Topsport, Party, perfekte Gastgeber

Was den Weltcup groß gemacht hat: Unsere „Hitliste“ von Willingen

Abschied von einem Großen: 2014 erklärt Martin Schmitt das Ende seiner Karriere - in Willingen. Es wird viel gedankt bei der Gelegenheit..

1995 gingen Willingen, der Ski-Club, die ganze Region eine Verbindung mit dem Skisprung-Weltcup ein. Sie hält seit 25 Jahren. Eine Geschichte des Erfolgs. Wir blättern sie auf: Unsere Top 10 des Weltcup-Wahnsinns.

Top 10: Die Premiere 1995. Schon in den 19990er Jahren sind Winter warm, selbst in den Alpen fallen Springen aus – in Willingen nicht. Als der Ski-Club den Intercontinentalcup 1994 trotz Plusgraden und Dauerregen meistert, ist der Weg frei. „Willingen ist reif für den Weltcup“, so der damalige Fis-Manager Paul Ganzenhuber. Der Termin für die Premiere ist ungewöhnlich: Nur einen Tag nach dem Finale der Vierschanzentournee springen die Athleten, von Innsbruck via Paderborn eingeflogen, die Quali. Den ersten Sieger Andi Goldberger feiern 35 000 Zuschauer.

Top 9: Der erste Dreifach-Weltcup. Weltcup Nummer drei 1999 bietet erstmals einen Teamwettbewerb (die Japaner gewinnen) und zwei Einzel – bei denen Noriaki Kasai allen davon springt. Martin Schmitt bestätigt als Zweiter und Vierter seine Rolle als neue deutsche Nummer eins. Die Organisation stößt an Grenzen des Wachstums. Das Stadion am Mühlenkopf platzt bei gesamt 80 000 bis 100 000 Fans aus allen Nähten. Bedenklich unter Sicherheitsaspekten. Ein Jahr später wird die Zahl der Besucher auf 30 000 pro Tag gekappt, es gibt mehr Sicherheitspersonal und Rettungswege.

Erster deutscher Sieger: Sven Hannawald gewinnt im Jahr 2002.

Top 8: Zeit der Kuscheltiere. Sven Hannawald gewinnt 2002 als erster Deutscher einen Weltcup in Willingen, der Hype um den gerade gekürten Grand-Slam-Sieger und den genauso populären Martin Schmitt erreicht einen Höhepunkt. Weibliche Fans ziehen Windeln an, damit sie ihren Platz am Schanzenauslauf nicht zum Toilettengang räumen müssen. Die jungen Frauen machen Heiratsanträge via Transparent, verschenken massenhaft Kuscheltiere. Schmitt launig: „Das nächste Mal muss ich wohl eine dritte Tasche mitnehmen.“

Top 7: Spontanes Springen von der Minischanze. Beim 17. Weltcup 2013 erwischt es Willingen: Winter pur mit Schnee, Frost, Sonnenschein – aber Absage am Sonntag, weil der Wind zu stark weht. Die 11 000 Fans bleiben, die Sportler danken es ihnen: Ein Dutzend springt spontan über eine vom Tretkommando gebaute Minischanze. Pechvogel Mackenzie Boyd-Clowes (Kanada) stürzt und bricht sich das Schlüsselbein. Bei Schmitts Schlusssprung auf 34 Metern jubelt die Menge trotzdem.

Top 6: Jede Menge Stars. Der Willinger Weltcup zieht Prominenz an. Neben Bundes- und Landespolitikern schauen regelmäßig Größen anderer Sportarten im Strycktal vorbei – Leverkusener, Schalker und Paderborner Bundesliga-Fußballer ebenso wie die Formel-1-Fahrer Niki Lauda, Gerhard Berger oder Ralf Schumacher. Gern gesehene Gesprächspartner: Box-Weltmeister Henry Maske und die heimischen Weltklassesportler Rainer Schüttler, Patrick Lange oder Carolin Schäfer.

Top 5: Schmitt sagt servus. Er hat 28 Weltcupsiege gefeiert, den Olympiasieg, vier WM-Titel und zwei Weltcup-Gesamtsiege – nur in Willingen gewinnt Martin Schmitt nie. Dennoch wählt er die Mühlenkopfschanze 2014 als letzte große Bühne. „Der perfekte Ort für den Abschied“, so die Liebeserklärung des Schwarzwälders ans Upland.

Top 4: Zu gut für die Weitenmessung. Janne Ahonen steht den zweiten Sprung bei seinem Sieg 2005 erst im Flachen. Kurze Zeit flackern 155,5 Meter als Weite auf, sie werden schnell auf 152,0 korrigiert. Damit liegt der Finne „nur“ einen halben Meter über der alten Bestmarke des Polen Adam Malysz. Die TV-Bilder offenbaren: Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Ahonen war zu gut für die damalige elektronische Weitenmessung. Der Slowene Jurij Tepes stellt 2014 den Schanzenrekord ein.

Wie war’s denn? Stephan Leyhe bei seinem Weltcup-Debüt in Willingen.

Top 3: Der Lokalmatador. Sein Debüt auf der Mühlenkopfschanze kommt überraschend. Noch im Bett liegend erfährt Stephan Leyhe am Telefon, dass er am Abend des 10. Februar 2012 in der Qualifikation für den erkrankten Michael Neumayer springen soll. Die Ausrüstung des 20-jährigen muss extra aus seiner Wahlheimat im Schwarzwald geholt werden. Der Schwalefelder verpasst das Wertungsspringen knapp. Seit 2015 ist der beliebte Lokalmatador Dauergast beim Heimatspringen. Die Schanze liegt ihm nicht. Sein größter Einzelerfolg bisher: Platz 16.

Top 2: Willingen ist Wahnsinn. Andreas Goldberger ist der erste Weltcup-Sieger am Mühlenkopf und der erste komplett begeisterte: „Es war gewaltig“, sagt er hinterher. Sven Hannawald findet: „Neben den Springen in Polen und bei der Vierschanzentournee ist Willingen der Wahnsinn.“ Nachdem am Weltcup-Sonntag 2019 23 500 Zuschauer Karl Geiger auf überragende 150,5 Meter und zum Sieg getragen haben, kriegt der Gänsehaut: „Unglaublicher Wettkampf, unglaubliche Stimmung. Es ist genial.“

Top 1: Ohne Free Willis geht nichts

Rund um die gelungene Mischung aus Sport und Party sind an die 1500 freiwillige und ehrenamtliche Helfer im Einsatz. Sie sind seit nunmehr 25 Jahren Garant dafür, dass etwa Fis-Renndirektor Walter Hofer bei all seinen Vorgaben und Forderungen schließlich immer wieder erklären konnte, „Willingen hat Maßstäbe gesetzt“. Schon im Jahr 2000 war Martin Schmitt, damals Dritter und Zweiter, voll des Lobes: „Willingen ist professioneller als die Vierschanzentournee.“ Daran hat sich bis heute nichts geändert – dank der vielen „Free Willis“.

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