Ohne Gäste keine Besinnlichkeit

Weihnachten im Lockdown: Willinger Gastronom schildert ungewohntes Fest

Hätte lieber Gäste als mehr Zeit am Christbaum: Für Oliver Frekot, Inhaber der Vis à Vis Hütte in Willingen, gehört das nach 31 Jahren in der Gastronomie einfach zu Weihnachten dazu.
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Hätte lieber Gäste als mehr Zeit am Christbaum: Für Oliver Frekot gehört das nach 31 Jahren in der Gastronomie einfach zu Weihnachten dazu.

Weihnachten bedeutet in der Gastronomie normalerweise jede Menge Arbeit. Im Lockdown steht viel still – ein Willinger Wirt berichtet von seinem Fest.

  • Im Lockdown sind Restaurants und Kneipen geschlossen, höchsten Außer-Dienst-Angebote sind möglich.
  • Für viele Gastronomen bedeutet das ein sehr ungewohntes Weihnachtsfest.
  • Mit Oliver Frekot aus Willingen sprachen wir über das Fest und die Gefühle zum Jahresende.

Willingen – „Frekot, du machst das richtig, dass du Koch wirst: Die Leute gehen immer essen, du wirst nie zu Hause sitzen und dich langweilen“: Bei der Erinnerung an die Worte seines ersten Küchenchefs nimmt Oliver Frekot die Hand an die Stirn, schüttelt den Kopf und lacht angesichts der Ironie des Schicksals. So lange haben sie gestimmt, dieses Jahr steht alles Kopf. Während er normalerweise wegen Weihnachtsfeiern und Gänseessen einen sehr beschäftigten Advent erlebt und die beiden Weihnachtsfeiertage als Chef und Koch von früh bis spät in der „Vis à Vis Hütte“ in Willingen verbringen würde, sagt er dieses Jahr: „Ich habe noch nie so viel Zeit gehabt.“

An den Weihnachtsfeiertagen bietet er ein Außer-Haus-Geschäft von 12 bis 18 Uhr, die Reservierungen liefen auch ganz gut. Aber schon in den vergangenen Wochen habe er mit Frau und Kindern Brett- und Kartenspiele neu für sich entdeckt: „Dass man wieder so weit runter fährt, ist mal was für sich.“ Nur ein Trost, das sei es nicht: „Natürlich würde ich lieber in der Küche stehen.“

Dabei geht es einerseits ums Geldverdienen – für ihn ist es sonst eine umsatzstarke Zeit und von den versprochenen Novemberhilfen sei noch kein Cent gekommen. Aber es ist mehr als das: Bei allem Trubel sei die Vorweihnachtszeit für ihn die besinnlichste Zeit überhaupt. „Ich freue mich auf jeden Gast.“ Knisternde Flammen auf der Terrasse, Feuerzangenbowle, idealerweise Kälte und ein bisschen Schnee: „Das bleibt den Leuten mehr im Kopf als alles andere. Sie möchten verwöhnt werden und etwas anderes als sonst haben.“

In 31 Jahren Gastronomie habe er nie alle Feiertage zu Hause gesessen. So ganz tut er das dieses Jahr auch nicht, aber ohne Gäste falle für ihn die Besinnlichkeit weg: „Damit, sich zu Hause gemütlich hinzusetzen, kann man das gar nicht auffangen.“

Willinger Gastronom blickt auf Pandemie-Jahr zurück

Mit dem nahenden Jahresende blickt er zurück auf die vergangenen Monate: Wirklich zu greifen sei dieses Jahr nicht. Da war im Frühjahr das seltsame Gefühl, den Ort plötzlich fast menschenleer zu erleben. Nun sei er ein bisschen sauer, und auch enttäuscht vom Umgang mit Gastronomie, Hotellerie, Veranstaltungs- und Freizeitbranche. Es hätte einen rigorosen Lockdown geben müssen, spätestens im Dezember, in dem ohnehin viel Firmen Betriebsferien haben.

Er wolle sich nicht herausnehmen zu sagen, wer zumachen solle. Aber Fragen bleiben: Weshalb öffnen Blumengeschäfte während Schuhläden zu haben? Wieso läuft der Profisport, aber Tierparks und Zoos dürfen keine Gäste einlassen? „Und warum dürfen die Leute nicht Ski fahren?“, fragt Frekot – Verweise auf Après-Ski zählen nicht, dem sei durch Schließungen und Tanzverbot doch vorgebeugt. „Das Problem ist, dass es nicht plausibel dargestellt wird.“

Ähnlich wünschte er sich eine klare Positionierung zu den Hilfen: „Die hat man versprochen und sich weder vorher noch nachher drum gekümmert.“ Eine Öffnung am 10. Januar sei abgeschrieben – könne die Gastronomie überhaupt im Februar wieder öffnen? Und das in einer Form, in der niemand entlassen werden muss?

Fehlende Weihnachtsstimmung, wenig Einnahmen, keine Perspektive: „Ich glaube, das größte Paket unterm Baum ist dieses Jahr das mit den Fragen.“ Einen kleinen Hoffnungsschimmer hat er immerhin: Dass der Wegfall der Normalität im Jahr 2020 die Menschen erkennen lässt, dass nicht alles selbstverständlich ist, sie sich bewusst für Nachhaltigkeit entscheiden und mehr genießen. (wf)

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