Schließung vor 50 Jahren

Jubiläum in Willingen: Schiefergrube Christine vor 150 Jahren eröffnet

Im Jahrhundert von Eröffnung bis Schließung der Grube Christine gab es viele Phasen, in denen Schiefer aus dem Berg geholt (oben links) und verarbeitet wurde (oben rechts). Die tiefen Stollen (unten links) dienten im Zweiten Weltkrieg als Schutz. Nach einer letzten Hochphase unternahmen die Bergleute 1971 die letzte Fahrt.
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Im Jahrhundert von Eröffnung bis Schließung der Grube Christine gab es viele Phasen, in denen Schiefer aus dem Berg geholt wurde.

Vor 150 Jahren wurde die Grube Christine in Willingen eröffnet, 100 Jahre lang nahm der Schieferabbau ein Auf und Ab, vor 50 Jahren schloss sie – und hat seitdem neue Bestimmungen gefunden.

Willingen – Das Jubiläum wird dieses Jahr gefeiert. Ortrud Thiel vom Heimat-, Kultur- und Geschichtsverein hat Quellen gesichtet und mit Zeitzeugen gesprochen, um die Geschichte der Grube festzuhalten.

Schwierige Anfänge für Schieferabbau in Willingen

Schon im Jahrzehnt vor der Eröffnung der Grube Christine wurde Schiefer abgebaut. Adam Schnier aus Velmede kaufte Felder auf, an zwei Stellen wurde gearbeitet: beim Viadukt am Hang oberhalb der Straße und bergabwärts vom Hirschsprung, nahe des Wegs zu Sommerrodelbahn. Doch er wurde den Schiefer nicht los: Im Upland fuhr nur die Postkutsche, der Abtransport war schwierig.

Auf das gleiche Problem stieß eine Kommandit-Gesellschaft von fünf Männern aus Nuttlar, die Schieferfelder aufkaufte und unterm Iberg fündig wurde – 1871 eröffneten sie die Grube Christine. Auch die Menschen vor Ort waren viel zu arm, um als Abnehmer für den Schiefer zu dienen: 1847 war Willingen halb abgebrannt, das Eisen- und Hüttenwesen wurde bereits Anfang des Jahrhunderts aufgegeben. In den 1880er Jahren war schon wieder Schluss, auch Grubenunglücke spielten eine Rolle.

Zwei Dinge läuteten die Wende ein: 1880 hatte der Kaiser verkündet, dass Dächer nicht mehr mit Stroh gedeckt werden sollen, sondern mit etwas „handfesten“. Damit begannen die Upländer Anfang des 20. Jahrhunderts. Und schließlich eröffnete 1917 die Uplandbahn mit Anbindung nach Kassel und ins Ruhrgebiet. Kaum hatte die Grube 1920 wieder geöffnet, kam die große Inflation, nur mit Tafelschiefer für Schulen hielt sie sich über Wasser.

Schiefergrube Christine mit besonderer Nutzung im Zweiten Weltkrieg

„Ab 1930 ging es wieder rund“, erklärt Ortrud Thiel: Die Anlagen wurden erneuert und in die Sicherheit investiert. Bei Kriegsbeginn wurde die Grube aber wieder stillgelegt.

Besondere Bedeutung erlangten die Grube und Adam Schniers alte Projekte dann, als sie als Bunker für die Bevölkerung ausgebaut wurden. „Es hatten alle Angst, dass das Viadukt angegriffen würde“, berichtet Ortrud Thiel. Ob es getroffen würde oder nicht: Von Willingen wäre wohl nicht viel übrig geblieben. Sie selbst weiß noch, wie ihre Mutter am Radio lauscht und immer einen Rucksack parat hatte, um in der Grube Zuflucht zu finden. Im Ort befand sich auch ein Entbindungsheim für Schwangere aus zerstörten Städten. Ging der Alarm, verfrachteten Willinger Jungs Mütter und Kinder in Wagen und Körbe und brachten sie in die ausgebaute Grube.

Heute ein Besucherbergwerk, im Krieg ein Schutz unter dem Berg: Die Grube Christine in Willingen.

Auch für die Kriegsführung war eine Nutzung angepeilt: Die Leuna-Werke in Halle stellten Benzin aus Kohle her – als ihre Fabriken bombardiert wurden, zogen sie in Sauerländer Bergwerke um. Anfang 1945 wurden noch kleine Gleise vom Bahnhof über die Kirchstraße zur Grube verlegt; eine Trasse vom Stryck über Orenberg und Iberg sollte Kohle liefern. Weit kam das Projekt vor Kriegsende nicht.

Willinger Schiefer erlebt Blütezeit, doch wird verdrängt

Dass die Grube in der Amerikanischen Besatzungszone lag, die Eigentümer-Gesellschaft aus Nuttlar aber in der Britischen, machte den Neustart kompliziert – aber ab 1947 ging der Abbau wieder los: „Weil ganz Deutschland in Trümmern lag, lief das Geschäft sehr gut“, hält Ortrud Thiel fest. Ob Kirchen, Schlösser oder Universitäten: Für den Wiederaufbau historischer Gebäude wurde Schiefer gebraucht. Und manch ein Soldat, der nicht in seine Heimat zurück konnte, war geblieben, fand Arbeit in der Grube und heiratete Willinger Mädchen.

1971 war Schluss: Die Bergleute der Grube Christine in Willingen nach der letzten Fahrt.

Der hochwertige Willinger Schiefer mit seiner blauen Farbe war sehr begehrt, „Christinenschiefer“ sogar als Marke eingetragen. Doch die Herstellung in Handarbeit war teuer, schließlich kam billigere Konkurrenz aus Spanien, oft wurde Schiefer auch durch Eternit ersetzt: „Es wurde nicht gewusst oder nicht erzählt, dass der nicht ganz ungefährlich war.“ Auch die Qualität in Willingen ließ nach – letztlich beschloss der Aufsichtsrat die Schließung. Im April 1971 unternahmen die Bergleute ihre letzte Fahrt.

Grube Christine in Willingen findet nach Schließung kreative Nutzung

Eine Firma aus Brilon nutzte die Schieferhalde noch zur Produktion von Hohlblocksteinen; aber schon der erste der ab 1971 wechselnden Besitzer plante ein Besucherbergwerk. Die Gemeinde kaufte 1976 zunächst das Außengelände, um Bauhof und Feuerwehrhaus unterzubringen; 1992 erwarb sie die Grube selbst und erneuerte sie. Der Landeskonservator wurde hinzugezogen, ein neues Eingangshaus mit Schiefer belegt. Eine Ausstellung gibt Einblicke in die frühere Arbeit, Führungen ins Bergwerk werden gut besucht.

Dass die unteren zwei Stollen mit Wasser vollgelaufen sind, ließ die Gemeinde die Nutzung für die Trinkwasserversorgung erwägen. Auch wenn daraus nichts wurde: Die Grube Christine wurde zur Attraktion für ausgebildete Taucher. Andere kreative Nutzungen umfassen etwa Hochzeiten im Bergwerk, „Glück Auf“-Meditationen unter Tage und einen Bäcker, der dort seinen „Stollen im Stollen“ reifen lässt.

In viele der historischen und aktuellen Nutzungen gibt es Einblicke, wenn das Jubiläum am 31. Juli und 1. August gefeiert wird. (wf)

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