1935 und heute im Vergleich

Foto verdeutlicht, wie sehr Willingen sich gewandelt hat

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Heute liegt der erhaltene Teil des Hofguts Neuhaus (unten links) mitten in Willingen.

Willingen. Auch manch Ortsbekannter wird einen Moment brauchen, um ein Willinger Foto aus dem Jahr 1935 richtig einzusortieren. Über die Entwicklung des Ortes sagt es viel aus.

Zwei Fotos reichen, um Willingens Geschichte zu verdeutlichen: Das erste zeigt den Gutshof Neuhaus, der 1852 als großer Komplex im Feld am Rande Willingens errichtet wurde und zu dem der Ort auch zum Zeitpunkt der Aufnahme 1935 noch nicht ganz aufgeschlossen hatte. Das zweite Foto zeigt den bis heute erhalten Gebäudeteil – mitten in der Tourismusmeile, umgeben von Wohnhäusern, Geschäften und Hotels. „Hier spiegelt sich die Entwicklung Willingens wieder“, sagt Wilhelm Saure senior, der 1935 im Gutshof geboren wurde.

Das Gebäude zeugt vom wirtschaftlichen Wandel: Errichtet hat es der Nagelschmied Heinrich Neuhaus. In Zeiten, in denen es in Willingen noch Eisenhütten gab, führte er einen großen Betrieb mit bis zu sieben Gesellen und brachte es zu einem gewissen Vermögen, schildert Wilhelm Saure. So gelang ihm beim Erlöschen der Eisenindustrie auch der Umstieg auf die Landwirtschaft. Später verzog Familie Neuhaus (Schmiddes) mit ihrem Betrieb ins Harzvorland, wo sie bessere Ernten erwartete.

Mit Ende der Eisenindustrie gewannen die Linnenkerle, die auf Reisen Stoffe verkauften, an Bedeutung. Einer von ihnen, der Kleinbauer und Handelsmann Wilhelm Saure (Keller), kaufte 1932 den Hof – der Großvater Wilhelm Saures. Er selbst hatte bloß vier Kühe und erwarb nur zehn Morgen des dazugehörigen Landes, also rund 25 000 Quadratmeter.

Das Hofgut Neuhaus in Willingen im Jahr 1935.

Ganz neue Bedeutung erlangte der Hof nach dem Krieg: Ab 1950 begann der Erholungsurlaub im Sommer neben dem Wintersport in Willingen Fuß zu fassen, erklärt Wilhelm Saure: „Unser Haus öffnete sich dem.“ Durch Aufstockung und Umbau wurde im Wohnhaus Platz für Gäste geschaffen, der Kuhstall wurde 1955 aus diesem in einen Neubau im Mittelteil des Komplexes verlagert. Durch das Aufkommen des Mähdruschs wurde die Scheune nicht mehr benötigt und 1966 durch einen Neubau mit Ladengeschäften und Wohnungen ersetzt. „Zu der Zeit gab es hier praktisch noch keinen Publikumsverkehr“, erklärt Wilhelm Saure. Der Hof wuchs mit Umbauten 1979 auf 35 Gästebetten, der Ort breitete sich aus. 1990 wurde die Landwirtschaft ausgelagert, an Stelle des Stalls entstand später ein Apartment-Hotel.

„Ich habe die Baulichkeiten der Entwicklung Willingens angepasst“, fasst Wilhelm Saure die Veränderungen zusammen. Nachdem er 70 Jahre im Gutshof gelebt und gearbeitet hat, bauten er und seine Frau 2005 neu – von seinem Geburtsort am früheren Ortsrand fast so weit entfernt wie das Viadukt am anderen Ende Willingens. Erhalten blieb das alte Wohnhaus, das komplett renoviert und verpachtet wurde – heute ist es ein Restaurant.

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