Interview

Commerzbank-Chefvolkswirt: „Einen zweiten Lockdown können wir uns wirtschaftlich nicht leisten“

Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank
+
Jörg Krämer, Chef-Volkswirt der Commerzbank

Der Chef-Volkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, ist zuversichtlich, dass sich die Industrie in Deutschland weiter erholt. Voraussetzung sei aber, dass die Ausbreitung der Pandemie unter Kontrolle bleibt.

  • Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet trotz steigender Corona-Fallzahlen keinen Rückfall in die Rezession.
  • Auch das Beispiel USA zeige, dass die Konjunktur sich ungeachtet einer zweiten Corona-Welle erhole.
  • Wichtig sei aber, dass die Behörden die Anti-Corona-Maßnahmen konsequent umsetzten.
Herr Dr. Krämer, die Corona-Zahlen steigen weltweit wieder deutlich an. In Deutschland liegt die Anzahl der Neuinfektionen inzwischen bereits wieder auf dem Niveau von Anfang April. Wie besorgniserregend ist diese Entwicklung aus wirtschaftlicher Sicht?
Krämer: Wichtiger als die Zahl der Neuinfektionen ist die Zahl der Corona*-Patienten in den Intensivstationen der Krankenhäuser. Diese hat sich zwar in den vergangenen vier Wochen verdoppelt, liegt aber zum Glück immer noch weit unter den Höchstständen von Anfang April. Jetzt kommt es darauf an, dass die Behörden die Anti-Corona-Maßnahmen konsequent umsetzen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bereits vor einem weiterem steilen Anstieg gewarnt. Zu Weihnachten könnte die Zahl der Neuinfektionen bei 19.000 Fällen liegen, warnte sie jüngst. Wäre ein erneuter Lockdown so überhaupt noch zu verhindern?
Krämer: Es wird keinen zweiten undifferenzierten Lockdown geben. Das können wir uns wirtschaftlich gar nicht leisten. Außerdem haben wir alle dazugelernt. Mit zielgerichteten Maßnahmen gegen Corona kann man viel mehr erreichen als mit einem Lockdown. Im übrigen sollten wir uns auf solche Maßnahmen konzentrieren, die die Menschen schützen und gleichzeitig Wirtschaft ermöglichen. Damit meine ich Gesichtsmasken und umfangreiches Testen.
Für welche Branchen wäre eine solche Entwicklung besonders bedrohlich? 
Krämer: Aus Angst vor Ansteckung meiden die Menschen Dienstleistungen wie Geschäftsreisen, Flugreisen, Messen, Restaurants. Diese dürften unter einer zweiten Welle besonders leiden. 
Auch die Automobil-Industrie hat stark unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu leiden. Zuletzt hat sich die Lage bei BMW*, VW* oder Mercedes-Benz etwas aufgehellt. Wie schlimm wäre ein neuerlicher Rückschlag für die einstige deutsche Vorzeigebranche?
Krämer: Anders als viele Dienstleistungen kommt die Industrie mit ihren Kunden meist nicht körperlich in Berührung. Deshalb hat sich die Industrie in den letzten Monaten viel besser entwickelt als viele Dienstleistungen. Die Industrie und hier besonders die Autoindustrie hat einen Großteil des Corona-Einbruchs aufgeholt. Bleiben die Geschäfte als der Absatzkanal der Industrie offen, dürfte sich die Industrie weiter erholen, wobei sich die Zuwachsraten nach der starken Erholung der zurückliegenden Monate verlangsamen sollten.
Was würde das für die Konjunktur in Deutschland bedeuten? Droht dann der erneute Rückfall in die Rezession?
Krämer: Eine zweite Corona-Welle bedeutet nicht automatisch eine zweite Rezession. Die Politiker, Unternehmen und Konsumenten haben einen gewissen Umgang mit Corona erlernt. Wir müssen wegen Corona nicht einfach dichtmachen. Im übrigen machen die Erfahrungen aus den USA Mut. Dort gab es im Sommer eine zweite Corona-Welle und die Wirtschaft hat ihre Erholung fortgesetzt.
Deutschland hängt als Exportweltmeister stark von der Entwicklung in anderen Ländern ab. Aber vor allem in Spanien und Italien kehrt Corona gerade mit Macht zurück. Auch in Frankreich und Großbritannien trübt sich die Lage derzeit rapide ein, in den USA scheint die Pandemie außer Kontrolle. Wie gefährlich ist das für die deutsche Konjunktur?
Krämer: Auch unsere Handelspartner können sich keinen zweiten undifferenzierten Lockdown leisten, auch sie haben im Umgang mit Corona dazugelernt. Deshalb erwarte ich im Ausland keine zweite Rezession, wohl aber eine Verlangsamung der Aufwärtsbewegung. *Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen Digital Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare