Ansatz, durch erhöhte Sicherheit bei Fahrbahnquerungen die Attraktivität von Fußwegen zu erhöhen, wie im FIS dargelegt?

Falls nicht, was tut der Landkreis dafür, mehr sichere, kurze Fußwege im Alltag zu ermöglichen und wie behandelt er dementsprechende Initiativen aus den Kommunen?

Antwort der Straßenverkehrsbehörde des Landkreises Waldeck-Frankenberg vom 4.7.2021:

Für die Beurteilung, ob eine Fußgängerschutzanlage notwendig ist, sind die Einsatz­kriterien für Maß­nahmen zum Schutz von Fußgängern (R-FGÜ 2001) maßgeblich, die mit Erlass des Hessischen Ministeriums für Wirt­schaft, Verkehr und Landesentwicklung vom 31.05.2002 festgelegt wurden. Nach diesen Einsatzkriterien ist die Einrichtung eines Fuß­gänger­überweges oder einer Fußgängerampel nur zulässig und sinnvoll, sofern die dort aufgeführten Verkehrs­mengen erreicht werden.

Zur Beurteilung der Verkehrssituation im Zuge der B485 in Sachsenhausen wurden deshalb bereits Verkehrs- und Fußgängerzählungen bei HessenMobil Straßen- und Verkehrsmanagement in Auftrag gegeben. Sobald die Ergebnisse dieser Erhebung vorliegen, wird die Angelegenheit mit den zuständigen Fachbehörden erneut erörtert.

Die Einsatzkriterien basieren auf Untersuchungen der Bundesanstalt für Straßenwesen und tragen der Erkenntnis Rechnung, dass die Anlage von Fußgängerschutzanlagen bei zu geringen Fahrzeug- oder Fußgängerzahlen oftmals nur eine vermeintliche Sicherheit bieten. Die sorglose Nutzung einer solchen Querungshilfe durch die Fußgänger bei gleichzeitig mangelnder Akzeptanz durch die Fahrzeugführenden kann zu Gefahrensituationen führen, die das Maß der Gefährdung ohne Fußgängerschutzeinrichtung weit übersteigen. Nach den amtlichen Hinweisen für das Anbringen von Verkehrs­zeichen und Verkehrseinrichtungen (HAV) ist bei der Anlage von Bevorrechtigungen für Fußgänger, ohne dass die verkehrlichen Voraussetzungen dafür erfüllt werden, damit zu rechnen, dass sogar eine Verringerung der Verkehrssicherheit eintritt und Unfälle entstehen, die zu Lasten der Fußgänger gehen.

Aufgrund dieser Erfahrungswerte und zur Sicherstellung einer Gleichbehandlung der Ortsdurchfahrten im Zuge klassifizierter Straßen erfolgen die Entscheidungen der Straßenverkehrsbehörde immer unter Berücksichtigung der genannten Einsatzkriterien. (Matthias Schuldt)

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