Sprecher des Skigebiets im Interview

Klimawandel und mildes Wetter: Eine Katastrophe für das Willinger Skigebiet?

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Blickt gelassen auf das Wetter: Jörg Wilke, Geschäftsführer der Seilbahn

Was der milde Winter und der Klimawandel für den Wintersport in Willingen bedeuten, beantwortet ein Sprecher des Willinger Skigebiets im Interview.

An Schnee und Kälte mangelte es bislang. Im Interview erklärt Skigebietssprecher Jörg Wilke, was so ein Winter bedeutet und wie sich der Klimawandel auswirkt.

Über die Ferien hat das Willinger Skigebiet ein kleines Angebot aufrechterhalten, Montag stellte es den Betrieb vorläufig ein.

Ist der Start in den Winter enttäuschend?

Der Start war sicher holperig, weil die Kältephasen im Dezember relativ kurz waren. Wir hatten nur gut 30 Stunden, in denen wir Schnee machen konnten. Um die langen Pisten fertig zu belegen brauchen wir sicher 50 Stunden. Von daher war es ein eingeschränktes Angebot. Das fand ich aber für die Kürze der Zeit gut, und es ist auch toll angenommen worden.

Ob der Schnee fällt oder Sie die minus zwei Grad zum Produzieren haben: So oder so sind Sie vom Wetter abhängig. Haben Sie Sorgen, ob dieses zu Saisonhöhepunkten wie Karneval und Krokusferien mitspielt?

Eigentlich nicht. Im vergangenen Jahr hatten wir 86 Skitage – ein Skitag ist, wenn mindestens ein großer Lift läuft. Ab Mitte Dezember liefen Ritzhagen und Sonnenlift schon, der wetteranfälligere Ettelsberg ist erst am 20. Januar in Betrieb gegangen. Für uns ist so was schade, aber es ist nichts Ungewöhnliches. Der Brot- und Buttermonat im Liftbetrieb ist der Februar mit Krokusferien und Karneval. Und das liegt ja noch einige Wochen vor uns. Dadurch, dass wir überwiegend Tagesgäste haben, sind wir auch flexibler als die Alpen, wo die Gäste öfters mehrere Tage verbringen. Bei uns ist es so: Frau Holle schüttelt die Betten, und zwei Tage später ist der Gast aus Amsterdam hier. Dadurch, dass hier noch kein ernsthaftes Skifahren möglich war, gibt es voraussichtlich einen gewissen Nachholeffekt.

Sehen Sie hier den Trend, dass sich das Klima verändert?

Den Klimawandel gibt es, da sind wir uns einig. Es wird aber immer vom langjährigen Mittel gesprochen. Das täuscht über die Tatsache hinweg, dass der Trend im Sommer deutlich stärker ist als im Winter. Wie die Werte der Station des Deutschen Wetterdiensts auf dem Kahlen Asten zeigen, gibt es in der langfristigen Kurve nicht so viele Veränderungen. Für uns ist von Mitte Dezember bis Mitte März Winter, da liegt der Anstieg bei 0,1 oder 0,2 Grad in den vergangenen 30 bis 35 Jahren.

Die Willinger Skisaison sah bislang nur eingeschränkten Betrieb: Neben dem Ritzhagen (Bild) stellten die Anlagen auf der Dorfwiese ein Angebot auf die Beine. 

Es gibt oft den Eindruck, dass der Winter später beginne als früher. Können Sie das so bestätigen?

Das ist eine gefühlte Geschichte, wie mit weißer Weihnacht. Das bestätigt jeder Wetterdienst. Aber der Mensch erinnert sich immer an die guten Sachen. Nur ein kleines bisschen zieht sich der Winter nach hinten, sagen die Meteorologen.

Wir hatten jetzt ja auch zwei trockene Jahre – wie wirkt sich das auf die Wasserversorgung der Beschneiungsanlagen aus?

2019 war gar nicht mehr so trocken, weil wir nach hinten raus so viel Niederschlag bekommen haben – leider nur als Wasser. Auf die Wasserversorgung im Skigebiet wirkt sich Trockenheit erst mal nicht aus, wir haben den Wasserspeicher auf dem Ettelsberg. Da pumpen wir überschüssiges Wasser hoch – irgendwann im Jahr geht das und wenn es die Schneeschmelze ist. Für die Grundbeschneiung in einer Breite von 30 Metern und einer Höhe von 30 Zentimetern haben wir immer Wasser zur Verfügung. In einem trockenen Jahr kann es theoretisch passieren, dass es beim Nachpumpen Probleme gibt. Aber wenn eine Warmphase kommt, taut es, dann ist auch wieder Wasser im Bach. Wir mussten uns daher noch nicht oft einschränken.

Derweil bauen eigentlich alle Liftbetrieber ihr Sommergeschäft aus.

Das war schon vorher so. Willingen unterscheidet sich von den alpinen Orten. Dort ist in den vergangenen Jahren ganz viel Infrastruktur für den Sommer entstanden. Man hatte den Winter gepusht und dann gesehen: Ist ja doof, über ein halbes Jahr stehen die Anlagen rum. Willingen verfolgt seit jeher einen Ganzjahresansatz. Der Winter wurde erst mit dem Bau der Beschneiungsanlagen intensiviert – er wurde buchbar gemacht. Bestes Beispiel ist der Köhlerhagen: Die Anlage wäre nicht gebaut worden, wenn wir keinen Sommerbetrieb für Mountainbiker anbieten könnten. Wir denken alle in Ganzjahresrhythmen, daran ändert der Klimawandel nichts – er ist höchstens ein Argument dafür, diese Gangart beizubehalten.

Sie mussten ja schon immer im Sommer Geld verdienen.

Beispiel Ettelsberg-Seilbahn. Der gemeine Gast glaubt: Ok, hier steht jetzt ein Lift, die verdienen ihr Geld im Winter, im Sommer kommen ein paar Fußgänger. Fakt ist: Wir verdienen weit über die Hälfte unseres Geldes mit Fußgängern. Der Winter ist eine wichtige Saison, aber am Ende hängt nicht das Leben von ihm ab. Wir können einiges kompensieren, etwa durch einen guten Sommer.

Noch mal zurück zum Klimawandel: Künstliche Beschneiung gilt als sehr umweltbelastend – zu Recht?

Erst mal zwei Sachen, die nicht stimmen: Es wird immer wieder vom Wasserverbrauch gesprochen. Doch es wird kein Wasser verbraucht. Es wird im Grunde nur in anderem Aggregatzustand zwischengespeichert, also gebraucht, bevor es in seinen Bach zurückfließt. Zum anderen wird immer wieder von Hilfsmittelchen gesprochen, um Wasser früher gefrieren zu lassen. Wasser gefriert unter Null. Das ist ein physikalisches Gesetz. Da gibt es hier keine Wundermittelchen, mit denen wir bei fünf Grad plus Schnee produzieren können.

Nach dem holprigen Start in den Winter hoffen auch Skiverleih-Betreiber wie Matthias Wilke auf einen Wetterumschwung und einen starken Februar.

Und was ist mit dem Stromverbrauch?

Das mit dem Strom ist richtig: Die Anlagen, die wir haben, sind sehr energieintensiv. Aber ich muss es relativieren: Wir haben in Willingen rund 120 Schneeerzeuger, die laufen im Jahr keine 300 Stunden. Ich vergleiche es gern mit einem Mähdrescher: Der braucht auch sehr viel Diesel, aber er läuft nicht das ganze Jahr durch. Wenn wir sämtliche beschneiten Skigebiete in der Wintersportarena, also 50, 60 Pistenkilometer, mit 20 Zentimeter Schnee einschneien, benötigt das am Ende genau so viel Energie oder CO2 wie ein Ferienflieger, der mit 200 Personen von Frankfurt in die Dominikanische Republik fliegt und zurück. Mit der Grundbeschneiung einer Wintersportarena haben hunderttausende Menschen Schneesport vor der Haustür und müssen keine Riesenentfernungen in die Alpen zurücklegen. Wenn man das mal ins Verhältnis setzt, glaube ich, ist es gar nicht mehr so dramatisch. Die meiste Energie wird übrigens durch die Anfahrt verbraucht, wie bei jeder anderen Freizeitattraktion. Wenn man die Kilowattstunden aus Schneeerzeugung, Pumpen und Liftbetrieb hingegen umrechnet auf den einzelnen Skigast, ist das marginal.

Optimieren ließe sich das Ganze also, wenn der Gast mit dem ÖPNV käme?

Ja, genau. Aber auch da sind wir ja dran: Der Plan, eine Fußgängerbrücke über die Bahn zu bauen, ist zwar auch für die Gäste zum Beispiel am Samstag gedacht, um den Ettelsberg mit dem Ort zu verbinden. Die Ursprungsidee kommt aber daher, dass wir den Bahnhof, der nur 250 Meter Luftlinie von unserer Talstation entfernt ist, möglichst unmittelbar ins Skigebiet integrieren wollen. Einen Bahnhof direkt im Skigebiet gibt es in ganz Deutschland vielleicht noch ein- oder zweimal. Wir sind sehr daran interessiert, dass diese Anbindung kommt und mehr Leute die besser werdende Verbindung aus dem Süden, Kassel oder Westfalen nutzen und ohne Auto ins Skigebiet kommen. Die Bahn sehen wir schon als große Zukunftschance, um unseren Gästen eine entspannte Anreise ohne Parkplatzsuche zu ermöglichen und dem Individualverkehr im Ort entgegenzuwirken.

Wird auch noch an der Beschneiung selbst gearbeitet, um für die Zukunft gerüstet zu sein?

Wir haben Schneehöhenmessgeräte für die Pistenwalzen angeschafft. Damit sehen wir bis auf zwei Zentimeter, wie viel Schnee darunter ist und können ihn gleichmäßiger verteilen. Wir hoffen, dadurch auf Dauer weniger Schnee produzieren zu müssen. Die Temperatur hat sich laut Deutschem Wetterdienst nicht wesentlich geändert, die Gleichförmigkeit aber schon. Wir müssen also in der Summe nicht mehr Schnee machen – aber viel, wenn es drauf ankommt. Es wird auch in Willingen wärmer werden. Aber fürs Schneemachen sind weitere Faktoren neben der Temperatur wichtig, etwa die Luftfeuchtigkeit. Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten 25 bis 30 Jahren in Willingen Wintersport auf hohem Niveau anbieten können.

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