Diskussion in Gemeindevertretung

Club-Tourismus in Willingen: Kann Corona Spielregeln ändern?

Welche Gäste zieht Willingen an? Diese Frage wird gerade in der Krise verstärkt diskutiert.
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Welche Gäste zieht Willingen an? Diese Frage wird gerade in der Krise verstärkt diskutiert.

Die Corona-Krise setzt dem Willinger Tourismus zu. Ob sie auch eine Chance sein könnte, die Probleme des Club-Tourismus anzugehen, wurde im Parlament diskutiert.

Hohe Unzufriedenheit bei Gastgebern, Freizeitbetrieben und Bürgern, teils 70-prozentige Einbrüche in Hotellerie und Gastronomie: Gemeindevertreter Jörg Stremme (CDU) blickte in der Parlamentssitzung vergangene Woche auf die Gastgeberversammlung wegen der Corona-Krise zurück. Er fragte, was die Gemeinde zur Linderung der Probleme tun kann – regte aber auch an, die Krise nach Jahren des ausufernden Club-Tourismus als Chance zu begreifen: „Wir müssen uns mit einem schlüssigen Konzept für den Restart wappnen und die Spielregeln neu aufstellen.“ Auch, damit der vielfältige Tourismus-Ort nicht weiter auf das Thema Club-Tourismus reduziert werde.

„Es ist nicht möglich, einfach den Club- gegen den Sportgast zu tauschen“, erklärte Bürgermeister Thomas Trachte – der feiernde Besucher mit gutem Benehmen sei ja auch durchaus erwünscht. Das schlechte Verhalten anderer, konterte Stremme, hätten aber einen Verdrängungsprozess ausgelöst, der den Ort erwünschte Gäste koste, wie an einer seit Jahren unbefriedigenden ersten Ferienhälfte zu sehen sei: „Die Wahrnehmung ,Saufen und asozialer Club-Tourismus‘ hat sich eingeschlichen.“ Das Problem beginne am Ettelsberg, aber auch dort würden andere Zustände zurückersehnt. Schon wenn Busse mit Club-Touristen ankommen, müsste der Sicherheitsdienst Präsenz zeigen.

Eine wirkliche Veränderung im Publikum gelinge derweil nur, wenn Betriebe und Wirtschaft mitmachen, befand Thomas Trachte: „Was sie anbieten, wird gekauft.“ Die Gemeinde sei nicht in der Lage, einfach festlegen, wie es läuft: „Man muss das gemeinsam wollen.“

Jörg Stremme sagte derweil, dass eben jenen Betrieben Zugeständnisse gemacht worden seien: „Vielleicht muss man sie daran erinnern und nicht nur auf Gutmütigkeit hoffen.“ Da seien Kontrollen nötig, ob alles rechtmäßig laufe und vereinbarte Größenordnungen eingehalten werden.

Der Club-Tourismus ist in Willingen ein heiß diskutiertes Thema, woran auch Versuche wie eine an die Gäste gerichtete Kampagne nichts ändern.

Was tut die Gemeinde Willingen in der Corona-Krise?

Auch wenn er einen Aufwärtstrend sehe: Ein großer Teil des Wochenend-Tourismus fällt bis auf weiteres weg, auch die anderen Gäste buchen verhalten, berichtete Bürgermeister Thomas Trachte. Werbe-Mittel für das ganze Jahr sollen vorgezogen werden, um kurzfristig stärker aufzutreten – eine Reaktion auf die Gastgeberversammlung, bei der Forderungen nach mehr Werbung laut geworden waren.

„Wir müssen aber unheimlich aufpassen, nicht in Aktionismus zu verfallen“, sagte Trachte: Im Moment reagiere der Markt nicht wie gewohnt auf Werbung – und selbst eine erfolgreiche Kampagne der Gemeinde helfe dem einzelnen Betrieb nicht aus der Misere. „Wenn wir Kredite aufnehmen, um für 20 Tage gute Belegung zu sorgen: Was sagen uns dann die Politiker, die in fünf Jahren verantwortlich sind?“ Zudem: Für die üblichen 1,3 Millionen Übernachtungen sei die Werbung der Betriebe wichtiger als die der Gemeinde. Zusammen mit den Großveranstaltungen generiere sie einen zwei-, wenn nicht dreistelligen Werbewert.

Entscheidend für das Handeln der Gemeinde ist das Marketing-Konzept: Bei seiner Fortschreibung müsse die Frage beantwortet werden, welche Rolle die Gemeinde im Tourismus spielen soll. Sie selbst sehe ihre Rolle im Herstellen und Ermöglichen touristischer Infrastruktur, Werbung für das Reiseziel als ganzes, Pflege der touristischen Netzwerke der Region und Ermöglichung von Events. Wenn die Gemeinde direkter in den Verkauf von Zimmern involviert werden soll, gebe es Möglichkeiten, aber auch Grenzen.

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