Interview

Modehaus-Chef warnt: „Für viele Betriebe ist die Lage dramatisch“

Leuchtender Protest: Der Düsseldorfer Flagship-Store von Breuninger mahnt mit roten Lichtern das Ende des Lockdowns an.
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Leuchtender Protest: Der Düsseldorfer Flagship-Store von Breuninger mahnt mit roten Lichtern das Ende des Lockdowns an.

Der Chef des Modehauses Breuninger, Holger Blecker, hat eine rasche Öffnung des Handels gefordert. Angesichts des monatelangen Lockdowns sei die Lage für viele Betriebe inzwischen „dramatisch“.

Stuttgart - Das Modehaus Breuninger hatte zuletzt mit einer Klagewelle gegen den Corona-Lockdown bundesweit für Aufsehen gesorgt. Mit einem Vor-Corona*-Umsatz von gut 900 Millionen Euro gehören die Stuttgarter zu den Schwergewichten der Branche.

Herr Blecker, Breuninger hat mit seinen Klagen gegen den Lockdown bundesweit für Aufsehen gesorgt. Wie überrascht sind Sie von dem Echo auf Ihren Vorstoß?
In der Tat haben wir in den vergangenen Tagen seit Bekanntwerden sowohl für unsere Klageverfahren als auch für unsere Teilnahme an der breit angelegten Handels-Initiative „Das Leben im Zentrum“ großen Zuspruch von vielen Seiten erfahren, aus der Branche und weit darüber hinaus. Das Ausmaß des Feedbacks hat uns dennoch etwas überrascht.
Ist die Lage im Einzelhandel denn wirklich so schlimm?
Unterm Strich ist die derzeitige Situation dramatisch, da die Lasten in der Wirtschaft ungleich und willkürlich verteilt werden. Bereits seit dem 16. Dezember 2020 wird dem Einzelhandel die Geschäftsgrundlage durch die Schließung entzogen. Mit jedem weiteren Tag Lockdown verliert der Handel Mittel für Investitionen in die Zukunft. Generell mache ich mir Sorgen um die Substanz in vielen Innenstädten und die Balance zwischen Handel, Kultur und Gastronomie. Viele Betriebe werden eine Verlängerung des Lockdowns nicht weiter aushalten können. Die Branche braucht dringend eine Öffnungsperspektive zur Zukunfts- und Arbeitsplatzsicherung.
Wie sehr hat der Lockdown Breuninger denn selbst getroffen?
Breuninger ist seit Jahren profitabel mit unserem Onlineshop sowie den Stores in den Innenstädten. Unsere Häuser sind nun jedoch bereits seit fast drei Monaten geschlossen. Selbst ein solides aufgestelltes Unternehmen wie Breuninger kann nicht ewig von der Substanz leben. In den letzten Jahren sind wir immer stärker als der Markt gewachsen, online und offline, waren dabei immer nachhaltig profitabel und haben hohe Summen in die Zukunft des Unternehmens investiert. Jeder weitere Lockdown-Tag greift jedoch unsere erfolgreich erwirtschafteten Ressourcen an und schmälert dementsprechend unser Investitionsvolumen für die Zukunft, beispielsweise für Digitalisierungskonzepte.
Am Mittwoch beraten Bund und Länder über ihr weiteres Vorgehen. Was fordern Sie konkret von der Politik?
Wir fordern zwingend eine Öffnungsperspektive: Der Handel braucht Verlässlichkeit hinsichtlich Öffnung und damit Planbarkeit. Des Weiteren benötigt es eine langfristig tragfähige Strategie zum Umgang mit der Pandemie. Die Lösung können nicht dauerhafte Lockdowns für willkürlich gesetzte Teile der Wirtschaft sein. Wir haben 2020 bewiesen, dass der Besuch unserer Department Stores und das gleichzeitige Einhalten von Hygiene- und Sicherheitsregeln sehr gut funktionieren. Eine ganze Branche und die Innenstädte als Ganzes sind derzeit massiv gefährdet. Funktionierende Innenstädte können nur mit einem attraktiven Mix aus Kunst, Kultur sowie einer guten Gastronomie und einem abwechslungsreichen Handel bestehen. Hierum machen wir uns große Sorgen und sind deshalb auch Teil der groß angelegten Handels-Initiative „Das Leben gehört ins Zentrum“. Mit dem gemeinschaftlichen Engagement als Weckruf an die Politik hoffen wir, neben unserem Online-Shop auch bald wieder stationär für unsere Kunden da sein zu können. Pandemiebekämpfung und geöffnete Ladentüren sind kein Widerspruch. Jetzt gilt es neben der Gesundheit auch die Innenstädte und die Arbeitsplätze zu erhalten.
„Großes Echo auf Klagen gegen Lockdown“: Breuninger-Chef Holger Blecker
Wie könnte ein kluges und ausgewogenes Konzept denn aus Ihrer Sicht aussehen?
Wir haben im Zuge des ersten Lockdowns bereits Ende April 2020 einen hohen sechsstelligen Betrag in ein eigenes Hygienekonzept investiert und dieses umgesetzt. Der Breuninger Hygienestandard enthält umfangreiche Schutzmaßnahmen, um allen Kunden flächendeckend ein sicheres Einkaufserlebnis zu ermöglichen. Maßnahmen wie eine regelmäßige Reinigungs- und Desinfektionsfrequenz, das Tragen von Masken sowie ausreichend Sicherheitsabstand sind ebenso Bestandteil wie eine über Ampelsystem geregelte Einlasssituation, wodurch die Personenanzahl auf den Verkaufsflächen begrenzt wird und Mindestabstände sichergestellt werden. Auch die Mitarbeiter werden fortwährend geschult und informiert, sodass die Breuninger Services sicher angeboten werden können. Der Handel gilt neuesten Studien etwa der TU Berlin oder des RKI zufolge nicht als Infektionsherd. Insofern glaube ich weiterhin daran, sicheren Handel und lebendige Innenstädte ermöglichen zu können. Wir wollen unseren Teil an Verantwortung übernehmen und haben funktionierende Hygienekonzepte, wie bereits im vergangenen Jahr bewiesen. *Merkur.de ist Teil von IPPEN.MEDIA.

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