Computer zum Erfassen der Daten angeschafft - Archiv wird in Bad Arolsen aufgebaut

Waldeckischer Geschichtsverein will das Plattdeutsche in Ton und Schrift bewahren

Bei der Übergabe des Computers des Waldeckischen Geschichtsvereins an den Usselner Geschichts- & Heimatverein - von links: der Platt-Beauftragte des Geschichtsvereins, Andreas Karl Böttcher, der Usselner Vizevorsitzende Wilfried Arnold, der Vorsitzende Ludwig Behle, Geschäftsführer Hans Asmuth, der Vorsitzende des Waldeckischen Geschichtsvereins, Günter Engemann, das Usselner Vorstandsmitglied Christel Hildebrand und der Platt-Pionier Karl Heinemann aus Rhoden
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Bei der Übergabe des Computers in Usseln - von links: der Platt-Beauftragte des Geschichtsvereins, Andreas Karl Böttcher, Wilfried Arnold, der Usselner Vorsitzende Ludwig Behle, Hans Asmuth, der Vorsitzende des Waldeckischen Geschichtsvereins, Günter Engemann, Christel Hildebrand und der Platt-Pionier Karl Heinemann.

Der Waldeckische Geschichtsverein will das Plattdeutsche in Ton und Schrift bewahren. Dazu hat er acht Computer zum Erfassen der Daten angeschafft. In Bad Arolsen wird das zentrale Platt-Archiv aufgebaut.

Willingen-Usseln – Versierte Platt-Sprecher gibt es in Usseln noch einige. Auch ihre niederdeutsche Sprache will der Waldeckische Geschichtsverein für die Nachwelt erhalten: Der Vorsitzende Günter Engemann überreichte im 1982 eröffneten Heimatmuseum einen neuen Computer an den Chef des Usselner Geschichts- & Heimatvereins, Ludwig Behle. Die moderne Technik des Rechners ermöglicht Tonaufnahmen und den Aufbau einer Platt-Datenbank.

Insgesamt acht Apple-Computer hat der Waldeckische Geschichtsverein angeschafft. Möglich wurde dies dank der Förderung aus dem „Leader“-Programm der Europäischen Union. Im Frühjahr hatte der Diemelstädter Bürgermeister Elmar Schröder den Rhoder Platt-Forscher Karl Heinemann informiert, dass noch Projekte aufgenommen werden können.

„Den Förderantrag zu stellen, war meine erste Amtshandlung“, berichtete Engemann, der Mitte Februar gewählt worden ist. Prompt kam die Zusage: Bei Kosten von 14 000 Euro fließen 11 000 Euro als Zuschuss.

Acht Standorte zum Platt-Erfassen

Der Vorstand machte sich umgehend auf die Suche nach geeigneten Standorten:

  • Ein Rechner steht in der Geschäftsstelle in Bad Arolsen,
  • in Rhoden betreut Karl Heinemann einen Computer,
  • in Höringhausen steht der Rechner im Museum bei Heinrich Figge,
  • einen Rechner hat Karl-Heinz Kalhöfer-Köchling für die mit Tonaufnahmen bereits erfahrene plattdeutsche Arbeitsgruppe in Diemelsee abgeholt,
  • in Goddelsheim hat Reinhard Weber einen Rechner entgegengenommen,
  • ein Computer steht im Usselner Heimatmuseum,
  • in Landau soll ein Rechner stationiert werden,

Alle auf den Rechnern erfassten Dateien sollen im Bad Arolser Platt-Archiv zusammengeführt werden.

Der Platt-Beauftragte des Geschichtsvereins, Andreas Karl Böttcher aus Massenhausen, regte an, auch Sprecher aus Nachbardörfern zu Aufnahmen zu bitten. So könne Usseln auch Neerdar oder Willingen mit abdecken. Engemann hält es auch für denkbar, die Computer nach einigen Monaten weiterzugeben. Erst will der Verein Erfahrungen sammeln.

Einzigartiges Platt einzelner Dörfer in Datenbank einfplegen

Auf allen Rechnern ist das Programm aufgespielt, mit dem Karl Heinemann seine Datenbank mit Rhoder Platt aufgebaut hat. „Wir müssen vergleichbare Standards haben, damit das Material wissenschaftlich ausgewertet werden kann“, sagte Engemann. „Das ist ein wichtiger Gesichtspunkt.“

Ende der 1990er-Jahre suchte Heinemann den Kontakt zu den Sprachforschern der Marburger Universität, die ihm Empfehlungen gaben. Danach hat er 5400 Dateien und mehr als 700 Redensarten erfasst, wichtig dabei sind die Tonbeispiele. Er unterteilt Hauptwörter, Tätigkeitswörter und Eigenschaftwörter.

Heinemann habe eine Art Grammatik mit konjugierten und deklinierten Wörtern zusammengestellt, sagte Engemann. Damit könnten Leute auch später noch Platt lernen – so wie Englisch.

Vertonen und verschriftlichen

Heinemann führte die Usselner gleich in das Programm ein. „Damit könnt ihr mit realtiv wenig Aufwand euer Platt vertonen“, sagte er. „Was besseres gibt es nicht, die Aufnahme geht relativ schnell.“ Jeder Ort habe sein eigenes Platt, diese Besonderheiten gelte es einzupflegen.

„Unser Job ist es, Leute zu finden, die das Usselner Platt sprechen“, sagte Behle. Ihre Erzählungen werden als Tondateien gespeichert. „Wir wollen möglichst viel dokumentieren“, verspricht Geschäftsführer Hans Asmuth.

„Ich freue mich, dass ihr einen Computer nehmen wollt“, sagte Engemann den Usselnern: „Ich wünsche euch viel Spaß.“ Anfang nächsten Jahres soll es bei einem Treffen einen ersten Erfahrungsaustausch geben.

Das Platt-Archiv

Die auch Benrather Linie genannte Sprachgrenze zwischen dem Niederdeutschen und dem Mitteldeutsch-Hessischen verläuft durch Waldeck. Der Norden sagt ik, im Edertal heißt es ich.

Die neuen Computer sind nur ein Baustein des groß angelegten Platt-Projekts, mit dem der Waldeckische Geschichtsverein die vom Aussterben bedrohte Sprache der einzelnen Dörfer und Städte für die Nachwelt erhalten will. In der Geschäftsstelle im Schreiberschen Haus in Bad Arolsen soll ein zentrales Platt-Archiv aufgebaut werden, das die niederdeutsche und die im Edertal vorherrschende hessische Mundart Waldecks erfasst.

Plattdeutsche Arbeitsgruppen in möglichst allen sieben Bezirken

Ein weiteres Ziel ist, in allen sieben Bezirksgruppen plattdeutsche Arbeitsgruppen zu bilden, die das Platt bei Treffen pflegen und es dokumentieren.

Feste Ansprechpartner

Außerdem gibt es in den Bezirken feste Ansprechpartner, die sich regelmäßig austauschen und Platt-Angebote koordinieren sollen:

  • für Bad Arolsen Andreas Karl Böttcher,
  • für Bad Wildungen Manfred Albus,
  • für Diemelstadt Karl Heinemann,
  • für Diemelsee Karl-Heinz Behle,
  • für Korbach Harald Rösler,
  • für Lichtenfels Wilfried Heidel.
  • Für Waldeck wird noch jemand gesucht.

Interviews in möglichst allen Dörfern

Andreas Karl Böttcher plant zudem, Interviews mit versierten Platt-Sprechern in möglichst allen Städten und Dörfern Waldecks aufzunehmen. Zunächst erzählen die Teilnehmer über ihr Leben, dann übersetzen sie in ihr Platt die 42 kurzen Sätze, die der Sprachforscher Georg Wenker 1876 in ganz Deutschland versandt hatte – der Fundus ist die Grundlage für das Dialektarchiv des renommierten Deutschen Sprachatlas in Marburg.

Böttcher hat bereits rund 140 Platt-Sprecher auf Band, die Auswertung und Verschriftlichung läuft. „Das braucht Zeit.“ Weitere 40 Sprecher hat Dr. Werner Beckmann vom Sauerländer Mundartarchiv befragt. Hinzu kommen die Sprachaufnahmen in den sieben Computer-Standorten.

Böttcher plant zudem eine digitale Karte Waldecks fürs Internet. Beim Klick auf eine Stadt oder ein Dorf könnten sich Nutzer die Wenker-Sätze anhören. Ein ähnlicher interaktiver Sprachatlas wird gerade für Westfalen entwickelt. Außerdem würde Böttcher gern Platt-Forscher in Waldeck, Westfalen und Hessen besser vernetzen.

Und: „Wir suchen weitere Mitstreiter.“ Platt-Forscher könnten das Programm von Karl Heinemann auf ihren privaten Rechnern nutzen. Interessenten wenden sich an die Geschäftsstelle in Arolsen, Telefon 05691/6652, E-Mail info@waldeckischer-geschichtsverein.de. (-sg-)

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